Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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- Tunis 1× ep/1048155
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Nr. 50 LT 1697 der westlichen Türkei könnte sie von hervorragender Bedeutung werden. Unter der griechischen Herrschaft wird vielleicht die unter dem' türkischen Regime so bevorzugte Stellung der Juden von Saloniki sehr beeinträchtigt werden, während anderseits durch die Intervention der Franzosen in Marokko den dort lebenden Juden volle Sicherheit garantiert worden ist. Die Bedeutung der Juden für die Entwicklung von Nordafrika ist sehr bemerkenswert.“ Nach einer Erörterung des gewaltigen Anteils der Juden an den Kulturschöpfungen der Renaissance und der Schuld der römisch-katholischen Kirche an den Judenverfolgungen in Algier und Tunis sprach sich Sir Johnston über die jüdische Kolonisation in Palästina in folgendem Sinne aus: Die Anzahl der Juden, die heute Veranlassung haben, mit ihrem Lose unzufrieden zu sein, würde vollkommen genügen, um Palästina und Midian zu füllen. Unter jüdischer Herrschaft könnte zwischen der Südgrenze der französischen Sphäre Syriens, den Grenzen von Aegypten und dem eigentlichen Arabien ein Gemeinwesen entstehen, das für das politische Gleichgewicht im Orient von größter Wichtigkeit werden dürfte. Dieses jüdische Gebiet würde auch Midian umfassen, sich daher bis zum Roten Meer erstrecken und auch einige Häfen im Mittelländischen Meer umfassen. Die Verwirklichung dieses Projekts ist nach Johnstons Meinung lediglich eine Geldfrage, und man sollte meinen, die finanziellen Stützen des Zionismus müßten genügend Mittel aufbringen können, um der jüdischen Kolonisation in Palästina und Midian unter der Oberherrschaft des türkischen Sultans zu entscheidender Bedeutung zu verhelfen, ohne daß dadurch die eingesessene Bevölkerung beeinträchtigt /? O [[ □ □ □ □ □ O WELTCHRONIK □ □□□□□ jj o Deutsch-israelitischer Gemeindetag Am 7. Dezember fand in Berlin, in den Räumen des Logenhauses, der 14. ordentliche Gemeindetag des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes in Anwesenheit von ungefähr 400 Delegierten statt. Der einzige Punkt der Tagesordnung, der zu einer einigermaßen eingehenden Beratung führte, war der von unserem Gesinnungsgenossen Rechtsanwalt Dr. Victor- Wandsbek eingebrachte Antrag auf Einführung der Proportionalwahlen zum Ausschuß des Gemeindebundes. Die vorbereitende Kommission hatte sich gegen den Antrag ausgesprochen und Rechtsanwalt Cohn- Dessau begründete ihren Beschluß mit dem Hinweis auf das Recht der Majorität, nur jene Vertreter wählen zu lassen, die i h r passen. Vergeblich setzte sich der Führer der Orthodoxen, Moritz H. Loeb- Berlin, für das Proportionalwahlrecht ein. Der Antrag des Verbandes der Schleswig-Holsteinischen Synagogengemeinden zur Frage der jüdischen Volksschulen wurde zurückgezogen, da der Ausschuß des Gemeindebundes in vertraulichen Sendschreiben die Delegierten aufgefordert hatte, eine Beratung des besonders für die jüdischen Lehrer Deutschlands wichtigen Antrags nicht zuzulassen. Hierauf erklärte der Gemeindetag sogar, daß der Gemeindetag die jüdische Schulfrage überhaupt nicht behandeln dürfe. Sie gehöre nicht vor sein Forum. Ein Kulturkampf In Oesterreich Aus Wien schreibt uns unser Korrespondent: Wenn bisher alle Bemühungen versagt haben, eine Revision des ungeheuerlichen Prozesses gegen Leopold Hilsner herbeizuführen — das Ergebnis der Beilisaffäre wird den Ruf nach Wiederaufnahme des Verfahrens nicht verstummen lassen, bis alle Einsichtigen und Gewissenhaften aufgerüttelt sind und der furchtbare Justizirrtum aus der Welt geschafft, das im Kerker schmachtende unglückliche Opfer rehabilitiert ist. Mit Recht hat jüngst ein Führer des böhmischen Volkes, Abgeordneter Prof. Masaryk, in einem vielbemerkten Artikel darauf hingewiesen, daß es vor allem Pflicht der nichtjüdischen Faktoren Oesterreichs wäre, die Ausmerzung dieser Kulturschande zu veranlassen. Eine Parallele zwischen Kiew und Polna fällt sehr zuungunsten Oesterreichs aus, denn man bedenke: Die „Beweisführung" der russischen Ritualmordpropagatoren war trotz hrer skrupellosen Verlogenheit viel raffinierter und bestechender und viel mehr geeignet, auf haßerfüllte, in Vorurteilen befangene, völlig ungebildete Volksrichter einzuwirken, die ein gefügiger russischer Subaltembeamter anführte, als die Beweise des österreichischen Staatsanwaltes, der doch mit einer weitaus intelligenteren Geschworenenbank rechnen mußte. Es hat sich z. B. im Kiewer Prozesse nicht ereignet, daß ein Kronzeuge behauptete, den Angeklagten in der Dämmerung auf eine Distanz von 600 Schritten erkannt zu haben, und daß der Gerichtsarzt bei dem nämlichen Zeugen — eine die Sehkraft schwächende Augenkrankheit konstatierte. Der Kampf für die Revision des Hilsnerprozesses ist ein Kulturkampf und er kann nicht ohne Erfolg bleiben, wenn ihn die österreichische Judenheit mit Zähigkeit weiterführen und sich von den Drohungen der Judenhasser nicht abschrecken lassen wird. Um die galizische Wahlreform Unser Wiener Korrespondent schreibt uns: Der Kampf um die galizische Wahlreform wird gegenwärtig im galizischen Landtage fortgesetzt und aller Voraussicht nach zu einem für die Juden sehr traurigen Ergebnisse führen. Es wurde an dieser Stelle wiederholt hervorgehoben, daß sich die Situation der jüdischen Wählerschaft mit der Dauer der Verhandlungen verschlimmert, daß sie, denen nach Kopfzahl und Steuerkraft fast 30 Mandate gebühren, im neuen Landtage kaum vertreten sein werden. Gegenwärtig gibt sich der, seit den blutigen Ereignissen von Drohobycz berühmt gewordene Polenklubjude Dr. v. Löwenstein alle Mühe, um die Annahme des Proportional Wahlsystems zu hintertreiben, das den Juden wenigstens in 5 Städten Mandate sichern würde. Er führte im Landtage aus, diese Maßnahme käme den „konfessionellen Kurien" gleich und würde ganz grundlos gefordert, „da doch die Juden stets den polnischen Interessen gedient haben". Wir kennen diese Argumente. Sie wurden von den Wiener assimilatorischen Größen ins Treffen geführt, als es galt, die jüdische Kurie in der Bukowina zu hintertreiben und Löwenstein, der ein Interesse daran hat, das unsere galizischen Brüder entwürdigende, demoralisierende „Hausjudentum" zu erhalten, wärmt sie skrupellos auf. Noch verwerflicher aber ist es, im gegenwärtigen Stadium des polnisch-ruthenischen Ausgleichs die Juden einfach für die „polnischen Interessen", das bedeutet natürlich für die polnische Hegemonie zu usurpieren. Der Unwille der galizischen Judenschaft über die Quertreibereien Löwensteins wächst von Tag zu Tag und sein unermüdliches Bestreben, den Juden die infame Rolle fremdnationaler Büttel zuzuweisen, hat sogar die Entrüstung anderer assimilatorischer Führer, insbesondere der Abgeordneten Dr. Groß und K o 1 i s c h e r, hervorgerufen.