Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316622--58293-3376814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1696 Nr. 50 Levantinisches Judentum Aus Konstantinopel schreibt uns unser dortiger Korrespondent: Die Juden in der Türkei befinden sich in einer beneidenswerten Situation. Von den Behörden unbelästigt, ganz autonom in der Ordnung ihrer national-religiösen Angelegenheiten, besitzen sie sogar in der Person des Großrabbiners der Türkei ein offizielles, mit staatlichen Würden ausgezeichnetes Stammes- und Religionsoberhaupt. Wie vieles könnte demnach hier für die Juden und das Judentum erreicht werden, wenn die Gemeinde tätiger, ihre Mitglieder interessierter wären. Leider ist zu sagen, daß die hiesigen Juden ihre glückliche Situation im Staate nicht auszunutzen verstanden. Der Grund liegt nicht — wie zuweilen angenommen wird — in der Armut der jüdischen Bevölkerung, sondern in dem Mangel an geistiger Bildung und an Gemeinschaftsgefühl, der die gesamte Bevölkerung der großen levantinischen Hafenstädte „auszeichnet“. Die Menschen sind hier nicht Teile einer höheren Gemeinschaft, sie werden nicht — wie in den Kulturstaaten Europas — in einer Atmosphäre von Bildung, Kultur, Ordnung und Gesittung erzogen, die auch den Aermsten umfaßt und auch die Seele des Unwissendsten ein wenig erhellt; hier leben vielmehr Menschenhaufen verschiedenster Herkunft, Sprache und Religion nebeneinander. Das herrschende Volk sind zwar die Türken, aber sie herrschen nur im äußerlichen Sinne: sie haben die staatlichen Machtmittel in der Hand. Ihre Kultur ist nicht die Kultur der hunderttausende von Griechen, Armeniern, Juden, Albanesen, Wallachen usw., die die Hauptmasse der Bevölkerung in den levantinischen Großstädten bilden. Die allgemeine Verständigungssprache ist das Französische, die allgemeine Geisteskultur ist das, was die hier zusammengeströmten Bevölkerungsmassen aller Zungen und Nationen mit Leichtigkeit aufgreifen können: das Banale, das Unbedeutende. Es gibt in Konstantinopel, einer Millionenstadt mit starkem Fremdenverkehr, kein ständiges Schauspiel und keine Oper, aber die Kinematographentheater sind täglich überfüllt. Das ist nun die Atmosphäre, in der die jüdische Jugend heranwächst. Diese Jugend lernt französisch, um reden, Geschäftsbriefe schreiben und Romane lesen zu können und daneben türkisch, griechisch und eventuell noch englisch und deutsch. Jeder Mensch spricht hier seine vier oder fünf Sprachen — aber die Kultur geht dabei zum Teufel, denn es fehlt jede geistige Anregung, die ein höheres literarisches, wissenschaftliches oder künstlerisches Interesse erwecken könnte. Warum soll sich die jüdische Jugend mit der Erlernung des Hebräischen oder der jüdischen Geschichte plagen? So denken hier viele jüdische Eltern, die sich Abend für Abend die tödliche Langeweile, die durch keine Lektüre unterbrochen wird, mit Kartenspiel vertreiben. Der Mangel an wirklicher Bildung bewirkt natürlich auch ein Ermatten des Gemeinschaftsgefühls. Ein fader Individualismus macht sich überall breit. Man hört zwar bei Juden wie Nichtjuden sehr viele Phrasen von Kultur, Humanität, Fortschritt, Nation, Patriotismus etc., aber niemand denkt sich ernstlich etwas dabei. Es sind alles nur aus französischen Zeitungen übernommene Redensarten. Das spaniolische Element ist natürlich den schädlichen Wirkungen der levantinischen Unkultur mehr ausgesetzt, als die erst in neuerer Zeit eingewanderten Aschkenasim. Die älteren Sephardim kennen oft nur ihr spanisches Idiom, die jüngeren aber haben diesen tatsächlich überlebten Sprachballast über Bord geworfen, und markieren pariserisches Französisch. In allen steckt dabei noch ein ganz guter Kern von jüdischem Nationalismus, weil sie ja keine Möglichkeit haben, sich als Mitglieder einer anderen Nation auszugeben. Aber das Interesse an der jüdischen Gesamtheit, ihren Interessen und Aufgaben, ist hier infolge Mangels an Wissen und Anregung geringer, als bei den theoretischen Verfechtern des Deutschtums jüdischen Glaubens in Berlin. Viel Geld verdienen und sich öfter in Paris amüsieren — das sind die obersten Glaubenssätze der levantinischen Kirche, und neben diesem Bekenntnis können sich kaum die zehn Gebote, geschweige denn der Schulchan Aruch oder die nationalen Forderungen der jüdischen Moderne behaupten. Es ist kein Wunder, wenn die hier angedeuteten Zustände das jüdische Gemeindeleben höchst ungünstig beeinflussen, Die jüdischen Zeitungen jammern, daß die Gemeinde schläft, daß die Steuern nicht eingehen, daß die fürstliche Gemeindeunterstützung von 40 Mark (!) monatlich an eine Mädchenschule in Galata, die von 300 Kindern besucht wird, nicht aufzubringen ist. Aber organisatorische Aenderungen, Neuwahlen etc. können hier nicht helfen. Nur die geistige Erneuerung kann das Interesse entfachen, und diese kann nur von einer anders erzogenen Jugend ausgehen. Unter den eingewanderten Aschkenasim sind viele Leute voll starken jüdischen Empfindens. Ueberall wo hier im jüdischen Leben ein wenig. Bewegung hervortritt, sind Aschkenasim die treibenden Kräfte. So ist es vor allem im Turnverein Makkabi, aber auch im Studentenverein und in den kleinen jüdisch-nationalen Zirkeln, die sich gebildet haben. Die Arbeit ist durchaus lohnend, denn das spaniolische Element ist leicht zu gewinnen. Es besitzt ein ganz natürliches nationales Empfinden, das nur angeregt zu werden braucht, um zu klarem Bewußtsein und ernstem Gemeinschaftswillen zu erwachen. Wie sehr das möglich ist, beweist die Tatsache, daß viele Einzelne von unseren sephardischen Stammesgenossen an der Emeuerungsarbeit bereits regen Anteil nehmen, und daß sich ja bekanntlich anläßlich des Wiener Kongresses eine Organisation der spanischen Juden gebildet hat, von der man für die weitere Arbeit das Beste erwarten darf. „Jetzt oder nie“ Sir H. Johnston über unsere Aussichten in Palästina Im Anschluß an einen vor kurzem in der „Westminster Gazette“ veröffentlichten Artikel von Sir H. H. Johnston mit der Ueberschrift „France and Syria: The Jews and Palestine“ hat der Autor dieses Aufsatzes, der in England beträchtliches Aufsehen erregt hat, sich gelegentlich eines Interviews mit einem Berichterstatter des „Jewish Chronide“ eingehend über die Aussichten und die Lage der Juden in Palästina ausgesprochen. Sir Johnston war bekanntlich Bevollmächtigter der britischen Regierung in Ostafrika zur Zeit, als die englische Regierung der zionistischen Organisation das Uganda-Angebot machte, und ist überhaupt sowohl mit den Verhältnissen im Osten wie mit den zionistischen Bestrebungen vollkommen vertraut. Zu dem oben erwähnten Thema äußerte sich Sir Johnston etwa in folgender Weise: „Wenn die Juden überhaupt daran denken, im Lande ihrer Herkunft wieder eine Rolle zu spielen, so ist jetzt oder n i e die Verwirklichung dieses Gedankens möglich. In den zivilisierten Staaten der Welt sind allerdings die Juden so kosmopolitisch, um nicht zu sagen nationalistisch geworden, daß es immer weniger wahrscheinlich wird, daß sie jemals wieder einen rein semitischen Nationalcharakter annehmen, ihre bevorzugte Stellung in der europäischen Gesellschaft aufgeben und sich in größerer Anzahl in einem etwas vernachlässigten Gebiet des Orients ansiedeln könnten. Aber außer ihnen gibt es ja Millionen von Juden in Rußland und Rumänien, die unter oft unglückseligen Bedingungen leben und in den Ländern, in denen ihre Familien seit Generationen wohnen, als Fremde behandelt werden. Die zionistische Bewegung wird vermutlich die Anzahl der westeuropäischen und amerikanischen Juden nicht wesentlich schmälern, aber für die Juden Rußlands und sogar