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Die Welt · 1913-12-12 · 50 (12.12.1913) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
50 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1690 DIE2§EELT schöne Erfolge erzielt worden, doch reichen die heutigen Mittel nur, um gewissermaßen beweise zu führen für die theoretischen Vorschläge. Denn da wir in gleicher Weise Juden, Christen und Arabern helfen wollen, werden besonders für Trachom große Mittel nötig werden. Niemand möge sich einbilden, daß es in der Kraft eines einzelnen Menschen liegt, ein Land zu sanieren. Ebensowenig wie der Baron v. Rothschild, der doch für die Kolonisation Palästinas das meiste getan hat, und ohne den sie nicht zu denken gewesen wäre, Palästina kolonisieren kann, ebensowenig kann Nathan Straus sanieren. Das Hauptverdienst Nathan Straus’ ist nicht, so gut und notwendig es auch sein mag, daß er vielen Leuten hilft, sondern daß er durch Gründung seines Health-Bureaus eine planmäßige Bekämpfung der Malaria und des Trachoms ermöglicht, daß er an Stelle der Planlosigkeit Nr. 50 System, an Stelle vager Kombinationen wissenschaftliche Klarheit gesetzt hat. Darum sollten alle für ideelle und kolonisatorische Zwecke in Palästina arbeitenden Gesellschaften und Philanthropen Mittel für Sanierungszwecke flüssig haben. Und endlich möge man mit dem Mißbrauch aufräumen, neue Siedlungen anzulegen, ohne das Terrain vorher saniert zu haben. Es ist wahnwitzig, aber es geschieht immer wieder. Ich fasse zusammen: Praktische Methoden zur Bekämpfung der Malaria und des Trachoms hat das Health-Bureau angegeben. Bei vereinigtem nachdrücklichen Vorgehen aller Kräfte kann ein Erfolg nicht ausbleiben. Das Maß der praktisch geleisteten Arbeit wird proportional sein den Mitteln, die man uns zur Verfügung stellen wird. NEUE KUNDGEBUNGEN GEGEN DAS KURATORIUM Eine Unterredung mit Dr. Paul Nathan in Jerusalem — Das sephardische Rabbinat protestiert — Ein Brief Ben Jehudas — Proteste aus aller Welt Ganz Palästina erlebt zurzeit eine Bewegung, wie es sie noch nicht gesehen hat, und der mit den Dingen nicht Vertraute mag wohl kopfschüttelnd mit ansehen, mit welcher elementaren Leidenschaft hier urplötzlich der Kampf eines alten Volkes um seine heiligsten Güter zum Ausbruch gekommen ist. Nichts zeigt die gänzliche Uninformiertheit der Berliner Hilfsvereinskreise besser als die naive Ansicht, diese Bewegung sei irgendwie und von irgendwem „gemacht" worden. Diese Meinung steht auf keiner anderen Stufe, als die oft gehörte Behauptung, der Sozialismus oder die französische Revolution sei von diesen oder jenen „gemacht" worden. Der in seinem schlichten Emst erschütternde Brief des berühmten Vorkämpfers der hebräischen Sprache in Palästina, Elieser Ben Jehuda, den wir weiter unter veröffentlichen, beweist klar, wie nichtig alle die Ausflüchte sind, mit denen man glaubt, sich selbst und die ganze Welt über die wahre Lage der Dinge täuschen zu können. Zunächst geben wir hier wieder, was uns unser Jaffaer Korrespondent, der vorige Woche in Jerusalem weilte, von dort schreibt: Im Sturm Die letzten acht Tage haben das Bild, das die früheren Wochen geboten haben, nicht wesentlich verändert. Fortgesetzt geben Protestversammlungen von der tiefen Volkserregung Kunde. Die Tageszeitung „Hacheruth" ist voll von Artikeln, Zuschriften und Telegrammen (auch aus dem Ausland), die einzig und allein die unverständliche Sinnesänderung beim Hilfsverein zum Gegenstand haben. Besonders eindrucksvoll gestaltete sich eine Protestversammlung, die in der Kolonie Rechoboth veranstaltet wurde und zu der Delegierte aus allen jüdischen Kolonien erschienen waren. Es war ein regnerisches Wetter, aber dessen ungeachtet waren sie alle gekommen, die die provokatorische Entrechtung unserer Sprache als einen Raub an unserem Volke empfanden. Auch die Ankunft von Dr. Paul Nathan hat die Situation nicht geändert. Wer angenommen hatte, daß er mit der Absicht gekommen ist, um sich an Ort und Stelle über Ursachen und Wirkungen des „Erdbebens", wie er es nannte, zu informieren, sah sich bald arg enttäuscht. Er wisse bereits alles und bedürfe keiner Information, — dies gab er zur Antwort, sobald man unter Wahrung aller üblichen und gebotenen Höflichkeit eine ehrliche Aussprache anbahnen wollte. Und wenn drei unserer Besten, M. Disengoff, S. Gluskin und S. Hoofien, die ausschließlich aus eigener Initiative wegen einer solchen Aussprache nach Jerusalem kamen, schließlich sich mit Dr. Nathan über eine Stunde lang unterhalten haben, so war doch das Resultat völlig negativ. Herr Dr. Nathan verlangte nicht mehr und nicht weniger, als daß alle Schulstreiks augenblicklich aufhören sollen, dafür verspricht er als ein Mitglied des Ausschusses, sich dafür einzusetzen, daß man später einmal den einen oder anderen angeblichen Fehler des jetzigen Schulprogramms einer Prüfung unterzieht. Er teilt, nach berühmtem Muster, das palästinensische Judentum in „Freunde" und „Feinde“ ein. Die Leute zu charakterisieren, die zu den „Freunden" gehören, will ich lieber unterlassen. „Feinde" sind natürlich die Zionisten, die Erbauer des neuen Jischub, die in irgendeine.- Weise Organisierten, kurzum alle Hebraisten. Zu unser aller Schande sei mitgeteilt, daß auch die in einem gewissen Lande so beliebte Bezeichnung „Nihilisten" n'cht fehlte. Herr Dr. Nathan hält sich auf Grund gewisser Berichte, die sein Vertrauensmann ihm erstattet, für vollkommen zulänglich informiert. Er kennt Palästina besser als die Einheimischen. Wie sehr er aber in Wahrheit in vollständiger Abhängigkeit von einem anderen ist, davon nur ein kleines Beispiel. Er ist überzeugt, daß die Streiks der Schüler in Jaffa und in Jerusalem von Berlin aus angezettelt wurden. Wenn diese Behauptung nicht aus dem Munde eines so ehrenhaften Mannes, wie es Dr. Nathan zweifellos ist, käme, — kein Ausdruck der Entrüstung wäre zu stark, um diese jeder leisesten Begründung entbehrende Verdächtigung zu brandmarken. Aber wir können Dr. Nathan, der nun einmal von einem erstklassigen Regisseur beherrscht wird, beinahe für nichts mehr verantwortlich machen. Nur das eine sei hier gesagt: zu jeder Zeit und vor jedem Gericht der Welt kann das gerade Gegenteil der Behauptung nachgewiesen werden. Weiter darüber auch nur ein einziges Wort zu verlieren, verbietet uns unsere Selbstachtung. Aber dies alles ist ja gar kein Wunder. So ergeht es ja all denjenigen, die sich liberal nennen und sich in Wahrheit zu dem Dogma des aufgeklärten Absolutismus bekennen. Herr G 1 u s k i n hat bei dieser Unterhaltung mit allem Freimut, der diesem ergrauten Pionier eigen ist, eine schlagende Parallele gezogen. Er erinnerte daran, daß E d m o n d Rothschild, so oft die Kolonisten sich über die Beamten beklagten, ebenfalls zu erwidern pflegte, er kenne die Verhältnisse ganz gut und brauche keine Information. Die Folge war, daß er fortgesetzt nutzlos Millionen verpulverte. Erst als er die Kolonisten von der Vormundschaft der Beamten befreite, trat der Wandel zum Guten ein. Gluskin fügte hinzu: Wenn nun aber Baron Rothschild sagte: „Die Kolonisation — das bin ich", so hatte dies eine gewisse Berechtigung, denn er hat seine eigenen Millionen zu Markte ge-

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