Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-11-28 · 48 (28.11.1913) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
48 (28.11.1913)
Date
1913-11-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316620--58246-3376765
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 48 1633 DIE^ELT an Lehrinstituten und über ihre Ausschließung von bestimmten Schulen zu interpellieren. In Kischinew sind die jüdischen Schüler des städtischen Gymnasiums aufgefordert worden, dem Feste fernzubleiben, mit dem die Schule die kaiserliche Erlaubnis, künftig den Namen des Zarewitsch zu tragen, zu feiern beabsichtigt. In derselben Stadt sind kürzlich nicht weniger als 186 jüdische Familien zur Zahlung der berüchtigten Dreihundert-Rubel- Strafe verurteilt worden, die diejenigen Juden trifft, deren Verwandte sich durch Flucht ins Ausland dem Militärdienst entziehen. Kiew Im Berliner „Vorwärts“ schreibt der bekannte elsässische Dichter Rene Schickele: In Kiew haben sie einem Mann den Prozeß gemacht, nicht, weil er im Verdacht stand, einen Mord begangen zu haben, nicht einmal, weil er ein Jude war, der im Verdacht stand, einen Mord begangen zu haben, sondern weil die Juden im Verdacht stehen, religiöse Morde zu begehen. Wäre dem Staatsanwalt der Nachweis gelungen, daß es Ritualmorde gegeben hat, so wäre Beilis verloren gewesen. So erklärt sich die verblüffende Frage, die der Staatsanwalt an einen Sachverständigen stellte, warum das Judentum der ganzen Welt in Aufregung gerate, wenn ein Jude eines Ritualmordes beschuldigt werde. Denn das Christentum, nicht wahr, geriete keineswegs in Aufregung, wenn in irgendeinem barbarischen Land ein Christ beschuldigt würde, einen Mord begangen zu haben, den seine Religion ihm vorschrieb. Der wilde Stamm, dem solches einfiele, würde nur durch eine Auswahl christlicher Bajonette schnell und gründlich eines bessern belehrt. Das ist der einzige Unterschied zwischen dem Fall Beilis und dem des mutmaßlichen christlichen Märtyrers. Vom selben Tiefgang war die andere Frage, ob die Juden die hingerichteten jüdischen „Fanatiker“ als Heilige betrachteten. Der Moskauer Oberrabbiner antwortete sehr schön, die Juden kennten keine Verehrung der toten Gebeine, wohl aber eine Verehrung der Seele ihrer zahlreichen Märtyrer. Hinter dem Knochensplitter eines christlichen Heiligen her zieht der Zar mit ganz Rußland in mystischer Prozession! Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie die jüdischen Märtyrer für höllische Nachahmungen der christlichen Originale, für ein fratzenhaftes Possenspiel des Teufels halten? Selbst die Heiligen gelten nur soviel, als sie Bajonette für sich Die armen Heiligen! Beim vorläufig letzten „Kreuzzug“, dem Schweine- und Lämmerkreuzzug, sprangen sie, mit Kirchenglocken und Kanonen, in gemeinsamer Prozession gegen die Ungläubigen los. Sie segneten gemeinsame Märtyrer. Ein wahrhaft erhebendes Schauspiel. Der Himmel füllte sich mit Seelen, die aus gespaltenen Schädeln und geschlitzten Eingeweiden kamen. Plötzlich aber entbrannten sie, die Heiligen in der Prozesison, mit ihren Wunden und Aureolen in erbittertem Wettbewerb und begannen, seltsamerweise ohne weiteren Schaden für ihre Erztugenden, sich gegenseitig zu metzeln. Und natürlich wurden die gemeinsamen Märtyrer von gestern ebenso schnell zu „ewigen“, „heiligen“ Feinden und die „unsterblichen“ Träger des Haß- und Rachegedankens. Im Namen Christi. So sind die Menschen. Sie wollen, daß ihre Lügen gleich bis zum Himmel stinken . . . Wie gut, wie menschenrein hebt sich aus der blutigen Sumpfluft dieser weltlichen Verwirrungen das Bild der jüdischen ..Fanatiker“, das ein geist- und phantasieloser Teufel von Staatsanwalt gegen einen kleinen, gleichgültigen Juden heraufbeschwor. Ihr Martyrium war ohne Glanz. Ihr Name lebt nicht im Echo der Orgeln und Litaneien. Sie zitterten, todängstliche Kreaturen, einsam und ihrer ganzen Qual bewußt, vor dem Feuer, das zu Gottes Ehre Menschen fraß, wie Strohbündel, und ließen sich fressen. Sie bäumten sich schreiend vor dem Schwert im Weihwedel und ließen sich schinden. Welch ein Held, Ihr Massenfeiglinge, ist doch dieser Beilis, von welcher Kraft des Duldens, verglichen mit den trunkenen, hypnotisierten Horden, die mit Kreuz und Fahne gegen Konstantinopel zogen ... Ich kenne in den schönsten Legenden nicht viel, was mich mehr ergriffen hätte als die Worte, die Beilis’ Frau zum Staatsanwalt sagte: Er solle sich jetzt einen anderen Juden suchen, ihr Mann habe lange genug im Gefängnis gesessen . . . Sie wußte, ebensogut wie der Staatsanwalt, der auf der Suche nach einem Ritualmord in den Jahrtausenden umhertorkelte, daß es nicht um Beilis ging, sondern gegen die Juden, und deshalb meinte sie, es brauchte nicht immer gerade ihr Mann zu sein, der herhielt, man könnte vielleicht abwechseln und die Last verteilen . . . Denn sie, die russischen Juden, seien nun einmal da, um zu leiden. Was Beilis erzählt Ueber seinen zweieinhalbjährigen Aufenthalt im Gefängnis weiß Beilis sehr interessante Dinge zu erzählen. Man hat alles Mögliche und Unmögliche getan, um Beilis ein Geständnis zu entlocken. Er erhielt die hervorragendsten Halsabschneider zu Zellengenossen, schließlich versuchte man es mit der Einzelhaft, es half aber alles nichts. Man gab ihm einen Kameraden, einen gewissen Paschkovvsky, der zu IS Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Dieser Zuchthäusler wollte aber an den Ritualmord nicht glauben und verhielt sich Beilis gegenüber recht menschlich. Einmal wurde dieser Paschkowsky auf das Bureau gerufen. Als er in die Zelle zurückkehrte, erzählte er Beilis, man habe ihn ausgefragt, ob Beilis nicht irgendein unvorsichtiges Wort fallen gelassen habe, ob er nicht im Schlafe irgendein Wort gesprochen hätte, das ihm zur Last gelegt werden könnte. Dabei ließ man deutlich durchblicken, daß die erwünschte Antwort geziemend belohnt werden würde. Da es mit diesem Paschkowsky nicht recht gehen wollte, gab man Beilis einen anderen Sträfling, einen gewissen Kursky, zum Zellennachbar, einen sehr rohen Kerl, der sehr bald, da er den gewünschten Erfolg nicht erzielte, begann, Beilis zu mißhandeln. Sehr brutal wurde Beilis auch von zwei Gefängniswächtem, Krupsky und Borschtschuk, behandelt. Ersterer ließ ihn, im Gegensatz zu den geltenden Bestimmungen, schwere Arbeiten verrichten und schrie ihn an: „Du Judenlümmel, Christenblut trinken willst du, arbeiten aber nicht!“ Letzterer, der auch Henker ist, machte sich einen Spaß daraus, Beilis öfter zu besuchen, um ihm folgende menschenfreundliche Mitteilung zu machen: „Nun, Beilis, heute nacht wirst du im Gefängniswagen nach dem Kahlberg gebracht, dort werde ich dich eigenhändig aufknüpfen. Es wird mir Spaß machen, dich so mit den Beinen zappeln zu sehen, dazu werde ich noch fünfundzwanzig Rubel verdienen.“ Da in der Nacht häufig bei Beilis, der in Einzelhaft saß und keinen Menschen zu sehen bekam, unerwartet Durchsuchungen vorgenommen wurden, mußte Beilis denken, daß Borschtschuk wirklich gekommen sei, um ihn nach dem „Kahlberg“ zu bringen. Diese Durchsuchungen trugen einen eigentümlichen Charakter: man riß ihm den Mund weit auf, so daß er sich dabei wiederholt eine Wunde holte, schob ihm die Hände tief in den Rachen hinein, zog die Zunge hervor u. dgl. In dieser Behandlung des „Ritualmörders“ herrschte eine merkwürdige Einmütigkeit unter den Beamten verschiedener Stufen. Um Beilis das ersehnte Geständnis abzuringen, verfiel man auf eine raffinierte Grausamkeit. Man ließ seinen kleinen kränklichen Sohn Pinkus verhaften und brachte ihn in einer benachbarten Zelle unter, so daß der Vater das Weinen und Jammern des Kindes hören konnte. Morgens führte man den Knaben im Gefängnishofe an Beilis’ Fenster vorüber. Beilis wurde bald beim Verhör mit-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.