Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1688 - -—-- --- - blE^ELT ■ — - ... - — Nr. 50 schwer anders zu deuten ist, als durch die schwere und gefürchtete Malaria dieser Gegend. Wir haben aus der letzten jüdischen Kolonisationsgeschichte bekannte Beispiele für die Opfer fordernde und die Wirtschaft tötende Gewalt der Malaria; in der Meromebene: Jessod Hamaala und Mischmar ha-Jarden und in der Saronebene: Chederah und Atlit. In diesen beiden Kolonien ist es in den letzten Jahren erheblich besser geworden, da uns doch die moderne Malariaforschung neben anderem in der systematischen Chininprophylaxe ein Mittel in die Hand gegeben hat, die Krankheit wesentlich einzudämmen (in Chederah 1910 bis 1912 Brünn und in Verbindung mit unserm Health- Bureau 1912/13 Dr. Nathan und jetzt Dr. Glücker aus Lemberg, in Atlit Dr. Joffe mit Unterstützung des Barons von Rothschild). Herr Dr. Joffe hat in diesem Jahre auch die Einführung der Chininprophylaxe in Jessod Hamaalah und Mischmar ha-Jarden begonnen. Aber so sehr man auch in Ermangelung eines anderen Mittels energisch auf die Durchführung der Chininprophylaxe dringen muß, so mußte man sich doch immer sagen, daß die tägliche Zuführung eines Medikaments für einen Bauern kein normaler Zustand genannt werden kann. Der Kolonist, soll er seßhaft werden, muß sich frei bewegen können, ohne einen hygienischen Ratgeber in der Tasche, ohne dauernd nachschlagen zu müssen, was erlaubt ist und was nicht. Es galt, eine radikale Bekämpfung der Malaria zu suchen, praktische Methoden zur Ausrottung der Sümpfe, und hierfür haben die Sanierungsarbeiten in Chedera den Weg gewiesen. In Chedera wurden vor zirka sechs Jahren in der Nähe der Birket Atta, des größten Sumpfes der Kolonie, Orangengärten angelegt, teils von Privatleuten, teils von der Agudath Netaim. Das Wasser zur Bewässerung wurde der Birket Atta entnommen. Diese galt bei der Anlage der Pflanzung als sehr wasserhaltig, „mit unterirdischen Quellen“, so daß man nicht in die Gefahr des Wassermangels zu kommen glaubte. Von Jahr zu Jahr wurden mehr Pflanzungen angelegt, so daß der Wasserverbrauch immer größer wurde, und als ich jüngst die Sanierungsarbeiten des Health-Bureaus in Chedera besichtigte, fand ich die Atta vollständig trocken vor. Die Agudath Netaim war genötigt, zur Beschaffung des Wassers Brunnen anzulegen. Der Anblick der trockenen Atta war für mich eine Offenbarung; denn alle bisherigen Ideen über Sanierungsmaßnahmen in Palästina wurden damit über den Haufen geworfen. Bisher gab es für die Beseitigung von Sümpfen nur zwei Wege: 1. Anpflanzung von Bäumen, 2. Drainage. Die erste Methode ist bei tieferen Sümpfen nicht erfolgreich, schadet eher, weil der Sumpf unübersichtlich wird und eine Vernichtung der Mückenbrut mit chemischen Mitteln wie Petroleum unmöglich gemacht wird. Blieb also nur die Drainage der Atta und zwar nach dem Meere übrig, was ja, wie oben erwähnt, die Römer in einem andern Falle versucht zu haben scheinen. Das hätte jedoch über die weiten Dünen hin so große Kosten erfordert, daß an eine Ausführung gar nicht zu denken war. Und jetzt hat sich gezeigt, daß die Atta gar kein unausschöpfbarer Sumpf ist. Da nun die Atta, nach meiner Kenntnis des Landes, einer der größeren Sümpfe ist und überall wohl dieselben Entstehungsbedingungen in Frage kommen, ist man berechtigt, diese in Chedera gewonnenen Erfahrungen auch auf andere Sumpfgegenden anzuwenden. Für die sumpf verseuchten Gegenden, d. h. für den größten Teil des ebenen Landes nördlich von Jaffa, schlage ich jetzt folgendes Kolonisations- und Sanierungssystem vor: Rings um die großen Sümpfe eines neuen Bodens werden bewässerbare Kulturen angelegt (Orangen usw.), sofort im ersten Jahr 100—200 Dunam. Das Bewässerungswasser wird dem Sumpfe entnommen. Jedes Jahr werden die Pflanzungen vergrößert. Nach ein bis zwei Jahren dürfte ein Zurücktreten des Wassers erfolgen, und dann sind sofort nach Reinigung der Ufer Bäume zu pflanzen (Eukalyptus usw.). Je mehr der Sumpf zurücktritt, desto mehr Bäume werden ringsum gepflanzt. Nach etwa vier bis fünf Jahren dürfte der Fall der Birket Atta eintreten, der Sumpf wird nach den ersten Bewässerungen im Sommer trocken werden. Man fährt mit der Aufforstung fort, läßt jedoch in der Mitte des Sumpfes je nach seiner Größe ein 1000—2000 qm großes Stück frei, da anzunehmen ist, daß vorläufig im Winter immer noch sich Wasser ansammeln wird. Dieses Wasser petrolisiert man vierzehntägig, um eine Mückenbrut zu verhindern oder, was im Lande auch von gutem Erfolg ist, man setzt Frösche hinein, die die Mückenlarven fressen. (Es würde hier zu weit führen, wollte ich auseinandersetzen, wie ich mir das freibleibende Mittelstück beschaffen denke.) Sonstige Niederungen werden aufgeforstet oder drainiert. Der gesamte Boden wird von Gestrüpp gereinigt. Während der ersten fünf Jahre darf der neue Platz nicht besiedelt werden. Keine Familien, keine Frauen, keine Kinder. Für die Arbeiter werden in gehöriger Entfernung von den Sümpfen mückensichere Häuser gebaut und eine strenge mechanische und Chininprophylaxe durchgeführt. Hierdurch werden die Arbeiter mit größter Wahrscheinlichkeit gesund und arbeitsfähig erhalten werden. Es gibt in Palästina drei große Sumpfgegenden: 1. Ein großes Küstengebiet, dessen Mittelpunkt ungefähr die Kolonie Chedera darstellt; 2. die Ebene bei Haifa und Akko; 3. die Niederung des Meromsees. Mir erscheint — Fachleute müßten es natürlich prüfen — ein Vorgehen, wie ich es geschildert habe, in allen dreien gut möglich; nur müßten wohl in der Meromebene andere Kulturen verwendet werden und eine Eisenbahn müßte die Produkte wegschaffen; eine Eisenbahn ist jedoch in jedem Falle für die Entwicklung jener Gegend notwendig. Ist der Meromsee auf ein kleines Becken reduziert mit gereinigten Ufern, dann wird die Malaria verschwinden. Mit dem vorgeschlagenen Kolonisationssystem wird erreicht, daß verseuchte Gegenden ohne besondere Kosten saniert werden. Denn die Pflanzungen werden, da der Boden in jenen Gegenden billig und Wasser reichlich vorhanden ist, besser oder mindestens ebensogut rentieren als anderswo, ebenso die Aufforstung, da Holz in Palästina der lukrativste Artikel ist. Die Sanierung ist infolge der Ausrottung der Sümpfe gründlich, kostet fast gar nichts, und die Tausende angepflanzter Bäume, natürliche Drainage- und Ventilationsrohre, werden der Gegend den spezifischen Sumpfgeruch nehmen. Mit der Ausführung dieser Vorschläge werden weite Gebiete des Landes einer Bebauung und normalen Besiedelung zugänglich gemacht. Das Trachom, die sogenannte „ägyptische Augenentzündun g", ist eine Erkrankung infolge von Armut und Schmutz. Der Erreger ist noch unbekannt. Es verläuft ungemein chronisch, führt zur Narbenbildung der Augenschleimhaut, greift auf die Hornhaut über, bedingt Abnahme des Sehvermögens und kann sich so das ganze Leben der Erkrankten lang hinziehen. Und wo es ausheilt, bedingt es durch narbige Schrumpfung schwere Folgekrankheiten. Da es im Orient weit verbreitet ist — auch unter den Juden — ist es nach der Malaria die körperlich und sozial schädigendste Krankheit. Nicht nur, daß es sozial schädigend ist, es wirkt