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Die Welt · 1913-12-12 · 50 (12.12.1913) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
50 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1698 ■..-■■■ ' ■ Ehrung des ungarisch-jüdischen Dichters Josef Kiss Anläßlich des 70. Geburtstages von Josef Kiss veranstaltete die Petöfi-Gesellschaft, die Vereinigung des literarischen Jung-Ungarns, dem bekannten ungarisch-jüdischen Dichter zu Ehren eine Feier, die seiner Bedeutung in der ungarischen Literatur würdig war und Kiss, eine der interessantesten Persönlichkeiten des ungarisch-jüdischen Assimilantentums, für einige Tage in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stellte. Kiss entstammt dem Milieu der ungarischen Dorfjuden. Am Ende der siebziger und am Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erregten seine Gedichte, insbesondere seine oft jüdische Themen behandelnden Balladen, die in mehreren Uebersetzungen auch dem deutschlesenden Publikum bekannt wurden, allgemeines Interesse. Einige dieser Gedichte, so die ergreifend schöne Ballade „Judith Simon“, gehören zum ständigen Repertoire aller Rezitationskünstler. In dieser Epoche veröffentlichte er auch einen Band religiöser Gedichte, darunter auch viele Nachdichtungen alter und neuerer Synagogalgesänge. Um seine literarische Persönlichkeit entbrannte bald ein überaus heftiger Kampf. Das gerade damals emporkommende jüdische Assimilantentum berief sich, um seine Anpassungsfähigkeit zu beweisen, auf Kiss, und forderte ungestüm seine allgemeine Anerkennung als einen der größten ungarischen Dichter. Dies verursachte eine Reaktion. Der größte magyarische Kritiker und Literaturhistoriker, Paul v. G y u 1 a i, unterzog das dichterische Schaffen von Kiss einer scharfen und strengen Kritik, und kam zu dem Schlüsse, daß diese Gedichte dem Wesen des magyarischen Genius fremd und unverständlich sind ... Er wußte es auch zu verhindern, daß Kiss nach der Mitgliedschaft der Petöfi-Gesellschaft, der ersten Stufe der Anerkennung, auch die weiteren Stufen erklimme. Dabei entfernte sich der Dichter mit dem Anwachsen der Assimilation zusehends vom Judentum. Es ist auch ein öffentliches Geheimnis, daß er schon öfter nahe daran war, seine letzten Beziehungen zum Judentum zu lösen. Dementsprechend beeilte er sich auch, am Vorabende seiner Ehrung zu erklären, daß er niemals als Jude, immer nur als Magyare dichterische Werte schaffen wollte. Daß ihn die Assimilantenblätter diesseits und jenseits der Leitha anläßlich seiner Ehrung für sich reklamieren, ist nur natürlich. Eine Interpellation wegen der jiddischen Sprache im österreichischen Reichsrat Der Abgeordnete Heinrich Reizes brachte in der Sitzung des österreichischen Reichsrats vom 18. November eine Interpellation ein, die folgenden Vorfall behandelte: Der Direktor des Staatsobergymnasiums in Buczacz, Franciszek Zych, hat in den ersten Tagen des Novembers an die jüdischen Schüler der von ihm geleiteten Anstalt einen Erlaß gerichtet, der ihnen den Gebrauch der jiddischen Sprache sowohl in der Schule wie auch außerhalb derselben im privaten Verkehr untereinander verbietet. Für Schüler, welche sich diesem Befehle nicht fügen sollten — heißt es im erwähnten Erlasse — würde in der Schule kein Platz mehr sein. Dieser gesetzwidrige Erlaß, wird in der Interpellation ausgeführt, ist geeignet, die Empfindungen der Schüler, ihrer Familien sowie der jüdischen Bevölkerung auf das schwerste zu verletzen und zwischen Eltern und Kindern eine Spaltung hervorzurufen, da er den Kindern Verachtung der Sprache ihrer Väter und Erzieher einflößt. Der Kultusminister wird in der Interpellation ersucht, zu veranlassen, daß der Direktor des k. k. Staatsobergymnasiums in Buczacz zur Verantwortung gezogen und beauftragt wird, das Verbot der Benützung der jiddischen Sprache zurückzu- Nr. 50 Die Interpellation, der eine symptomatische Bedeutung zukommt, wurde von den Mitgliedern des ukrainischen Klubs und von den Abgeordneten Dr. Benno Strauchcr und Emest Breiter mitunterzeichnet. Kongreß der jüdischen Gemeinden in Italien In diesen Tagen findet in Rom endlich nach langen Vorbereitungen der schon lange angekündigte öffentliche Kongreß der jüdischen Gemeinden Italiens statt. Wie bekannt, besteht schon seit einigen Jahren in Italien eine Art „Gemeindebund“, der die Interessen des italienischen Judentums zu vertreten hat: es ist dies der „Comitato delle Comunitä israelitiche“, der in Rom vom Comm. Angelo Seren i und Cav. Colombo geleitet wird. Bis jetzt war der „Comitato“ eine freiwillige Vereinigung der Gemeinden; nun möchte die Zentralleitung dieses „Comitato“ in eine „gesetzliche Repräsentanz“ der italienischen Judenheit umwandeln. Diese Tendenz begegnet aber einem heftigen Widerstand in verschiedenen Gemeinden und merkwürdigerweise gerade in der römischen Gemeinde, deren Vorsteher gleichzeitig Präsident des „Gemeindebundes“ ist. Eine der Hauptdebatten auf dem nächsten Kongreß wird sich eben über diese Frage der „gesetzlichen Repräsentanz“ entspinnen. Vorläufig wird sie in der jüdischen Presse Italiens diskutiert, in der Männer wie Comm. Ravenna (der in einem bedeutenden Artikel im „Vessilo Israelitico“ die Frage juristisch beleuchtet), Cav. Colombo u. a. für die gesetzliche Repräsentanz eintreten. Dagegen treten die Mitarbeiter der „Settimana Israelitica“ auf. Wie vorauszusehen ist, wird der Kongreß besonders bewegt sein. Vorläufig haben wir die Demission von Prof. Colombo von seinem Amte als Vizepräsident der römischen Gemeinde zu verzeichnen, da der Vorstand der Gemeinde gegen das Projekt des „Gemeindebundes“ gestimmt hat. Dr. Margulies und die Unitä Cattolica Mit Bezug auf die Information unseres Gg. Tobias Markus in der Nr. 49 der „Welt“, die er vom Rabbiner Margulies eingeholt hat, schreibt uns unser italienischer Korrespondent : Die Behauptung von Dr. Margulies: „In der Tat war in den folgenden Nummern des Blattes (Unitä Cattolica) über den Ritualmord nichts mehr zu lesen. Das Blatt druckte auch die Zuschrift von Dr. Margulies vollinhaltlich ab und begleitete sie mit einigen offenbar ausweichenden Verlegenheitsphrasen“, widerspricht durchaus den Tatsachen. Die „Unitä Cattolica“ druckte zwar den Brief von Dr. Margulies ab, fügte aber nicht „einige ausweichende Verlegenheitsphrasen“, sondern — eine lange unverschämte Antwort an, wo sie auf ihrem Standpunkt beharrt und ihn sogar mit „Dokumenten“ illustriert. Nicht nur ist es unrichtig, daß „in den folgenden Nummern nicht zu lesen“ war, sondern die Unitä fuhr mit ihrer Hetze fort. Ich zitiere nur einige Nummern, die gerade auf meinem Schreibtisch liegen, und in denen vom Ritualmord im Stile der „Nowoje Wremja“ die Rede ist: Am 13. November erschien die schändliche Antwort auf den Brief von Dr. Margulies, am 22. November (Nr. 267) erschien ein längerer Artikel „L/Ebreo“, in welchem die Juden — außer der Ritualmordanklage — allerlei Liebenswürdigkeiten zu hören bekommen. In den Nummern 271, 272, 274, 277 u. a. wird in besonderen Artikeln über den Ritualmord gesprochen und den Lesern zwecks Propaganda verschiedene Werke empfohlen, darunter ein italienisches mit dem Titel: „II sangue cristiano nei riti ebraici della modema sinagoga, Prato 1888“ („Das christliche Blut in den jüdischen Riten der modernen Synagoge“)- Ich könnte noch weiter zitieren. Kann man da von „Erfolg“ sprechen? Wie verhält es sich also mit der Behauptung, „in der Tat war in den folgenden Nummern nichts mehr zu lesen?“ Das Urteil überlasse ich den unbefangenen Lesern. blE^KELT

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