Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1660 DIE2&ELT Nr. 49 katastrophalen Beschlüsse hingewiesen werden. Zweitens soll die Versammlung die Mittel und Wege bezeichnen, womit dem Unglück vorgebeugt werden könnte. Brüder! Wir wollen uns alle zusammenschließen; durch die Wärme unserer Empfindungen, aber auch durch die Nüchternheit unserer logischen Vemunftgründe, durch unerschütterliche Festigkeit und entschlossene Tatkraft werden wir die Hindernisse, die sich unserer nationalen Renaissance in Erez Israel entgegenstellen, aus dem Wege räumen." Hierauf sprach Herr Serubabel. Er sagte unter anderem: „Die Alliance und der Hilfsverein machen keinen Unterschied zwischen Palästina und den Ländern der Diaspora. Ueberallhin verpflanzen sie die Kultur ihrer Aufenthaltsländer: die Alliance die französische und der Hilfsverein die deutsche Kultur. Nun hat sich aber gezeigt, daß ohne jüdische Eigenkultur auch unser Kolonisationswerk in Palästina wert- und haltlos ist. Wenn Frankreich jetzt gewisse Vorrechte in Syrien erstrebt, so stützt es sich auch auf die französische Kulturarbeit, die die Alliance in ihren Schulen geleistet hat. Wenn jüdische Gesellschaften nichtjüdische Kulturen nach Palästina verpflanzen, so fördern sie nur fremde Ziele, bringen uns der einheimischen Bevölkerung und der Regierung gegenüber in eine schiefe Stellung und gefährden in leichtfertigster Weise unser friedliches Kolonisationswerk. Wenn uns früher Zweifel aufstiegen, ob das Technikum eine wahrhaft jüdische, unseren kolonisatorischen und kulturellen Interessen dienende Anstalt sein würde, beruhigten wir uns bei dem Gedanken, daß ja Achad-Haam, der Begründer des Kulturzionismus, Dr. Schmarja Lev in, das Mitglied der zionistischen Leitung, und Dr. Tschlenow, der Vertreter des Jüdischen Nationalfonds, dem Kuratorium angehören. Wenn eine Institution wie der Nationalfonds, der mit den ihm anvertrauten Pfennigen des jüdischen Volkes so vorsichtig umgeht, sich an dem Werke mit einer größeren Stiftung beteiligte, so bot uns dies vollkommene Gewähr für den gutjüdischen Charakter der Lehranstalt. Und nun doch dieser unmögliche Beschluß! Wir werden aus dieser traurigen Erfahrung die Lehre ziehen, daß wir in Zukunft allen nichtnationalen jüdischen Gesellschaften gegenüber weniger vertrauensselig sein müssen. Wir dürfen keinen Schritt von unseren Forderungen abweichen: Jüdische Arbeit, jüdisches Leben, jüdische Sprache!" Eine Rede Ben-Jehudas Elieser Ben-Jehuda, der erste Vorkämpfer der hebräischen Sprache in Palästina und bekannte Verfasser des großen hebräischen Wörterbuches, bestieg hierauf die Rednertribüne. Er sprach mit schwacher, zitternder Stimme und wandte sich an die Versammlung mit folgenden Worten: „Im Namen der hebräischen Sprachkommission und in meinem eigenen Namen nehme ich aus tiefstem Herzen Anteil an eurer Empörung über den Beschluß des Kuratoriums. Meine Herren, die Mitglieder des Kuratoriums sind auch die Leiter des Hilfsvereins, und wir dürfen nicht vergessen, was der Hilfsverein für die hebräische Sprache in Palästina geleistet hat. Die von ihr begründeten Kindergärten sind noch heute rein hebräisch und auch ihre Elementar- und höheren Schulen haben, obwohl wir keineswegs mit ihnen zufrieden sein können, manches für die Sache der hebräischen Sprache getan. Allein gerade weil der Beschluß von diesen Leuten ausgegangen ist, sind wir so erbittert. Hätten wir die Herren als prinzipielle Gegner der hebräischen Sprache gekannt, so würden wir ihr Vorgehen wenigstens verstehen, so aber können wir uns über das Ungeheuerliche dieses Beschlusses gar nicht fassen. Solange wir hörten, daß die Herren die hebräische Unterrichtssprache ablehnen, weil man nach ihrer Ansicht wissenschaftliche Disziplinen nicht in hebräischer Sprache lehren könne, hielten wir dies bloß für eine Vermessenheit. Ist es nicht anmaßend von derartigen „Ame-Haarez“, einen Achad-Haam, einen Schmarja Levin und einen Tschlenow über die .Qualitäten der hebräischen Sprache belehren zu wollen? JDas Wesen der wissenschaftlichen Lehrfächer kennen wir ebenso gut wie sie, die Kräfte und Ausdrucksmöglichkeiten der hebräischen Sprache aber kennen wir besser als sie . . . Die hebräische Sprache schuf, als sie längst aufgehört hatte, eine lebende Sprache zu sein, eine ganze philosophische Literatur mit einer ungemein reichhaltigen Terminologie für alle Begriffe der älteren Philosophie. Sie wird sich zweifellos auch allen Erfordernissen der modernen wissenschaftlichen Terminologie anpassen können. Allein die Herren scheinen selbst gefühlt zu haben, wie lächerlich sie sich durch eine derartige Begründung machen würden, und sie haben daher in ihren Beschlüssen diesen Gesichtspunkt unterdrückt. Was sagen sie nun sonst? Daß man die wissenschaftlichen Fächer in deutscher Sprache lehren müsse, um den Anschluß an die wissenschaftliche Entwicklung der modernen Zeit zu vermitteln? Ja, wollen die Herren sich denn über uns lustig machen? Genügt es, um den Anschluß an die große Kulturwelt herzustellen, denn nicht, eine europäische Kultursprache völlig zu beherrschen? Sie hätten ja die Einrichtung treffen können, daß nur diejenigen Absolventen ein Abgangszeugnis erhalten, die eine wissenschaftliche Abhandlung in deutscher Sprache geschrieben haben, damit der Anschluß an die wissenschaftliche Entwicklung der europäischen Kulturwelt unter allen Umständen gesichert ist. Wenn sie aber der hebräischen Sprache das Recht abgesprochen haben, die Kenntins der technischen Wissenschaften zu vermitteln, so ist ja diese Begründung offenbar nur Spiegelfechterei. Warum lehnten sie denn jedes Kompromiß ab? Warum sogar den Vorschlag von Prof. Philippsohn, der als ein Gegner der hebräischen Unterrichtssprache bekannt ist und dennoch vorschlug, daß zumindest in der Mittelschule Geschichte und Geographie in hebräischer Sprache gelehrt werden sollten? Dies muß doch jeden unbefangenen Menschen stutzig machen. Allem Anschein nach liegt hier irgendein geheimer Grund vor, den man uns vorenthält. Die Herren scheinen einem fremden Faktor gegenüber die Verpflichtung übernommen zu haben, die deutsche Unterrichtssprache unbedingt einzuführen. Alles spricht dafür, daß sie das Erstgeburtsrecht des Hebräischen verkauft haben — wer weiß, für welches Linsengericht und an welchen Esau! .... (Stürmischer Beifall.) Allein — sagte der Redner weiter — die Herren werden ihr Ziel nicht erreichen. Sie sind zu spät gekommen! Wir haben im Lande schon eine hebräische Generation, die Kinder in den Kindergärten und die reiferen Schüler in den verschiedenen Knaben- und Mädchenschulen sind unser, sind hebräisch. Und auf diesen jungen Nachwuchs, der mit Stolz unsere Sprache spricht, können wir vertrauen, daß er der hebräischen Sprache auch im Technikum zu ihrem Herrscherrecht verhelfen wird. Es lebe die hebräische Sprache als ausschließliche Unterrichtssprache in allen wissenschaftlichen Fächern, an allen Schulen und auch am Technikum! Es leben die drei wackeren Männer, Achad Haam, Levin und Tschlenow! Und es lebe das junge hebräische Geschlecht Palästinas, das die Rechte unserer Sprache zu verteidigen wissen wird, das nicht mitansehen wird, wie diese geheiligten Rechte mit Füßen getreten werden. (Begeisterte Beifallskundgebungen im ganzen Saale.) Der Lehrer für Naturwissenschaften am Jerusalemer hebräischen Gymnasium, Israel Ethan, sprach im Namen der Jerusalemer Filiale des Lehrerverbandes. Er sagte: Die jüdische Lehrerschaft in Jerusalem hat die Empfindung, daß unsere Fahne mit Füßen .getreten worden ist. Wir hatten geglaubt, daß die Herren vom Kuratorium als „praktische" Männer erklären würden, sie seien gegen Hebräisch am Technikum, weil sie sich nicht auf Versuche einlassen könnten. Aber wer hätte geahnt, daß man es wagen würde, auch aus der Mittelschule unsere nationale Sprache zu verdrängen? Wir Lehrer sind entschlossen, für die Sache der hebräischen Sprache auch gegen die neue Front