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Die Welt · 1913-12-05 · 49 (5.12.1913) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
49 (5.12.1913)
Date
1913-12-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 49 LT 1671 fessors Kaufmann Köhler vom Hebrew Union College in Cincinnati anläßlich seines 70. Geburtstags herausgegeben sind,*) wird das Lebensbild eines Mannes gezeichnet, der das Judentum „entorientalisieren" wollte. Zur Geschichte der Reform in Amerika bieten die biographischen Skizzen, die den wissenschaftlichen Abhandlungen vorangehen, manches Interessante. Die zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätze behandeln die verschiedensten Zweige der jüdischen Geschichte und Literatur. Ich nenne nur: „Bemerkungen zur alten jüdischen Liturgie" von El bogen, „Die Ehe zwischen Onkel und Nichte" von Krauß, die „Leviratsehe" von M a 11 u c k. Das alte immer noch nicht erschöpfte Thema „Sadduzäer und Pharisäer", das ich selbst in meinem Buche „Die Sadduzäer" Berlin 1912, behandelt habe, wird von Prof. Lauterbach wieder aufgerollt und sehr richtig lautet die Fragestellung: Wie standen die Parteien zum Gesetz? Ueberhaupt rückt die für die Orthodoxie so heikle Frage: Wann entstand das mündliche Gesetz? in neuester Zeit wieder stark in den Vordergrund. Rein sachlich stellt Bacher alles zusammen, was im Talmud „Satzung vom! Sinai" genannt wird und ordnet es chronologisch. Folgerungen zieht er nicht. Aber Glaubenssätze vertragen nur selten eine historische Behandlung. Wenn man sieht, wie etwas im Laufe der Zeiten geworden ist, dann liegt der Gedanke nahe, daß das Gewordene auch im Laufe der Zeit wieder vergehen Nach einer bestimmten Richtung hin wird die Entwicklung des jüdischen Gesetzes über die Thora hinaus von Blau in seiner Arbeit „Die jüdische Ehescheidung und der jüdische Scheidebrief" (Jahresber. der Budapester Rabbinerschule 1911 und 12) behandelt. Durch Heranziehung babylonischer Urkunden, der Papyri von Elephantine und der von Schechter auf gefundenen Schrift einer sadduzäischen Sekte wird der Wert dieser historischen Untersuchung und das Interesse, auf das sie Anspruch machen darf, außerordentlich erhöht. In ähnlicher Weise hat Wilhelm Brandt, zum Teil auf Forschungen Büchlers fußend, die jüdischen Reinheitsgesetze in ihrer Entwicklung dargestellt. Erst wenn derartige Monographien in genügender Anzahl vorhanden sein werden, wird es möglich sein, eine jüdische Kulturgeschichte zu schreiben oder das jüdische Recht mit dem Rechte anderer Völker zu vergleichen. Für die Neuzeit und besonders für die Geschichte der deutschen Juden sind bereits eine große Anzahl von Einzeldarstellungen vorhanden, die zusammen ein interessantes Bild des Lebens der deutschen Juden ergeben. An die bisher erschienenen reiht sich die Geschichte der Juden in Schönlanke von Rabbiner M. L. Bamberger**) würdig an. Die Geschichte der kleinen Gemeinde ist typisch, die Darstellung geschickt und fesselnd. Mittelbar hängt mit der jüdischen Wissenschaft auch eine Studie zusammen, die S. Schiffer über die Aramäer veröffentlicht hat.***) Der Verfasser, der in jüdischen Kreisen durch die Entdeckung von Juden in babylonischen Keilschriften bekannt geworden ist, stellt hier die Nachrichten über die Geschichte und die Sitze des großen aramäischen Volkes zusammen. Hierbei erfahren einige Stellen der Bibel eine neue Beleuchtung. In der Bibelwissenschaft selbst ist alles im Fluß. Wir hoffen dauernd, daß endlich die Ausgrabungen in Palästina ähnliche Resultate zeitigen werden wie die in Aegypten und Babylonien. Aber noch ist die Ernte im *) Berlin, Georg Reimer, 1913. **) Berlin, Verlag von Louis Lamm, 1912. ***) Die Aramäer. Historisch - geographische Untersuchungen. Von Dr. Sina Schiffer jun., Paris. Mit einer Karte. Leipzig. J. C. Hinrichsche Buchhandlung, 1911. Vergleich zu den großen Opfern, die gebracht werden, nicht allzu bedeutend. Davon soll in einem zweiten Artikel die Rede sein. Die Gezeichneten. Roman von Aage Madelung. S. Fischer Verlag, Berlin 1913. Dieses Buch ist unmittelbar vor dem Urteilsspruche im Kiewer Prozeß erschienen und trägt, vielleicht ohne Absicht des Autors, die unangenehme Marke der Sensation. Das soll uns nicht abhalten, seinen echten Werten gerecht zu werden; und es ist ein gutes Buch. Von vornherein muß festgestellt werden: es ist kein originelles Buch. In dem zugrundeliegenden Gedanken, in Komposition und Aufbau ist es ein Nachbild eines bestimmten Vorbildes: des Romans „Die Jüngsten" von Schalom Asch, der vor etwa zwei Jahren im selben Verlag erschien wie die „Gezeichneten". Wenn man die Handlung nacherzählen will, kann man es bei beiden fast mit denselben Worten. Beide Bücher haben keinen Helden, sondern eine Heldin; dort heißt sie Meri, hier Hanne-Liebe. Beidemal stammt sie aus einer Judenfamilie einer kleinen Stadt im Ansiedlungsrayon. Ihre Jugend mit ihren ersten Erlebnissen wird kurz aber lebhaft, in beiden Büchern mit Liebe und Freude erzählt. Sie geht von zuhause fort, nach Petersburg, studieren, und findet Menschen, Gesellschaft und eine Liebe. Die politisch so bewegte Welt der Petersburger Hochschuljugend wird geschildert; und ihr gehört der sympathische junge Mann an, der Hanna-Liebe (wie dort Meri) liebt. Aber das Idyll ist nicht von langer Dauer; der Geliebte wird wegen revolutionärer Umtriebe eingekerkert und Hanne-Liebe zieht sich in ihre Heimat zurück. Da bricht der Pogrom aus; die echtrussischen Leute verheeren das Haus und mit knapper Not entgeht Hanne- Liebe dem Verderben. Sie sucht ein neues Glück, geläutert durch die durchlittene Qual. Die Hauptpersonen sind in beiden Büchern dieselben, die Personenkreise und ihre Gruppierung gegeneinander, ja einzelne Szenen haben geradezu überraschende Aehnlichkeit. Aber bei all dem sind es zwei verschiedene Bücher, bis auf den Grund ihrer Seele. Ja, sie sind eben im Grund ihrer Seele, bei oberflächlicher Verwandtschaft, fast gegensätzlich. Und ich glaube sagen zu dürfen: weil der Dichter des einen ein Jude ist, der des andern nicht. Und der Unterschied zwischen beiden Romanen, wie er selbst flüchtigen Lesern auffallen müßte, besteht darin, daß das Buch von Asch Gemeinschaften, Gruppen, Mengen vorführt, das von Madelung Einzelpersonen. Dort treten die Menschen kaum persönlich hervor; jeder ist der Stimmführer, das Symbol einer Gruppe, einer Rasse, eines Volkes, einer Partei; und man fühlt das vom ersten Augenblick an. Er gibt im Grunde genommen hier keine Privaterlebnisse; alles wird zum Symptom, zum Symbol, zur Abbreviatur. Massen bewegen sich; e s lebt; es gärt in dieser Jugend; es tobt Mord und es erschlägt die Juden, es erschlägt es. Ganz anders bei Madelung. Er schildert den Pogrom, indem er einen Menschen begleitet, der durch die tobenden Stätten des Unheils geht, bald führend, bald mitfrevelnd, bald beobachtend. Schon daß dieser eine Mensch es kann, daß er vom Anführer des Pogroms zum fast unbeteiligten Zuschauer und zum Schluß sogar gewissermaßen zum Pogromopfer werden kann, zeigt, daß hier mehr auf die psychologische Entwicklung des interessanten Individuums geachtet ist, als auf die die Welt bewegenden Kämpfe der Massenseele. So ist bei Asch der Pogrom von innen gesehn, auH den ihn bestimmenden Urkräften heraus, bei Madelung von außen, von den an ihm irgendwie interessierten Individuen aus. Und so erklärt es sich auch, daß sich Asch mit der ganz einfachen Linie der Vorgänge begnügt, während Madelung kunstvoller Verknüpfung der Einzelschicksale zu bedürfen glaubte. Im übrigen ist das Buch wert, gelesen zu werden. Die Zeichnung der Menschen ist interessant, die Typen scharf abgesetzt. Nicht alle sind gleich überzeugend; und die Juden

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