Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1664 Nr. 40 Kultursprache, deren gründliche Kenntnis unerläßlich und die den anderen Lehrgegenständen koordiniert ist, gelehrt werden. 2. Die jüdische Schule in Palästina muß rein hebräischen Charakter tragen. Demnach müssen alle Disziplinen, die in den beiden Anstalten bisher deutsch gelehrt worden sind, künftig ausschließlich in hebräischer Sprache vorgetragen werden. Daraus ergibt sich im einzelnen: Geschichte, Geographie, Psychologie, Methodik und Geschichte des Erziehungswesens, die bisher nur in einzelnen Klassen hebräisch vorgetragen wurden, während z. B. die Wiederholung des Lehrstoffes und die Prüfungen in deutscher Sprache stattfanden, müssen von nun an ausnahmslos hebräisch gelehrt werden. Es ist ein unmöglicher Zustand, daß die Zöglinge des Seminars diese Gegenstände, die sie später als Lehrer hebräisch vorzutragen haben werden, in deutscher Sprache lernen. Es gibt im älteren hebräischen Schrifttum eine reiche philosophische und psychologische Literatur, die uns vorenthalten bleibt, wenn wir Psychologie in deutscher Sprache lernen. Ebenso bleibt uns die Kenntnis des alten jüdischen Erziehungswesens verschlossen, wenn wir die Geschichte der Pädagogik in deutscher Sprache aus deutschen Lehrbüchern schöpfen. Die Disziplinen der Mathematik, Physik und Chemie müssen aus den gleichen prinzipiellen und praktischen Erwägungen hebräisch gelehrt werden. Ganz besonders unabweislich scheint uns aber die innige Verknüpfung der Naturgeschichte und der Landwirtschaftslehre mit der Sprache desjenigen Landes zu sein, dessen Natur, dessen Flora und Fauna wir eben lernen und lehren sollen. Diese Wissensfächer sind ihrem innersten Wesen nach national und gehören in das Gebiet der Heimatkunde, die dem Herzen der jungen Schüler so nahe steht. Ueberdies enthält die hebräische Literatur aller Epochen — von der Bibel angefangen bis zu den jüngsten Gedichten von Tschernichowski — eine Fülle von Pflanzen- und Tiernamen, die uns verschlossen bleibt, weil diese Fächer bei uns bisher in deutscher Sprache gelehrt worden Alle diese Forderungen entspringen unserer tiefsten Heberzeugung, wie sie in den Beschlüssen der Schülerversammlung vom 10. Marcheschwan zu einmütigem Ausdruck gelangt ist, und wir bitten die geehrte Direktion, unsere Vorschläge zu beherzigen und uns im Interesse eines geordneten Lehrbetriebes baldigen klaren Bescheid zu erteilen." Die zahlreichen uns von europäischen und amerikanischen Korporationen und Privatpersonen zugegangenen Proteste zu veröffentlichen, ist aus Raumgründen ganz unmöglich. Wir verweisen nur noch auf die Berichte in der Rubrik „Aus der Bewegung", unter England, Oesterreich-Ungarn, Schweiz. TECHNIK UND SPRACHE Die Einwände Paul Nathans gegen das Hebräische Von Ingenieur 8. Kaplansky - Köln a. Rh. In Nr. 46 der „Welt" wurde ein Interview mit den Herren Dr. Nathan und Dr. Levin veröffentlicht, das die Ansichten dieser Vertreter der zwei um die Zukunft des Technikums kämpfenden Richtungen widergibt. Obwohl Herr Dr. Levin auf die meisten Einwände der Gegner eines hebräischen Technikums mit viel Geist und Temperament bereits erwidert hat, sei es mir gestattet, in diese bedeutsame Diskussion einzugreifen. Ich fühle mich dazu berechtigt, da ich als diplomierter Maschineningenieur und als gewesener Lehrer der physikalisch-mathematischen Fächer an den oberen Klassen des Hebräischen Gymnasiums und des Lehrerinnenseminars in Jaffa hinreichend legitimiert bin und die von Herrn Dr. Nathan und seinen Gesinnungsfreunden im Kuratorium ins Treffen geführten „praktischen Erwägungen“ beurteilen kann. Die Minderheit im Kuratorium hat, offenbar um ihre Friedfertigkeit zu bekunden und ihre Kompromißfähigkeit zu beweisen, für das Technikum Zweisprachigkeit zugestanden. Nur S von 35 Unterrichtsstunden sollten hebräisch sein. Herr Dr. Nathan beruft sich auf dieses Kompromiß, um die Forderung der hebräischen Unterrichtssprache zu kompromittieren. Die deutsche Lehrsprache müsse an der Realschule im Interesse der Einheitlichkeit und der Anpassung an die Bedürfnisse des Technikums eingeführt werden. An diesem aber sei hebräischer Unterricht ausgeschlossen, und zwar aus vier Gründen, die ich der Reihe nach auf ihre Stichhaltigkeit prüfen will. Erstens: „Nun geben die Verfechter der hebräischen Unterrichtssprache selbst zu, daß es noch nicht möglich sein würde, alle Disziplinen in hebräischer Sprache zu unterrichten." Dies haben die Verfechter der hebräischen Unterrichtssprache nie zugeben. Wie konnten sie es auch, die von Schuljahr zu Schuljahr siegreich vordringend immer neue Lehrfächer und Gebiete der mathematischen und Naturwissenschaften der hebräischen Sprache erschlossen. Es war und ist kein müheloses Werk, aber es ist vollbracht. Mein früherer Kollege Dr. phil. Rosenstein hat eine Sammlung von Lehrsätzen der elementaren Mathematik herausgegeben, die eine vollständige Terminologie für Algebra bis zur höheren Analysis und Geometrie einschließlich Trigonometrie enthält. Man kann über diese oder jene Bezeichnung streiten, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, aber haben wir in der deutschen Sprache keinen fortwährenden Wandel der Terminologie, werden nicht noch jetzt Verbesserungen und neue Bezeichnungen vorgeschlagen und akzeptiert! Mein Kollege Ingenieur W i n n i k hat die Aufgabe, Chemie hebräisch zu unterrichten, mit viel Geschick und Eleganz gelöst. So mußte auch ich ohne jedes Vorbild darstellende Geometrie lehren, und ich habe nicht empfunden, daß die Mittel der hebräischen Sprache unzulänglich wären. Gemeinsam mit den genannten Kollegen hatte ich an der physikalischen Terminologie zu arbeiten. Vieles haben wir auf diesem Gebiete vorgefunden, dank der Vorarbeit zahlreicher hebräischer „Aufklärer", vieles hat jeder von uns hinzugefügt, und nun steht es fest, daß es keinen Begriff in einem Zweige der Physik gibt, der nicht ebenso präzis und eindeutig hebräisch ausgedrückt werden kann, wie in jeder anderen Sprache. Dabei haben wir schon in der Physik viele technische und technologische Begriffe. Gewiß, wir haben noch keine fertige Terminologie für alle technischen Disziplinen, ebenso wie sie die Araber und Türken in Asien, oder die Ukrainer und Letten in Europa noch nicht haben, ebenso wie sie Russen, Tschechen und Ungarn vor dreißig und vierzig Jahren noch nicht hatten. Mit jeder Drehbank und Dynamomaschine, mit jedem Krahn und Motor, die nach Palästina eingeführt werden, kommt auch ein neues Wort in den hebräischen Sprachschatz. Ich glaube nicht, daß die größten Meister der deutschen Sprache etwa vor hundert Jahren Bezeichnungen, wie Funkspruch, Funkentelegraph, Fritter, Drehstrommaschine, Flugzeug, Kolbenmaschine, Dampfturbine, Verbrennungsmotor kannten. Die Maschinen haben eben die Eigentümlichkeit, früher erfunden zu werden als ihre Namen. Die hebräische Sprache ist bewundernswert in ihrer Gestaltungsfähigkeit, und was bis jetzt zuwege gebracht wurde, beweist, daß wir im Hebräischen eine Terminologie besitzen können und werden, die bedeutend reiner und wissenschaftlicher ist, als der technische Jargon, den sich manche europäische Sprache in Eile angeeignet hat. Man muß nur guten Willen haben und in der gewaltigen hebräischen Literatur, auch aus der Talmudzeit und dem Mittelalter, halbwegs zuhause sein. Ein Ingenieur, der Hebräisch kann, wird den ersten Einwand des Herrn Dr. Nathan nickt gelten