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Die Welt · 1913-12-05 · 49 (5.12.1913) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
49 (5.12.1913)
Date
1913-12-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 40 LT 1665 lassen können. Man entschließe sich für die hebräische Unterrichtssprache, und der befürchtete „Bruch bei der Heranbildung der jungen heute" wird nicht eintreten. Zweitens: „Es fehlen zurzeit noch moderne hebräische Unterrichtsbücher" . . . Von den Lehrbüchern gilt noch in höherem Maße, was von den technischen Ausdrücken gesagt wurde. Das Bedürfnis wird sie ins Leben rufen. Wer soll denn Lehrbücher schreiben, wenn keine Schulen und Schüler da sein werden, die nach ihnen verlangen! Doch nicht auf diese Selbstverständlichkeit wollte ich hinweisen. sondern auf einige Tatsachen, die in der großen Öffentlichkeit kaum beachtet werden. An den technischen Hochschulen werden nicht wenige Disziplinen vorgetragen, ohne daß entsprechende Lehrbücher vorhanden sind. Eines der wichtigsten Fächer für Maschinenbauer ist die theoretische Maschinenlehre. — Wohl findet der Student in physikalischen Werken, in Fachzeitschriften Bruchstücke und Kapitel dieser Disziplin. Aber ein zusammenfassendes Lehrbuch gibt es auch heute, nach Zeun e r und Schrödter, noch nicht. Die deutsche technische Literatur verdankt List, Stodola, Dubbel, Dorf el, Radinger ejne Reihe von Schriften über den Bau von Dampfmaschinen, die ihren Ruhm bilden. Ein für Techniker brauchbares Lehrbuch des Dampfmaschinenbaues existiert noch nicht. Und auch die erwähnten klassischen Monographien entstanden in den letzten zehn, zwanzig, höchstens dreißig Jahren. Die deutschen technischen Hochschulen bestehen aber seit etwa hundert Jahren. Oder wurde der Bau von Kranen nicht gelehrt, lange bevor Ernst sein monumentales Werk über Hebezeuge schrieb? Oder ist man an das Studium der „technischen Mechanik" gegangen, erst nachdem Bach und Tetmajer ihre Werke über Festigkeitslehre veröffentlichten? Wenn es nach dem zweiten Grundsatz des Herrn Dr. Nathan ginge, so wäre keine technische Lehranstalt in Deutschland begründet worden. Nun haben wir doch den Vorteil, die inzwischen erschienenen deutschen Lehrbücher auch übersetzen zu können. Hat man etwa in Rußland zuerst eine technische Fachliteratur geschaffen, und dann polytechnische Institute gegründet? Es wird einem seltsam zumute, wenn man auf derartige offenkundige Tatsachen erst hinweisen muß. Drittens: „Es fehlen in genügender Anzahl die Lehrer, die technisch-mathematische Wissenschaften zu unterrichten imstande wären." So arg ist es nicht, es gibt Mathematiker, Physiker und Ingenieure genug, die hinreichend Hebräisch können, um Unterricht in den betreffenden Fächern zu erteilen. Aber nehmen wir an, es sei dem so, wir hätten keine Lehrer. Dann wären wir in einer ähnlichen Lage, wie Rußland, als es an die Gründung von Universitäten und technischen Lehranstalten schritt. Es hatte Leute genug, die russisch dozieren konnten, aber sie waren keine Professoren und Dozenten. Man schickte also junge fähige Männer ins Ausland zur Ausbildung. Es muß doch aber viel schwerer sein, Gelehrter und Forscher zu werden, als eine Sprache zu erlernen. Haben wir akademisch gebildete Lehrer genug, woran kein Zweifel besteht, dann muß man ihnen eine Frist zur Erlernung der hebräischen Sprache gewähren. Sie werden es zustande bringen, genau so wie es die deutschen 'Professoren zuwege brachten, russisch zu erlernen, als die russische Regierung eines Tages erklärte, daß das deutsche Polytechnikum in Riga und die deutsche Universität in Dorpat russisch werden müßten. Das vierte Argument, — hebräisch vorgebildete Ingenieure würden in ihrem materiellen Fortkommen „im gesamten Orient" gehemmt sein — hat bereits Herr Dr. Levin mit dem Hinweis auf die deutschen und belgischen Ingenieure, die nach Rußland gehen und auf die französischen und deutschen Techniker, die in Anatolien und Arabien arbeiten, erledigt. Wir können also mit ruhigem Gewissen auf den Grundlagen weiterbauen, die in Palästina dank selbstloser Hingabe für den Gedanken eines gesunden und einheitlichen Erziehungswerkes entstanden sind. Man kann tüchtige brauchbare Ingenieure heranbilden, ohne das bisher Geschaffene zu erschüttern und ohne kulturelle Zerklüftung nach Palästina zu verpflanzen. Die jüdische Jugend in England Aus London wird uns von einem gelegentlichen Mitarbeiter geschrieben: Die Errichtung eines neuen Institutes in London lenkt die allgemeine Aufmerksamkeit auf das, was in England an sozialer Arbeit geleistet wird, um die jüdische Jugend im East End körperlich und geistig zu veredeln. Das Institut, das auf Veranlassung von Lord Rothschild gegründet wurde und dieser Tage eröffnet werden soll, wird nach dem Stadtteil, in dem es gelegen ist, den Namen Camperdown House führen. Es wird einer Reihe von jüdischen Knaben- und Jünglings-Vereinen Unterkunft gewähren, und man rechnet darauf, daß es zu einer Zentralstelle jüdisch-sozialer Arbeit werden und den Leitern dieser Arbeit einen fruchtbaren Austausch ihrer Erfahrungen ermöglichen wird. Unter den Gesellschaften, die ihren Einzug in Camperdown House halten werden, ist die bedeutendste die J e w i s h Lad’s Brigade. Dieser Verein wurde 1895 von Colonel G o 1 d s m i d gegründet, um den Schulknaben und jugendlichen „Sweatshop"-Arbeitem aus den engen, licht- und luftlosen Straßen von Whitechapel Gelegenheit zu geben, sich durch körperliche Betätigung im Freien zu kräftigen und gleichzeitig Kameradschaftlichkeit und Disziplin zu lernen. Die Gründung einer speziell jüdischen Knabenbrigade war schon deshalb notwendig, weil die Jungen in den meisten Fällen des Sabbats halber an den gewöhnlich Sonnabend nachmittags stattfindenden sportlichen Uebungen andrer Vereine nicht teilnehmen konnten und am Sonntag oft bis zum Abend zu arbeiten hatten. Die Jewish Lad’s Brigade stieß anfangs auf starken Widerspruch bei den jüdischen Eltern, die eine Abneigung gegen militärischen Drill hatten, aber dennoch entwickelte sich die Gesellschaft schnell und vereinigt jetzt allwöchentlich eine Schar von Jungen zu militärischen Uebungen; in jedem Herbst findet ein großes Manöver statt, das mit einem feierlichen Feldgottesdienst eröffnet und einem Fest beschlossen wird. Dank einer großmütigen Spende der Lady Rothschild konnte 1896 ein ähnlicher Klub, der Brady Street Klub eröffnet werden, dem bald in den verschiedensten Stadtegenden weitere Vereine jüdischer Schüler und jugendlicher rbeiter folgten. Diejenigen Mitglieder, die zu alt für den Knabenklub wurden, gründeten einen besonderen Old Boys Club, der gleichfalls der Sportpflege dient und daneben — gleich den anderen Knabenklubs — Kurse und Abendklassen eingerichtet hat. Eine gewaltige Ausdehnung erfuhr das jüdische Klubwesen, als die Jewish Athletic Association organisiert wurde, in deren Schutze heute an jedem Freitag nachmittag Tausende jüdischer Kinder unter der Aufsicht von Lehrern im Freien spielen und turnen. Ein anderer Zweig sozialer Tätigkeit wurde durch die Begründung des Lad’s Employ ment Committee aufgenommen, das auf dem Gebiet der Kinderarbeit selbständig Bedeutendes leistete, bis die Tätigkeit dieser Organisation von der Handelskammer übernommen wurde. Die bald darauf eingerichtete Loyal Jewish L o d g e, die jetzt über 900 Mitglieder hat, aber auch die einzelnen schon bestehenden Vereine, führten ferner ein Versicherungs-System für ihre Mitglieder ein, das sich vorzüglich bewährt hat. Die Polizeibehörden und die sozial Arbeitenden im East End versichern, daß in den letzten Jahren eine merkliche geistige und körperliche Hebung der Londoner Jugend zu beobachten sei, und sie führen diese Erscheinung zum großen Teil auf die Wirksamkeit der Knabenklubs zurück. Das stattliche neue Gebäude, dem reiche Mittel zugeflossen sind, wird nun alle die verschiedenen Vereine mit ihren verschiedenen Bestrebungen vereinen und sicherlich der Ausgangspunkt für so manche wertvolle Entwicklung auf jüdisch-sozialem Gebiet werden. So lobenswert nun auch diese und ähnliche Unternehmungen in England sind, so befremden sie doch den beob-

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