Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE HIELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. NSf ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVIL JAHRO. BERLIN, 5. Dezember 1913 umW? IT'pnn 'X 1722 '1 ,7772 Nr. 49. Philanthropische und kapitalistische Kolonisation Von Dr. Arthur Ruppin, Jaffa Ein Sprichwort sagt, daß der Mensch nichts strenger verurteile als seine eigenen Irrtümer, sobald er sie überwunden hat. Aehnlich geht es uns mit der Beurteilung der früheren philanthropischen Kolonisation in Palästina. Wir werden nicht müde, die Schäden aufzuzählen, welche diese Art Kolonisation im Gefolge gehabt hat, und wir gehen -dabei von einem Extrem zum anderen über, indem wir an die Stelle der philanthropischen Kolonisation nun. sofort die reinkapitalistische Kolonisation setzen wollen. Was heißt philanthropische Kolonisation? Eine Art der Kolonisation^ bei welcher der Geldgeber mit der Hergabe des Geldes nicht sein Interesse, sondern das Interesse der Geldnehmer verfolgt. Im strikten Gegensatz dazu hat bei der kapitalistischen Kolonisation der Geldgeber seine eigenen Interessen im Auge und will die Vorteile, die aus der Verwendung seines Geldes fließen, für sich selbst haben. Es bedarf keiner langen Ausführungen, um nachzuweisen, daß die kapitalistische Kolonisation, weil sie sich auf das eigene Interesse der Geldgeber stützt, vor der philanthropischen Kolonisation einen großen Vorzug hat. Sparsamkeit, Ausdauer, Fleiß werden dort immer größer sein, wo sie das eigene Kapital schützen und vermehren sollen. Der philanthropischen Kolonisation wird zudem, weil sie allein von dem guten Willen des Geldgebers abhängt, immer etwas Subjektives, Sprunghaftes, Unsicheres anhaften. Es ist ganz leicht, über die philanthropische Kolonisation aus. diesen Gründen den Stab zu brechen und ihr die kapitalistische Kolonisation als Muster vorzuhalten. Es fragt sich nur, ob zur Zeit, als die philanthropische Kolonisation in Palästina einsetzte, also etwa vor 30 Jahren, eine kapitalistische Kolonisation dort schon möglich war. Nach meiner Ansicht-war sie absolut unmöglich. ^Palästina..war damals in wirtschaftlicher Beziehung überhaupt und in landwirtschaftlicher Beziehung insbesondere noch eine terra incognita. Die Rechtsverhältnisse galten als unsicher, die Behörden als bestechlich und erpresserisch. Es gab im Lande weder Eisenbahnen noch fahrbare Straßen. Auf die im Lande vorhandene, von der Chalukka lebende jüdische Bevölkerung war kein Verlaß, die arabische Bevölkerung war kulturfremd und noch weniger zuverlässig.- Wie konnte ein Jude unter diesen Umständen die Ueberzeugung haben, daß er sein Geld in der palästinensischen Landwirtschaft sicher anlege? Ich glaube, daß der philanthropischen Kolonisation in den beiden Jahrzehnten, in denen sie in Palästina herrschte, das große Verdienst zukommt, uns Palästina näher gebracht und uns mit den palästinensischen Verhältnissen bekannt gemacht zu haben. Sie hat mit schweren, aber wohl kaum vermeidlichen Opfern die ersten Pfähle eingeschlagen, auf denen wir später weiterbauen konnten, ohne die aber jeder Bau unmöglich gewesen wäre. Damit ist der philanthropischen Kolonisation ihr historischer Platz zugewiesen: sie war die notwendige Pfadfinderin der späteren Kolonisation und hat hierin ihre Rechtfertigung. Sie hatte sich erst dann überlebt, als Palästina für die kapitalistische Kolonisation reif geworden war. Die Kritik, die zu dieser Zeit gegen die philanthropische Kolonisation einsetzte, war berechtigt und unberechtigt zugleich'; berechtigt, weil wirklich die philanthropische Kolonisation gegenüber der kapitalistischen viele Mängel hat; unberechtigt, weil sie übersah, daß erst die philanthropische Kolonisation aus ihrem Schoße die kapitalistische geboren und lebensfähig gemacht hatte. Als man die philanthropische Kolonisation verwarf, blieb die Frage, ob man nun alles weitere -einfach der eigenen Entwicklung, d. h. dem Profithunger des Kapitals überlassen solle, das sich zur gegebenen Zeit von selbst ohne fremdes Zutun nach Palästina stürzen werde, oder ob und in welcher Weise man die Kapitalisten hierzu anregen müsse. Es zeigte sich hierbei alsbald, daß die jüdische Finanzwelt und die jüdischen Großkapitalisten für geschäftliche Unternehmungen in Palästina keinerlei. Interesse hatten; ihnen schienen andere Länder weit bessere Chancen zu bieten als Palästina. Bis zum heutigen Tage hat das jüdische Großkapital noch nicht ein einziges jüdisches Unternehmen in Palästina ins Leben gerufen oder gefördert. Die Zeit für das spontane Einströmen des jüdischen Großkapitals nach Palästina scheint also noch nicht gekommen zu sein und wir brauchen es auch nicht zu bedauern und diese Zeit nicht so rasch herbeizuwünschen. Denn in demselben Momente, in dem jüdische Kapitalisten es vom rein geschäftlichen Standpunkt für vorteilhafter ansehen würden, ihre Kapitalien in Palästina statt irgendwo anders anzulegen, würden auch nichtjüdische Kapitalisten . dieselbe Entdeckung machen und dann würde unsere Arbeit in Palästina bedeutend erschwert