Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-12-05 · 49 (5.12.1913) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
49 (5.12.1913)
Date
1913-12-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316621--58261-3376781
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 49 PlE2§gELT - —r____==_=^_ 1657 J e 11 i n , eines Ben-J ehuda, eines Hillel Joffe, eines Ahron Aaronsohn, eines Dt. Lurie, Turoff , Disengoff, Auerbach und Pewsner in eine Reihe stellen mit der „Meinung“ eines anonymen Chalukah-Nehmers, wollen sie den Lehrerverband, der nahezu sämtliche Lehrkräfte in Palästina vereinigt, einschließlich der Lehrer des Hilfsvereins, zu dem das junge Judäa mit Stolz emporblickt, vergleichen mit einem Häuflein unterdrückter, armseliger Chalukah-Juden, die bereit sind, Huldigungsadressen und Loyalitäts-Erklärungen jeder Art zu unterzeichnen? Man kann nichts dagegen sagen, wenn die Vertreter des Hilfsvereins sich redlich abmühen, ihr Schulwerk in 'Palästina als das beste im Lande darzustellen. Wenn das aber nur durch eine Herabwürdigung der anderen Schulen geschehen kann, so sieht es stark nach „unlauterem Wettbewerb“ aus. Für jeden unbefangenen Kenner der palästinensischen Schulverhältnisse ist es doch eine Tatsache, daß die Mittelschulen des Hilfsvereins mit den hebräischen Gymnasien in Jaffa und Jerusalem und mit der Mädchenschule in Jaffa gar nicht wetteifern können, weder an Schülerzahl, noch was den Inhalt des Lehrplans betrifft. Merkwürdig ist übrigens, daß der Hilfsverein in einem vorige Woche nur an die nichtzionistische Presse versandten Communique behauptet, daß die ganze Protestaktion in Palästina auf „demagogische Umtriebe, terroristische Methoden“ usw. zurückzuführen sei. Das ist die übliche Deutung der sogenannten Liberalen, die, wenn es ihnen in den Kram paßt, ihre Waffen zur Bekämpfung ihrer jüdischen Gegner nicht ungern aus dem Arsenal eines russischen Polizei-Departements holen. Was ist denn geschehen? Die Vertreter des Hilfsvereins erklären, daß sie das Aufblühen und das Gedeihen der hebräischen Sprache in Palästina und sogar ihre Umgestaltung zur Umgangssprache durch ihre segensreiche Tätigkeit herbeigeführt haben. Wenn dem so ist, muß doch jeder Unbefangene die Frage aufwerfen: woher stammt dann die Entrüstung, woher die heftigen Proteste aller jüdischen Organisationen in Palästina bis zu der Paul Nathan Bne Brith-Loge in Haifa? Früher einmal konnte man die ferne jüdische Öffentlichkeit noch mit der Ausmalung von Potemkinschen Dörfern irreführen. Diese Zeit ist aber längst vorbei. Jetzt wird es niemandem mehr gelingen, auch nicht den Vertretern des Hilfsvereins, die Wahrheit zu verschleiern und eine echte Volksempörung auf kleinliche Intrigen zarückzuführen. Was jetzt in Palästina geschieht, beruht nicht auf Agitation, nicht auf einer Hetze, noch auf 1 ntrigen — es ist die unmittelbare Antwort, und zwar die kräftige und würdige Antwort eines empörten (Volksgewissens. Man hat an den Lebensnerv der Heranwachsenden Generation Palästinas gerührt, und Palästina hat die einzig mögliche Antwort gegeben, die die ganze jüdische Welt von ihm erwarten mußte. Wenn sich wirklich alles so verhielte, wie der Hilfsverein behauptet, wie konnte es dann kommen, daß die meisten Schüler des Lehrerseminars, die doch außer unentgeltlichem Unterricht auch noch kleine Geld-Stipendien vom Seminar erhalten, es jetzt vorziehen, mindestens ein Jahr zu verlieren, sich großen Unannehmlichkeiten auszusetzen, nur um als Zeichen des Protestes dem Unterrichte fern zu bleiben? Warum verschweigen die Vertreter des HilfisVereins, daß auch seine zuverlässigsten Lehrer der Leitung ein Memorandum eingereicht haben, in welchem sie den hebräischen Unterricht auch »für die wissenschaftlichen Fächer fordern? Wahrscheinlich tut doch also das neu e i n - geführte System des Hilfsvereins nicht nur den Schülern, sondern auch den Lehrern weh, denn es kann wohl als ausgeschlossen gelten, daß bewährte Lehrer sich von „verhetzten“ Schülern leiten lassen. Kennzeichnend für die Taktik der Verfasser des neuesten Kommuniques ist es auch, daß sie der Öffentlichkeit einzureden versuchen, die in Jerusalem erscheinende Zeitung „Moriah“ sei das Leitorgan der vereinigten Gemeinden von Jerusalem: die 50—60 000 Juden Jerusalems teilen sich in eine ganze Anzahl von Gruppen und Untergruppen,' ohne eine einheitliche Organisation zu haben. Und zweitens weiß jeder und müßten auch die Verfasser des Kommuniques wissen, wenn sie die Öffentlichkeit über Palästina - Angelegenheiten informieren wollen, daß gerade die „Moriah“ in Jerusalem gar keine Rolle spielt und in Palästina nicht den geringsten Einfluß hat. — Ferner rühmt sich der Hilfsverein in seinem Communique, er habe in Berlin 1000 neue Mitglieder gewonnen. Damit will er wahrscheinlich sagen, daß diese Mitglieder aus Sympathie für den Beschluß des Kuratoriums ihren Beitritt erklärt hätten. Da wäre es aber doch interessant zu erfahren, ob diese neuen Mitglieder vor oder nach jenem Beschluß dem Hilfsverein beigetreten sind. In jedem Falle erscheint es uns ratsamer, statt in zwei Communiques zwei halbe Wahrheiten zu publizieren, lieber in einem Communique die ganze Wahrheit zu sagen. Alles, was jetzt geschehen ist, haben wir vorausgesehen und haben uns deshalb bemüht, die Herren zu warnen und ihnen klar zu machen, daß man nicht ungestraft national-kulturelle Errungenschaften antasten darf. Allein wir konnten mit unseren Worten und Warnungen die dicke Schicht von Vorurteilen, die die Assimilation um manche Teile der Judenheit gebildet hat, nicht durchdringen, und nun ist der Konflikt ausgebrochen. Vielleicht werden jetzt manche, denen bisher das Verständnis für die Schätzung der jüdischen Renaissance in Palästina fehlte, den Prozeß dieses Erwachens eines Volkes richtiger aufzufassen lernen. Vielleicht werden sie begreifen, daß es sich hier nicht um ein Wetteifern zwischen verschiedenen Organisationen handelt. So liegt die Sache nicht. Hier steht der ausgeprägte nationale Wille des ganzen neuen Jischub, der sich die Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seiner Sprache zum Hauptziel seines Lebens gemacht hat gegen fremde Tendenzen und fremde Politik, die den Versuch machen, auch in dieses Gebiet einzudringen. Da braucht es keiner Agitation, keiner demagogischen Umtriebe und keiner Hetze, denn die jetzt zutage getretene Empörung der öffentlichen Meinung spiegelt nur den Seelenzustand dieses sich erneuernden Teiles des jüdischen Volkes wider, sie ist nur der selbstverständliche Ausdruck der Abwehr gegen Angriffe auf bereits erworbene geistige Güter. Auch die Art der Darstellung, daß die ganze Angelegenheit eine rein palästinensische sei, entspricht nicht den Tatsachen. Die ganze jüdische Welt ist in diesem Konflikt interessiert. Die gesamte jüdische Presse nimmt zu ihm Stellung, und es ist bereits klar zu ersehen, daß auch weite nichtzionistische Kreise, die zu ihrem Volkstum stehen, und für die Palästina nicht nur ein Objekt für philanthropische Handlungen ist, sich darüber einig sind, daß keine jüdische Organisation der Welt ein Recht hat, der palästinensischen Kulturentwicklung Steine in den Weg zu legen oder die palästinensische Bevölkerung als Mittel für irgendwelche fremde Politik verwenden zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.