Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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1668 Nr. 40 wohnen, statte am 27. November derselben einen Besuch ab. Er wurde von den Stiftern der Toynbeehalle, dem Ehepaare K i ß 1 i n ge r, und vom Obmannstellvertreter des Kuratoriums, Oberrabbiner Dr. Rosenfeld, empfangen und durch alle Räume des stattlichen Baues geleitet. Der Landespräsident zeigte sich über die Institution der Toynbeehalle gut informiert und gab seinem Wohlgefallen an der Einrichtung des Institutes Ausdruck. — Ferner besuchte der Landespräsident auch das jüdische Waisenhaus. Enthüllungen zum Beilis-Prozeß Bekanntlich wurde gegen den Redakteur des reaktionären „Kiewljanin", Dumaabgeordneten S c h u 1 g i n , der die Ritualmordhetze nicht mitmachen wollte, ein Prozeß angestrengt „wegen Verbreitung wissentlich falscher Nachrichten über die Behörden". Schulgin ließ dann durchblicken, daß er außerordentlich interessantes Material besitze, das auf das ganze Arrangement des Ritualmordprozesses ein eigentümliches Licht wirft. Nun sind die ersten Enthüllungen Schulgins veröffentlicht worden. Die „Rjetsch" weiß sehr interessante Dinge über die Aussage des Sträflings Kasatscheno, die Staatsanwalt Tschaplinsky zum Eckstein der Anklageschrift gegen Beilis erhoben hatte, zu berichten. Es stellt sich heraus, daß Schulgin urkundliche Beweise dafür hat, daß Kasatschenko, von Oberst I w a n o w vernommen, diesem gestanden hat, daß seine dem Untersuchungsrichter mitgeteilten „Enthüllungen" gegen Beilis eine glatte Erfindung waren. Kasatschenko war bei diesem Geständnis ganz zerknirscht, warf sich auf die Knie und erzählte ausführlich, was in seiner Aussage aus der Luft gegriffen war. Oberst Iwanow, der seine Recherchen im Aufträge der Staatsanwaltschaft anstellte, gab Tschaplinsky Kunde von diesem Umstand, dieser aber erklärte, die erste Aussage Kasatschenkos sei bereits in die Anklageschrift aufgenommen worden und er erachte es als untunlich, diesbezüglich neue Recherchen anzustellen. „Mögen jetzt die anderen die Sache entwirren.“ Vor Gericht aber hat Iwanow, von den offenbar eingeweihten Verteidigern befragt, „sich der Sache nicht entsinnen können" und Staatsanwalt Wipper war in der Lage, sich auf die Aussage Kasatschenkos zu stützen . . . Die Erzählung des vergeßlichen Iwanow an den Herausgeber des „Kiewljanin“ ist nun schriftlich erfolgt, und so wird denn das im Besitze Schulgins befindliche Schriftstück dem schwachen Gedächtnis des dienstbeflissenen Obersten zu Hilfe kommen. Der Justschinsky-Kultus Die schwarze Bande hat sich bereits von der Beklommenheit erholt, die die Freisprechung Beilis’ für einen Augenblick über sie gebracht. Die unglückselige Antwort der Geschworenen auf die erste Frage bietet ihnen hinreichenden Trost darüber, daß Mendel Beilis nicht seine zwanzig Jahre Zwangsarbeit bekommen hat. Und schon begann ein neuer Hexentanz um das Grab des unglücklichen Knaben. Am 24. November wurde wieder einmal am Grabe Justschinskis mit großem Pomp und Lärm eine Seelenmesse abgehalten. Die ehrenwerte Frau Tscheberjak, die zugegen war, ließ bei dieser Gelegenheit auch für ihren Sohn S c h e n j a , der auf dem gleichen Friedhofe begraben ist, eine Messe abhalten. Am Grabe des Knaben schrie sie in einem fort: „Er ist von Juden umgebracht .worden." Vom Friedhofe begab sich die Menge nach der Höhle, wo die Leiche Justschinskis aufgefunden wurde. Die Polizei verbot den Zug, auf Intervention von G o 1 u b j e w aber wurde ein kleinerer Zug gestattet. Auf einer Anhöhe neben der Höhle hielt Golubjew eine zündende Ansprache über die Notwendigkeit eines „aktiven Vorgehens gegen die Juden, die alljährlich fünf Millionen Liter Christenblut austrinken". Er wurde allerdings von, der Polizei unterbrochen, durfte aber seine Rede glücklich beenden und schließlich dankte er sogar der Polizei für die Aufrechterhaltung der Ordnung während der Messe. Die „Nowoje W rem ja“ hat eine Sammlung eröffnet zur Errichtung einer Kapelle neben der Höhle, wo die Leiche des „von den Juden hingemordeten Märtyrers Andrjuscha Justschinski“ aufgefunden wurde. Die Sammlung findet großen Anklang und wird natürlich von den Berufshetzern trefflich ausgeschlachtet. Unter anderen hat auch der Sohn des verstorbenen Stolypin eine Spende mit einem entsprechenden Begleitschreiben an die Redaktion zugeschickt. Zugunsten dieses Fonds wird auch Samyslowsky demnächst einen öffentlichen Vortrag über die Ermordung Justschinskis halten, zu dem große Vorbereitungen getroffen werden. Die „Gleichberechtigung“ der neu-rumänischen Juden Ein Mitarbeiter des „Pesti Naplo" wurde dieser Tage von dem rumänischen Minister des Aeußem Grainiceanu empfangen. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich der Minister auch über die Haltung der rumänischen Regierung gegenüber den jüdischen Bewohnern des neuerworbenen, früher bulgarischen Gebiets. Bekanntlich hatte die rumänische Regierung vor der Einverleibung dieses Territoriums, als von jüdischer Seite auf die drohende Entrechtung seiner jüdischen Bevölkerung hingewiesen wurde, emphatisch erklärt, es sei selbstverständlich, daß sämtliche Bewohner des zu annektierenden Grenzgebiets im Sinne der völkerrechtlichen Bestimmungen in dem neuen Staatsverbande die gleichen Rechte genießen würden, die sie vorher als bulgarische Staatsbürger besaßen, daß also auch die jüdische Bevölkerung im Voligenusse aller bürgerlichen und politischen Rechte bleiben sollte. Wie sehr recht man in jüdischen Kreisen hatte, diesen Versicherungen der rumänischen Regierung zu mißtrauen, geht aus den nunmehrigen Erklärungen des Ministers Grainiceanu klar hervor. Der Minister sagte dem ungarischen Journalisten: „Was die früheren jüdischen Untertanen Bulgariens betrifft, so wird die Regierung nicht nur alle die Rechte, die ihnen bisher zukamen, anerkennen, sondern sie wird ihnen die gleichen Rechte wie allen anderen rumänischen Bürgern gewähren, jedoch mit folgenden Einschränkungen: in einer Dorfgemeinde soll nicht mehr als eine jüdische Familie wohnen dürfen und die Juden des neuen Gebietes sollen nicht mehr als zwei Vertreter ins Parlament entsenden." Ferner meinte der Minister, es werde sich wohl als notwendig erweisen, den Erwerb von Grund und Boden seitens der Juden des neuerworbenen Gebiets auf ein gewisses Höchstmaß zu beschränken. . . . Also „Gleichberechtigung" mit Einschränkungen! Kleine Nachrichten In der Reichsdumakommission für Heeres- und Marinewesen beantragten Abgeordneter Markow und seine Gesinnungsgenossen, daß jüdische Feldscherinnen (Heilgehilfinnen) in die Militärspitäler der Grenzwache nicht zugelassen werden. Der famose Herr Markow entblödete sich nicht, den Antrag damit zu begründen, daß die Juden christlichen Kindern das Blut abzapfen. Der Antrag wurde trotz der wahnwitzigen Begründung angenommen! Demnächst werden in Warschau zwei neue jüdische Tageszeitungen zu erscheinen beginnen: „Neies" und „Der Warschewer Jüd". Erstere wird die assimilatorische Richtung vertreten, während die letztere den Interessen des orthodoxen Judentums dienen soll. In New York sind für den Hausierhandel mit Brillen und optischen Geräten neue Bestimmungen erlassen worden, wonach die betreffenden Händler sich einer Fachprüfung in der Augenheilkunde unterziehen müssen. Da der Hausierhandel in diesem Artikel hauptsächlich in den Händen jüdischer Einwanderer liegt, hatte man befürchtet, daß die neuen Bestimmungen die meisten dieser Leute brotlos machen würden. Wie die amerikanischen Zeitungen jedoch berichten, haben vor kurzem 90 o/o der jüdischen Hausierer, darunter zahlreiche ältere Männer, die vorgeschriebene Prüfung mit Erfolg bestanden. In Konstantinopel geht man ernsthaft mit dem Plan um, ein Komitee zu gründen, das sich aus Mitgliedern aller jüdischen Gesellschaften und Organisationen zusammensetzen und das gemeinsam den Kampf gegen den im Osten leider beständig wachsenden Mädchenhandel aufnehmen soll. Das Komitee wird mit ähnlichen Organisationen in Westeuropa und Rußland in Verbindung treten.