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Die Welt · 1913-12-12 · 50 (12.12.1913) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
50 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50 DIE1CTELT 1691 Ben Jehuda an Dr. Nathan Ein Dokument Elieser Ben Jehuda, der bekannte, um die Wiederbelebung der hebräischen Sprache in Palästina hochverdiente Herausgeber des großen hebräischen Wörterbuches, hat vor kurzem an Herrn Dr. Paul Nathan das folgende Schreiben gerichtet, das für die Geschichte des gegenwärtigen Kampfes von dokumentarischer Bedeutung bleiben wird: Sehr geehrter Herr Doktor! In der „Welt“ lese ich ein Interview mit Ihnen, bei dem Sie mein Lexikon erwähnt haben. Diese Erwähnung hat mich tief gerührt, und in meiner Dankbarkeit für alles, was Sie für mein Werk getan haben, fühle ich mich verpflichtet, die folgenden Zeilen an Sie 201 richten. Vor zwei Wochen wurde hier eine Versammlung abgehalten, in der gegen die Resolution des Kuratoriums des Technikums bezüglich der hebräischen Sprache in Ihren Haifaer Instituten protestiert wurde. Zu dieser Versammlung wurde der Waad Halaschon (Hebräische Sprachkommission) eingeladen, dessen Vorsitzende Dr. J e 11 i n und i c h sind, und in meiner Eigenschaft als erster Vorsitzender hatte ich im Namen des Komitees eine Ansprache zu halten. Ich begann mit der ausdrücklichen Mahnung, daß wir nicht vergessen dürfen, wieviel der Hilfsverein für die hebräische Sprache als Verkehrs¬ und Unterrichtssprache in Palästina getan hat. Dann fügte ich allerdings hinzu, daß, gerade weil der Beschluß von Personen gefaßt wurde, die uns keineswegs als unserer Sprache feindlich gesinnt bekannt sind, er uns alle in die größte Bestürzung versetzt hat. Denn der Grund für diese Resolution ist uns ganz unverständlich. Nachdem nun zwei Wochen verstrichen sind, nachdem ich Ihr offizielles Communique und Ihre bei dem Interview geäußerten Worte wieder und wieder gelesen habe, „bin ich ein Tor, als wie zuvor". Die Gründe, die Sie darin anführen, hätten ihre volle Berechtigung, wenn die Verfechter des Hebräischen die Forderung gestellt hätten, daß der gesamte Unterricht augenblicklich in dieser Sprache erteilt werden solle. Aber bei dem mäßigen Charakter der Ihnen unterbreiteten Forderungen sind diese Gründe nicht stichhaltig. In meiner Eigenschaft als Verfasser des „Thesaurus totius Hebraitatis" habe ich mehr Berechtigung als irgend jemand sonst, darüber zu urteilen, ob wissenschaftlicher Unterricht in hebräischer Sprache erteilt werden kann oder nicht, und ich erkläre hiermit: jawohl, er kann in hebräischer Sprache erteilt werden! Wenn auch die Terminologie für einige Wissenszweige noch nicht ganz vollständig ist, so handelt es sich doch hier nur um eine Zeitfrage, höchstens um ein Jahr, innerhalb dessen wir ihre Einführung durchsetzen werden. Das also kann Sie nicht verhindert haben, unsere nationale Sprache zur Unterrichtssprache zu machen; es muß demnach andre und ernstere Gründe geben, weshalb Sie alle sich entschieden weigern, das Hebräische als Unterrichtssprache in Ihren Haifaer Instituten einzuführen, und dies ist die Ursache unserer allgemeinen Bestürzung. Sehr geehrter Herr Doktor, es erscheint mir als meine Pflicht, Sie über diesen Punkt aufzuklären, über den Ihnen Andere vielleicht nicht die volle Wahrheit sagen werden. Die durch Ihren Beschluß hervorgerufene Verwirrung ist groß und tief; man fühlt sich hier verletzt und des einzigen Heiligtums beraubt, auf dessen baldigen Besitz man gehofft hatte, und im ganzen Lande herrscht eine gewaltige Aufregung, die zu beruhigen absolut unmöglich erscheint. Man ist zum Aeußersten, zu allem und jedem entschlossen, und keine menschliche Kraft würde das verhindern können. Die Eröffnung des Technikums wird nicht ohne Vergießen jüdischen Blutes abgehen, nicht ohne daß Dutzende junger Leute ins Gefängnis wandern werden. Ich wiederhole Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, ich halte es für meine Pflicht, Sie darüber aufzuklären. Das Werk des Hilfsvereins ist mir zu teuer, und ich bin Ihnen persönlich zu dankbar, als daß ich der Situation gleichgültig gegenüberstehen und Ihnen verschweigen dürfte, wie ernst sie ist. Ich schreibe Ihnen diese Zeilen unter blutigen Tränen. Lassen Sie sich von niemandem einreden, daß die ganze Sache von einigen törichten jungen Leuten und einigen interessierten Persönlichkeiten ausgeht, und daß dieser Sturm vorübergehen wird. Es handelt sich hier um eine sehr ernste, sehr tiefgehende Bewegung, die vor nichts, vor keiner einzigen Macht zurückweichen wird. Das ist es, was Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor zu schreiben, ich für meine heilige Pflicht hielt. Ich bin zu sehr von Ihrem jüdischen Gefühl überzeugt, als daß ich einen Augenblick daran zweifele, daß Sie das Gesagte in Erwägung ziehen und einen Ausweg finden werden, wie Sie die berechtigten Forderungen derjenigen, die ihre ganze Hoffnung auf die hebräische Sprache setzen, und den Ruhm des Hilfsvereins, der bisher in Palästina allgemein so beliebt war, miteinander in Einklang bringen können. Genehmigen Sie, sehr geehrter Herr Doktor, den Ausdruck meiner besonderen Hochachtung Elieser Ben Jehuda. Das Telegramm des Chacham Baschi Seltsame Entstehungsgeschichte einer „Sympathiekundgebung“ In einem Communique, daß das Kuratorium des Haifaer Technikums vor etwa drei Wochen an die jüdische Presse versandt hat und das in Nr. 47 der „Welt" abgedruckt ist, beruft sich das Kuratorium auf ein Zustimmungstelegramm des Chacham Baschi Mosche Franco in Jerusalem, das derselbe angeblich auf Grund eines Berichtes über die bekannte Sitzung des Kuratoriums nach Berlin gesandt hätte. Wie es sich mit diesem Telegramm in Wahrheit verhält, geht aus einer Unterredung hervor, die der Herausgeber der Jerusalemer hebräischen Tageszeitung „Hacheruth" (selbst ein sephardischer Jude) mit dem Chacham Baschi Franco gehabt hat, und deren Inhalt er in Nr. 3*) seiner Zeitung folgendermaßen wiedergibt: „Hier waren Gerüchte verbreitet, wonach die sephardischen Rabbiner mit dem Chacham Baschi Franco an der Spitze eine Erklärung gegen die Protestbewegung der Kämpfer für die Rechte der hebräischen Sprache unterzeichnet hätten. Als wir von dieser beschämenden Nachricht Kenntnis erlangten, wandten wir uns an den Chacham Baschi mit der Anfrage, ob die Nachricht begründet sei, und wie es möglich wäre, daß die sephardischen Rabbiner eine derart unwürdige Erklärung unterzeichnet hätten. Der Chacham Baschi erwiderte darauf, daß er keinerlei Protest mit Bezug auf die Unterrichtssprache in den palästinischen Schulen unterzeichnet habe, und daß er ein Anhänger der hebräischen Spra che und ihrer Neubelebung sei,

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