Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 49 DIE3§BELT 1656 werden. Jetzt bringen wir Juden zwar nicht das große Kapital nach Palästina, aber wir sind doch die einzigen, die überhaupt Kapital nadh Palästina bringen. Später wenn das Großkapital seinen Weg nach Palästina nimmt, würden wir vielleicht zur Bedeutungslosigkeit herab- Welches ist nun das jüdische Kapital, das jetzt bereits nach Palästina strömt und auf das auch weiterhin zu rechnen ist? Es ist nicht das Finanz- oder Unternehmerkapital, sondern es ist das Kapital der an der Wiederbesiedlung Palästinas durch Juden interessierten jüdischen Kreise. Diese Kreise sind schon dann bereit, ihr Geld in Palästina anzulegen, wenn dies als eine sichere Anlage erscheint, sie verlangen nicht wie das Finanz- und Untemehmerkapital, daß diese Anlage die beste unter allen möglichen Anlagen überhaupt sei. Wenn sie z. B. ihr Geld in Immobilien investieren, so muß ihnen das Grundstück eine Rente abwerfen; aber es schreckt sie nicht ab, wenn diese Rente etwas niedriger ist als sie anderswo sein würde. Der Gefühlswert, den Palästina für sie hat, ersetzt ihnen die Differenz, ln ähnlicher Weise spielen Gefühlswerte übrigens auch sonst bei dem - eine Anlage suchenden kleinen und mittleren Kapital eine Rolle, indem z. B. fast überall der Privatmann, der Geld anzulegen hat, Anlagen in seiner Stadt, in seinem Vaterlande und dessen Kolonien vor fremden Anlagen bevorzugt, selbst wenn die letzteren etwas profitabler sind. Ich möchte die von diesen Kapitalisten alimentierte Kolonisation die national kapitalistische oder kürzer nationale Kolonisation nennen im Gegensatz zu der reinkapitalistischen oder großkapitalistischen Kolonisation, die keine Gefühlswerte kennt. Die Erkenntnis, daß das für Palästina geworbene oder noch zu werbende Kapital aus palästinensischen oder nationalen jüdischen Kreisen kommt, gibt uns eine Richtschnur für unsere Bemühungen um Beschaffung von Kapital im Auslande für , Palästina. Wir dürfen uns bei der Kapitalswerbung nicht auf eine reinkapitalistische Argumentation einlassen und uns mit dem Nachweis abquälen, daß .Geld nirgends bessere Zinsen trägt als in Palästina. Wir sollen uns vielmehr darauf beschränken, zu betonen, daß die Anlage in Palästina sicher ist und eine Verzinsung verspricht, die vielleicht ebenso hoch ist wie anderswo, vielleicht auch dahinter zurückbleibt. Dafür muß aber nachdrücklich' hervorgehoben werden, daß jetzt, wo Palästina noch nicht vom Großkapital überflutet ist, auch kleine in Palästina produktiv angelegte Summen eine große wirtschaftliche Bedeutung haben und daß diese vereinten kleinen Kapitalien uns in den Stand setzen, unsere wirtschaftliche Stellung in Palästina zu befestigen. Außerdem ist es für den kleinen und mittleren Kapitalisten die beste Vorbereitung für seine spätere Uebersiedlung nach Palästina, wenn er zunächst einen Teil seines Vermögens dort anlegt. Auch für die Arbeit in Palästina gibt uns die Tatsache, daß das Kapital national-jüdischen Kreisen entstammt, wertvolle Fingerzeige. Das Kapital muß derartig verwendet werden, daß damit, soweit die Rücksicht auf die Sicherheit der Anlage es zuläßt, zugleich auch ein möglichst großer nationaler Nutzeffekt erreicht wird. In jedem Falle darf bei der Verwendung des Kapitals nichts geschehen, was unseren nationalen Interessen zuwiderläuft, denn das würde im Widerspruch mit den Intentionen der Geldgeber stehen und uns neue Geldquellen verschließen. Wenn wir uns dies vor Augen halten, dann ist damit auch unser Standpunkt in allen Fällen gegeben, in welchen die nationalen Interessen mit den privatkapitalistischen Interessen kollidieren. Diese Kollision darf nicht zum Schaden der nationalen Interessen entschieden werden, denn sonst sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen. Der reine Profitstandpunkt kann und wird herrschen, wenn einmal das Großkapital nach Palästina strömen wird. Solange das Kapital aber nur von national-jüdischen Kreisen kommt, können und müssen wir nur nationale Kolonisation treiben. DIE PROTESTBEWEGUNG IN PALÄSTINA Bisher hat das. Kuratorium des Jüdischen Instituts für technische -Erziehung in Palästina die jüdische Presse mit Communiques. über seine bekannten Beschlüsse versorgt — nun tut es der Hilfsverein der Deutschen Juden. Man muß zugeben,, daß diese Communiques nicht ohne Geschicklichkeit abgefaßt sind. Sie sind auf einen Leserkreis berechnet, der weder Palästina, noch den Charakter seiner, jüdischen Bevölkerung kennt, und dem man Sand ln die.Augen zu streuen. hofft durch Mitteilungen über großartige Empfänge, Huldigungsadressen und Sympathie-Erklärungen für das „bewährte System“ des Hilfsvereins in seinen palästinensischen Schulen und zu Ehren seiner Vertreter, die sich eiligst dorthin begeben haben, da die Hauptschulen des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Jaffa und Jerusalem leer stehen. Eine merkwürdige Erscheinung: -alles sympathisiert angeblich mit dem Hilfsverein, nur,nicht die Lehrer und die Schüler seiner eigenen Schulen. Alles jubelt ihm zu, nur nicht seine eigenen Stipendiaten, die sogar auf die ihnen gewährte Unterstützung verzichten, um nicht der Herabwürdigung unserer nationalen Sprache durch ihren Schulbesuch Vorschub zu leisten. Merkwürdigerweise sucht der Hilfsverein seine moralische Stütze bei anonymen Gemeindevorständen, bei einzelnen unberufenen Handwerkern aus Jaffa und Hebron, während der ganze neue jüdische Jischub ohne Ausnahme sich wie ein Mann erhebt, um seiner Entrüstung und Empörung über die Beschlüsse des Kuratoriums, die er als eine Verhöhnung des Heiligsten empfindet, Ausdruck zu geben. Die organisierte Lehrerschaft, die jüdischen Gemeinden in Jaffa und Haifa, die ganze Arbeiterschaft, die Gemeindeverwaltungen in den jüdischen Kolonien, alle protestieren auf das Heftigste und erklären die Handlungsweise des fjilfsvereins in dieser vitalen Frage für geradezu verhäng- Was wir an Intelligenz und Lebenskraft in Palästina besitzen, hat sich vereinigt, um mit allen Kräften die bisherigen Errungenschaften auf dem Gebiete der Wiederbelebung unserer Sprache zu wahren und sie nicht durch unberufene und unberechtigte Einmischung vernichten zu lassen. Da kommt man nun und erzählt uns Geschichten von Perusehim und Chassidim und von manchen anderen Söldnern der Chalukah! Sind denn die Herren, die plötzlich so großes Interesse für die Informierung der jüdischen Öffentlichkeit zeigen, so naiv, um nicht zu begreifen, daß heute Palästina kein abstrakter Begriff mehr ist, und daß die gebildete jüdische Welt längst über die Schichtungen der Bevölkerung und über das spezifische Gewicht ihrer verschiedenen Gruppen orientiert ist? Wissen die Herren denn nicht, daß es heute kein Geheimnis mehr ist, daß man in Palästina viele Unterschriften sammeln kann, die noch lange nicht die Stimmung der jüdischen Bevölkerung Palästinas ausdrücken, und daß gerade d i e Stimmen, die in Betracht kömmen, unbestechlich und unbeeinflußbar sind? Wollen sie etwa die Stimme eines David