Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 1658 D1E2^ELT Unser Wunsch geht auch jetzt noch dahin: Mögen die Gegner der hebräischen Sprache und ihrer Wiedergeburt in Palästina sich nicht von gemachten Adressen und bestellten Kundgebungen blenden lassen. Mögen sie lieber die Sachlage ohne Voreingenommenheit an Ort und Stelle genau studieren — dann werden auch sie zu ganz anderen Beschlüssen kommen. Sollten sie sich aber zu dieser einzig richtigen und einzig möglichen Lösung der Frage nicht aufschwingen können, so wird die Schuld an der Disharmonie, die sie in das neue Palästina hineintragen, auf s i e fallen. Eines aber sollen sie wissen: sie können uns vielleicht unsere Aufgabe erschweren, — unseren Fortschritt und unseren endlichen Sieg verhindern können sie nicht! Das Communiqug des Hilfsvereins Das in obigem Artikel charakterisierte zweite Communique des Hilfsvereins — das erste war, wie bereits gesagt nur der nichtzionistischen Presse übermittelt worden! — hat folgenden -Wortlaut: Herr Dr. Paul Nathan, der Geschäftsführer des Hilfsvereins der Deutschen Juden i. E., hat eine Reise nach Palästina angetreten, um sich persönlich von den Fortschritten des Baues des Technikums in Haifa zu überzeugen. Seine Ankunft traf mit dem Ausbruch von Unruhen in zwei Anstalten des Hilfsvereins — im Lehrerseminar in Jerusalem und in der Knabenschule in Jaffa — zusammen, welche durch maßlose Agitationen zugunsten der Forderung, daß künftig die hebräische Sprache die ausschließliche Unterrichtssprache werden soll, entstanden sind. Herr Dr. Nathan ist daher zuerst nach Jerusalem gegangen. Er hat dort den wärmsten Empfang gefunden, und es ist aufs neue von den berufenen Vertretern weiter Kreise die Bedeutung des Schulwerks des Hilfsvereins der Deutschen Juden dankbar anerkannt worden, insbesondere auch, weil es bahnbrechend für die Einbürgerung der hebräischen Sprache im heiligen Lande gewirkt hat. Die offizielle Zeitung Jerusalemer Gemeinden Moriah widmet der Ankunft des Herrn Dr. Nathan zwei Artikel. Der Gegensatz in Schulfragen, der in Palästina gegenwärtig zutage tritt, wird folgendermaßen beleuchtet: Es sei Lüge, daß in den Hilfsvereinsschulen das Hebräische zurückgesetzt wird. Der Hilfsverein habe mehr für Hebräisch geleistet, als das Jaffaer Gymnasium. Die Verbreitung, die das Hebräische im täglichen Leben in Palästina gefunden hat, sei das Werk der zahlreichen Hilfsvereinsanstalten. In einem zweiten Artikel der Moriah wird der Empfang des Herrn Dr. Nathan geschildert. Auf dem Bahnhot waren Rabbinats- und Gemeindevorstände und Vertreter der Kaufmannschaft und Handwerker zur Begrüßung anwesend. In einer Ansprache an Herrn Dr. Nathan wurde der gleiche Standpunkt wie im obigem Artikel vertreten. Es wurde die dringende Bitte ausgesprochen, daß der Hilfsverein auch ferner Hebräisch pflegen möge, ohne die Religion zu vernachlässigen und ohne auf Parteiagitationen kleiner Kreise Rücksicht zu nehmen. Herr Dr. Nathan antwortete darauf, daß der Hilfsverein der Deutschen Juden auch in Zukunft an seinen Prinzipien festhalten würde. Im Sinne des Moriah-Artikels haben sich, nach weiteren Mitteilungen, durch Deputationen und Adressen noch geäußert die Beth-Din der Sephardim, der Peruschim und Chassidim, Chacham Baschi, Gemeindevorstände, Vertretungen der Kaufmannschaft und Handwerker von Jaffa und Hebron. Alle Adressen und Ansprachen atmen den gleichen Geist, der in dem Schriftstück der Mitglieder der Beth-Din folgendermaßen zum Ausdruck kommt: Israel soll wissen, daß wir, die gegen den zersetzenden Geist, der in unsere Mitte getragen wurde, erregt sind, daß wir, die auf dem Boden der Tradition stehen, den Hilfsverein für sein löbliches Streben Die Tatsache, die hier noch verzeichnet sei, daß zahlreiche Beitritte neuer Mitglieder in Deutschland erfolgt sind, davon in Berlin allein etwa tausend, beweist, daß die Sympathien für den Hilfsverein dauernd im Wachsen sind. Palästina und das Technikum (Von unserem' Jaffaer Berichterstatter.) In Jaffa hatten wir in der letzten Woche Protestversammlungen im Beth-Am und in der größten sephardischen Synagoge „Kehillath Jakob“, ferner ein Massenmeeting im Garten des Hebräischen Gymnasiums. Im Beth-Am sprachen Dr. Met mann und M. S che in k in. Metmann, der Begründer des Hebräischen Gymnasiums, beleuchtete die eigenartigen Methoden des Kuratoriums und des Hilfsvereins vom pädagogischen Gesichtspunkte. Scheinkin forderte die Anerkennung der hebräischen Sprache auch außerhalb der Schule. In der Synagoge „Kehillath Jakob“ sprachen Dr. Bogratschow und Adler. Von dort begaben sich hundert Leute zu den Schulen des Hilfsvereins und der Alliance, wo Rufe für die hebräische Sprache ertönten. Zu einer besonders eindrucksvollen Demonstration gestaltete sich das Massenmeeting im Garten des Hebräischen Gymnasiums. Für das Meeting waren als Redner bestimmt: Gutmann, Mossinsohn und Aaronowitz, und man wußte im voraus, daß für dieses Meeting auch der größte Saal in Jaffa nicht reichen würde. Deshalb zog man es vor, diese Veranstaltung unter freiem Himmel abzuhalten. Der Verein „Makkabi“ war von seinem Vereinshaus unter Absingung nationaler Lieder in Reih und Glied aufmarschiert. Gedruckte Flugblätter mit großen Aufschriften wie: „Unsere Sprache ist hebräisch“, „Kampf den Beleidigern unserer Sprache“ usw. waren in tausenden Exemplaren schon vorher verbreitet, an den Häusern, Fenstern usw. angebracht worden. Der Ernst der Situation drückte sich bald in der Eröffnungsansprache aus, die M. Disengoff, der Vorsteher von Tel-Awiw, hielt. Mit vor Erregung zitternder Stimme wies er auf den Schimpf hin, der durch die bekannten Beschlüsse des Kuratoriums der jüdischen Nation, der hebräischen Sprache und dem gesamten Jischub zugefügt worden ist. Die folgenden inhaltsschweren Reden werden wohl demnächst in einer Broschüre vollinhaltlich unseren deutschen Volksgenossen zur besseren Information über die Verhältnisse in Palästina zugänglich gemacht werden. Die vorgeschlagenen Resolutionen wurden von den tausenden Teilnehmern mit stürmischer Begeisterung einstimmig angenommen. Die Bedeutung Jaffas in diesem Kampfe um die nationale Sprache ist deshalb besonders schwerwiegend, weil Jaffa seit mehr als zwanzig Jahren das Zentrum für die Kolonisationsarbeit bildet. Die Jaffaer jüdische Gemeinde ist wohl die rührigste und selbständigste im Lande. Was die Jaffaer Juden in Tel-Awiw geleistet haben, hat erst neulich das uneingeschränkte Lob des deutschen Konsuls gefunden. Nicht minder bedeutend sind die Leistungen der Jaffaer Juden auf kulturellem Gebiete. Von hier gehen auch Impulse für die gesamte Palästinaarbeit aus. W enn die Herren vom Kuratorium nur irgendwie — wie sie vorgeben — die Wünsche und Ansichten der palästinensischen Juden berücksichtigen wollten, so mußten sie die Jaffaer jüdische Gemeinde befragen. Aber es ist ja für die Herren des Kuratoriums bezeichnend, daß sie das gesamte palästinensische Judentum und ganz besonders die nationalen, aufstrebenden Elemente nach dem Muster des Fürsten Bülow als „Schnorrer und Verschwörer“ betrachten, auf deren Ansicht selbstherrliche Philanthropen nicht zu achten brauchen. Was die imposanten Protestkundgebungen in Jerusalem betrifft, so muß man dort zwischen dem Chalukahjudentum und den produktiv schaffenden jüdischen Volkskreisen zu unterscheiden wissen. Die Aktion Jerusalems ist um so bezeichnender, als es dort dem „H i I f s verein“ wirklich gelungen ist, aut dem Gebiete des Schulwesens und zum Teil auch auf humanitärem Gebiete eine dominierende Stellung einzunehmen. Ferner hat der „Hilfsverein“ in Jerusalem den rührigsten seiner Vertreter, Direktor Ephraim Cohn, der, ein gehorsames Werkzeug seiner Vorgesetzten, alles aufbietet, um die äußerst erregte Stimmung zu dämpfen. Wenn ihm dies aber in seinem eigenen Lager, unter den Lehrern und Schülern des „Hilfsvereins“, nicht gelingen will, um wieviel weniger wird er bei jenen Volksmassen erreichen, die sich über die Vorgänge ein eigenes, unbeeinflußtes Urteil bilden dürfen! Einigermaßen zweifelhaft war zuerst das Verhalten der Juden von Haifa. Diese Stadt der Zukunft verfügt zurzeit über eine jüdische Gemeinde von bloß einigen tausend Seelen, die mit Glücksgütern nicht besonders reich gesegnet sind. Man kann sich draußen kaum vorstellen, welche Hoffnungen