Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 1689 tME3§KLT direkt entwickelungshemmend, da dem armen Kranken durch die Abnahme der Sehkraft unmöglich gemacht wird, sich in seinem Berufe zu vervollkommnen. Es entsteht entweder durch direkte Uebertragung von Auge zu Auge oder durch Vermittelung von Gebrauchsgegenständen, wie Handtücher, Kleidungsstücke, Wäsche usw. Es scheint nicht leicht, sich die Krankheit zuzuziehen; denn man begegnet ihr in gut situierten Familien, wo einigermaßen auf Sauberkeit gesehen wird, sehr selten. Armut, Wassermangel, Unsauberkeit, dicht gedrängtes Wohnen sind der Boden, auf dem diese Krankheit sich üppig entwickelt. Bei den Arabern spielt auch der Aberglaube eine Rolle und hält sie ab, die Erkrankten rechtzeitig in Behandlung zu geben. Ein Sprichwort lautet: „Oer Eiter verteilt das Salz des Körpers.“ Erworben wird hier die Krankheit hauptsächlich im frühen Kindesalter (Auerbach, Feigenbaum). Nach Auerbachs Schätzung erwerben mindestens 73 der Trachomkranken ihr Leiden in früher Kindheit, nach Feigenbaums Untersuchungen (vergleiche überhaupt: Centralblatt für Augenheilkunde, 1. Bericht von Dr. Feigenbaum), werden 80 0/0 aller Trachomkranken im Alter bis zu 3 Jahren vom Trachom befallen. Das Trachom ist also in Palästina eine Erkrankung des frühesten Kindesalters, gewissermaßen eine Kinderkrankheit; (Auerbach, Deutsche medizinische Wochenschrift, Nr. 37), im Gegensatz zu Westeuropa, wo das nicht angenommen wird (Hoppe). Die Ansteckung erfolgt in der nächsten Umgebung von Mutter und Geschwistern. Einen Beweis, daß das Trachom eine Krankheit bereits der frühesten Kindesalter ist, liefern auch die Jemeniten. Die Jemeniten, die aus Südarabien kommen, scheinen trachomfrei. Dr. Feigenbaum fand, daß Jemeniten, die ihre jüngste Kindheit in Arabien zugebracht haben, sehr wenig befallen sind. Umgekehrt sah er in einer Schule von Jemenitenkindern Trachom nur bei Kindern, die im Lande geboren sind. Die Feststellung des Trachoms als Kinderkrankheit ist äußerst wichtig für die Bekämpfungsmaßnahmen, und läßt wünschen, daß die Säuglingsfürsorge, die Herr Dr. Grünfelder plant, bald in die Tat umgesetzt wird. Die akuten Katarrhe, die hier im Sommer massenhaft auftreten, werden nach Untersuchungen von Dr. Feigenbaum in ihrer großen Mehrzahl vom Koch-Weeks-Bazillus hervorgerufen und haben mit dem Trachom mir insofern zu tun, als sie einen günstigen Boden für nachherige Infektion mit Trachom abgeben können. Durchschnittlich sind 28 0/0 der jüdischen Bevölkerung trachomkrank, bei den Arabern nach German 51 °/o, auf dem Land über 60 °/o. In der Kolonie Artuf gibt es 40,5 °o, in der Kolonie Ekron 37,8 <y0 Trachom kranke. Schon diese Zahlen lassen die Ausbreitung des Trachoms erkennen und fordern seine Bekämpfung. Gemäß der geschilderten Entstehung wird man zur Hebung der sozialen Lage und zur Erziehung zur Reinlichkeit schreiten müssen; durch allerhand Mittel, Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten, Wohnungshygiene, Wasserversorgung. Weiter wird man durch Flugschriften und Vorträge, durch die Schulen die Bevölkerung über die Krankheit aufklären müssen, und eine moderne Säuglingsfürsorge wird die kleinsten Kinder vor der Infektion schützen müssen. Auch beim Trachom muß alles drangesetzt werden, Neuinfektionen zu verhüten; einmal ausgebrodhen, ist die Krankheit äußerst härtnäckig und bedarf jahrelanger fortgesetzter Behandlung. Für das Vorgehen gegen das bestehende Trachom müssen alle Aerzte des Landes interessiert werden. Ueber eine Reihe von Fragen, betreffend einheitliche Statistik, Diagnose, therapeutisches Vorgehen muß in einer Trachomkonferenz eine Einigung erzielt werden (Auerbach). Die Trachombekämpfung geht von einer Zentrale aus, die alle praktischen Maßnahmen überwacht. In Jerusalem muß ein zentrales Trachomkrankenhaus errichtet werden; dieses ist das Musterhaus aller im Lande vertretenen Ambulanzen. Neben fortlaufenden wissenschaftlichen Arbeiten werden Kranke unentgeltlich ambulant behandelt und operiert. Den praktischen Aerzten wird daselbst eventuell in besonderen Kursen Gelegenheit geboten werden, sich in Erkennung und operativer Behandlung des Trachoms zu üben (Feigenbaum). Der Kampf auf dem flachen Lande, in den Dörfern soll sich folgendermaßen gestalten. Das Land wird in Distrikte geteilt, deren jedem ein Arzt vorsteht. In jedem Dorf, das saniert werden soll, wird nach vorheriger Untersuchung aller Bewohner eine ständige Ambulanz errichtet, in der die Kranken kostenlos behandelt werden. Die Einwohner müssen zur Behandlung angehalten und durch Flugblätter usw. über die Gefahren des Trachoms aufgeklärt werden. In den Schulen sind kranke Kinder mit starker Sekretion vom Schulbesuch auszuschließen und sollen nach genügender Karenzzeit erst auf ärztliches Attest hin auf genommen werden (Auerbach). Die kranken Kinder werden getrennt gesetzt. — Den Distrikten angegliedert werden fliegende Hospitäler nach ägyptischem Muster (Stiftung von Sir Ernest Cassel). Diese besuchen nacheinander alle Dörfer und nehmen die notwendigen Operationen vor. In den Städten gestaltet sich die Bekämpfung schwieriger. Auch hier wird man mit Schulen und geschlossenen Anstalten beginnen und dort ebenso Vorgehen wie in den Dörfern. Doch muß man die Krankheit in die eigentliche Brutstätte, ins Haus, in die Familie hinein verfolgen und demzufolge wird man die Familien der kranken Kinder aufsuchen und behandeln müssen. Sonst bleibt die Schulbehandlung ohne Erfolg. Weiter wird man in einzelnen Stadtvierteln kleine Polikliniken einrichten, daselbst die Kranken feststellen und darauf dringen, daß sie zur Behandlung kommen. Langsam wird sich die Bevölkerung daran gewöhnen, den Segen erkennen und schließlich freiwillig kommen. Im Vorliegenden sind die Wege gezeigt worden für eine planmäßige Bekämpfung der Hauptkrankheiten des Landes, der Malaria und des Trachoms. Für die praktische Durchfühmug der Vorschläge sind zwei Dinge erforderlich. 1. Geeintes Vorgehen aller an der Sanierung beteiligten resp. interessierten Kreise. 2. Große Mittel. Ad 1: In allen Ländern überwacht die Regierung als Zentralbehörde alle Sanierungsmaßnahmen im Lande. Diese Zentrale ist in Palästina nicht vorhanden. Sie ist aber für ein systematisches Vorgehen notwendig und erspart viele Kosten. Alle Institutionen, ganz gleich welcher Herkunft, müssen sich in hygienischen Fragen verständigen und nicht scharf genug kann infolge der behördlichen Verhältnisse gegen Sonderbestrebungen auf diesem Gebiete vorgegangen werden. Den einzelnen Gesellschaften kann weitgehende Selbständigkeit gewährt werden, man muß jedoch fordern, daß man sich über die Wege des Vorgehens verständigt, Hand in Hand arbeitet und nicht gegeneinander, wie es wiederholt vorgekommen ist. Für ein derartiges Vorgehen läßt sich eine sachliche Begründung nicht führen, und darum müßten die interessierten Gesellschaften für eine Unterstützung die Zentralisierung der Sanierungsmaßnahmen zur Bedingung machen. Ad 2: Die bisherigen Sanierungsarbeiten gingen gegen die Malaria vor und wurden subventioniert von Herren Nathan Straus, Baron v. Rothschild und dem „Deutschen Komitee für Bekämpfung der Malaria in Jerusalem“. Für die Bekämpfung des Trachoms hat Herr Straus auch einen größeren Betrag zur Verfügung gestellt Bei der praktischen Bekämpfung sind bereits