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Die Welt · 1913-12-12 · 50 (12.12.1913) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
50 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 50 1695 DIE^ELT Y. M. H. A. Die amerikanischen Young Men’s Hebrew Associations (Von unserem New Yorker Korrespondenten) In Amerika ist dieser Tage unter dem Protektorat der bekanntesten amerikanisch-jüdischen Philanthropen eine Vereinigung gegründet worden, die vielleicht einmal berufen sein wird, eine wichtige Rolle in der Entwicklung des öffentlichen jüdischen Lebens zu spielen. Es ist nämlich ein Kartell der Y. M. H. A. (Young Men’s Hebrew' Associations) und der ihnen verwandten Gesellschaften zusammengetreten, daß künftig die Organisierung der amerikanisch-jüdischen Jugend in großzügiger und systematischer Weise in die Hand nehmen wird. Um die Bedeutung einer solchen Organisation recht würdigen zu können, muß man das Chaos kennen, in dem bisher alle religiösen und kulturellen, sozialen und geselligen Bestrebungen jüdischer junger Leute in Amerika versunken sind. Der junge jüdische Einwanderer, der in irgendeiner amerikanischen Stadt ankommt, aber auch der bereits im Lande geborene Jüngling, der ins Leben hinaustritt, ist fast auf allen Lebensgebieten hilflos und bedarf der Führung und Anlehnung. Die heran wachsende jüdische Jugend in Amerika kann ja mit der eines europäischen Landes nicht verglichen werden. In jedem Lande Europas ist das Kind, besonders das jüdische, ein Teil seiner Familie, wächst heran im Rahmen der gesellschaftlichen und sozialen Stellung, der Bildung und Traditionen der Familie und wird damit von vornherein auf eine Basis gestellt, die meistens für die ganze fernere Entwicklung der Persönlichkeit entscheidend bleibt. In Amerika ist das anders. In der wilden Jagd nach dem Dollar lösen sich hier die innigen Beziehungen der Familienmitglieder, das Elternhaus hört auf, einen entscheidenden Einfluß auf Bildung, Geschmack und Verkehr des Kindes auszuüben, und jedes einzelne Glied der Familie lernt so viel oder so wenig wie es will, verkehrt mit wem es will, wählt sich die Beschäftigung oder den Kreis, der seinen feineren oder gröberen Neigungen entspricht. Das -sind Zustände, bei denen nur sehr ausgeprägte Naturen ihre Kräfte voll und vielseitig entwickeln können. Die meisten werden durch Zufall in einen Kreis hineingezogen, dem sie dann aus Bequemlichkeit weiter angehören — gleichviel ob es sich zufällig um einen politischen oder einen „Dinner“-Klub handelt — und tausend in ihnen schlummernde Keime bleiben unerweckt und verkümmern. Wenn also in Amerika Jugendorganisationen gegründet werden, die systematisch die Leitung und Veredlung der jungen Leute in die Hand nehmen, so muß ihr Arbeitsfeld ein sehr breites sein, denn jedes einzelne junge Mitglied bedarf auf jedem einzelnen Lebensgebiet der Führung. Jugendorganisationen großen Maßstabes müssen ferner, um wirklich die Massen der jungen Leute umfassen zu können, auf der Basis einer möglichst primitiven Gemeinschaftlichkeit begründet sein. Das primitivste Band ist nun das der gemeinsamen Nationalität oder der gemeinsamen Religion. Jugendvereine in Amerika, soweit sie nicht im Zusammenhang mit Schulen und Universitäten stehen oder sportliche Interessen pflegen, sind daher entweder rein nationale oder kirchliche Vereine — wobei übrigens die einen oder die anderen ihre Tätigkeit ebenso gut auf Pflege der Kunst und Ethik wie auf Fußballspielen oder auf Tanzzirkel zu erstrecken pflegen. Aus dieser Gruppierung ergibt es sich von selbst, daß die jüdische Jugend in Amerika, um auf den Gebieten sozialer Privatfürsorge, geistiger Pflege und Geselligkeit Anlehnung zu finden, sich zur Organisation rein jüdischer Vereine entschließen muß. Würden sich die jungen Juden nicht untereinander zusammenschließen, so fänden sie sich meistens von jeglichem Vereinsleben überhaupt ausgeschlossen. Die wichtigste jüdische Jugendorganisation nun ist danach dem Muster der Young Men’s Christian Association gebildete Young Men’s Hebrew Association, die in fast allen amerikanischen Städten vertreten ist und den jüdischen jungen Leuten beruflich Rat und Förderung gewährt, sie geistig fortbildet, ihnen sportliche Betätigung verschafft und ihren Bedürfnissen nach Geselligkeit entgegenkommt. Der Verein, der fast allen jüdischen Finanzleuten viel zu verdanken hat, besitzt in New York und anderen Städten Klubhäuser, die ein soziales Zentrum für die Nachbarschaft bilden und etwa den Charakter von „Settlements“ tragen. Diese Organisation hat nun kürzlich beschlossen, ihren Rahmen noch weiter zu spannen und auch Vereine, die nicht der Y. M. H. A. angehören können, aber ähnliche Ziele verfolgen, aufzunehmen. Sie hat ferner beschlossen, ihre Arbeit so weit auszudehnen und so methodisch zu gestalten, daß sie fast alle Zweige des Volkslebens umfassen und beeinflussen wird. Der Kartellverband wird ein besonderes Bureau einrichten, das soziale und kulturelle Arbeit organisieren soll, und spezielle Sekretäre sollen in den verschiedensten Teilen des Landes Studien über die dortigen Verhältnisse und Bedürfnisse der jüdischen Jugend anstellen. Männer, deren Namen gerade in unserem Kreise wohlbekannt sind, haben die Leitung der hauptsächlichsten Zweige der Organisationstätigkeit übernommen : Dr. Kaplan wird die Einrichtung von Gottesdiensten in den verschiedenen Vereinshäusem überwachen, Dr. Benderly den jüdischen und hebräischen Unterricht organisieren und Dr. Magnes die eigentlichen sozialen Aufgaben und die Einrichtung von allgemeinen Lehrklassen des Verbandes übernehmen. Das Bureau für soziale und kulturelle Arbeit hat sich z. B. die Beantwortung folgender Fragen zur Aufgabe gestellt: Welche Form des Gottesdienstes ist für unsere jungen Leute am besten geeignet? Welche Zweige allgemeinen Wissens sollen wir pflegen? Wie kann jeder Zweig der Organisation seinen Einfluß auf die ganze Nachbarschaft wirksam gestalten? Wie kann das Programm der einzelnen Klubs unter die Herrschaft eines leitenden Gedankens gestellt werden? Diese letzte Frage steht unauffällig inmitten der vielen anderen und ist doch so überragend wichtig, daß es uns fast sonderbar erscheint, wie man eine derartig wichtige Organisation schaffen konnte, ohne sich zuvor über die letzten Ziele, die sie verfolgen soll, ganz klar zu werden. Aus der Rede, die Dr. J. L. Magnes gelegentlich dieser Versammlung hielt, klingt allerdings eine deutliche Beantwortung dieser Frage heraus. Er betonte nämlich, daß vor allem der jüdische Geist gestärkt werden müsse, nur so könne die neue Organisation zum Aufbau einer amerikanisch-jüdischen Gemeinschaft beitragen. Der Begriff ist etwas vage. Soll wirklich heute, wo gewaltige nationale Ideale das gesamte jüdische Volk erschüttern, der Aufbau einer amerikanischjüdischen Gemeinschaft der Jugend letztes Ziel sein? Den Fragen, die zu beantworten das Bureau der Y. M. H.A. übernommen hat, lassen sich drei weitere bedeutsame Fragen hinzufügen: 1. Bedeutet der Begriff „jüdisch-amerikanische Gemeinschaft“ eine Verschmelzung jüdischer und amerikanischer Art? 2. Soll, da es heute eine solche Verschmelzung noch nicht gibt, der jüdische oder der amerikanische Charakter überwiegen? 3. Wie heißt das jüdische Ideal, das über jeglicher Arbeit der Organisation stehen und dieser von ihren Leitern als „national“ bezeichnten Vereinigung Schwung und Ewigkeitswert verleihen soll? Die Antwort, die der Council of Young Men’s Hebrew and Kindred Association auf diese drei Fragen geben wird, wird entscheidend für seine zukünftige Rolle im Leben des jüdischen Volkes sein. H. H.

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