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Die Welt · 1913-11-28 · 48 (28.11.1913) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
48 (28.11.1913)
Date
1913-11-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 48 DIE^ELT - - ------- 1631 „U nita Cattolica“ nicht zu beklagen haben würde leider zu spät begriffen. Was die Resultate der Wahlen im allgemeinen betrifft, können wir mit ihnen gleichwohl zufrieden sein. Das italienische Volk in seiner großen Mehrheit hat sich entschieden gegen den Klerikalismus und Antisemitismus ausgesprochen. Die Märchen gegen die Juden finden keinen Glauben mehr. Gerade dort, wo sie mit angespanntester Energie gegen die Juden „gearbeitet“ hatten, erlitten die Klerikalen die größten Niederlagen. Es bildet einen Ruhmestitel des italienischen Volkes, daß es den Mut und die Energie hat, solche Hetzapostel von sich abzuschütteln. Jüdische Abgeordnete in Italien Ins neue italienische Parlament sind zwölf Juden gewählt worden (in dem aufgelösten waren es nur elf), und zwar Luigi L u z z a 11 i, Claudio Treves, Romanin J a - cur, Salvatore Barzilai, Morpurgo, Ancona, A r - tom, Pavia, Musatti, Cassin, Modigliani, Cassuto und Sarfatti. Von diesen ist der frühere Ministerpräsident Luzzatti ein Führer des rechten Flügels der Liberalen, Barzilai ist der Führer der Republikaner und T r e v e s der Sozialisten. Pavia ist Unterstaatssekretär der Finanzen. Außerdem wurden vor kurzem zwei jüdische Gelehrte in den Senat gewählt. In der Provinz von Venedig hatte sich ein Jude namens Dr. Ravä einige Tage vor den Wahlen taufen lassen, um sich als Parteigänger der Klerikalen um ein Mandat zu bewerben. Obwohl sein Wahlkreis als eine Hochburg des Klerikalismus gilt, ist dieser Täufling durchgefallen. Selbst konservative Blätter, wie das „Giorn a 1 e d’I t a 1 i a“ in Rom, haben diesen „politischen Glaubenswechsel“ mit scharfen Worten gebrandmarkt. Jahresversammlung der jüdischen Farmer In Amerika Vom 16. bis 19. November tagte in New York im Gebäude der Educational Alliance die Jahresversammlung des Verbandes jüdischer Farmer in Amerika. Die Konferenz war aus allen Teilen der Vereinigten Staaten zahlreich beschickt. Der Verbandsvorstand und die einzelnen Delegierten erstatteten ausführliche Berichte über die wirtschaftliche Lage der jüdischen Farmer. Einen breiten Raum nahm in den Verhandlungen die Frage der Schaffung kooperativer Kreditgenossenschaften ein. Es wurde über die Tätigkeit des Einkaufsbureaus, der Feuerversicherungsgesellschaft und anderer Einrichtungen des Verbandes berichtet und das Problem der landwirtschaftlichen Ausbildung und der religiösen Erziehung der Jugend in längerer Aussprache erörtert. Auch verschiedene fachwissenschaftliche Vorträge wurden gehalten und es wurde den Delegierten Gelegenheit geboten, landwirtschaftliche Musterbetriebe in der Nähe New Yorks gemeinsam zu besichtigen. Der Verband gibt unter dem Titel „The J e wi sh Farmer“ eine in englischer und „jiddischer“ Sprache erscheinende Monatsschrift heraus, die bereits im sechsten Jahrgange erscheint. Das Schicksal des Täuflings Der getaufte Jude und tschechische Parteiführer, Dr. Stransky, gebrauchte im österreichischen Abgeordnetenhause den Ausdruck „Das vertrottelte Wien“. Folgen: Stadtrats-Resolution gegen den Juden Stransky, weil er die deutsch-christlichen Wiener beleidigt hat. Große Versammlungen in allen Stadtteilen, gleich mehrere täglich, in welchen die antisemitischen Herren referieren, Stranskys „jüdische Frechheit“ brandmarken und zum Rütli-Schwur auffordem, Wien schleunigst von Tschechen und Juden zu säubern. Wütende Straßendemonstrationen im Bezirke Mariahilf, Stranskys Wiener Absteigequartier wird ausgeforscht und unter Fäusteballen und Stöckeschwingen „Nieder mit den Juden“ gebrüllt. Merkwürdig! Lang', lang’ ist's her, seitdem der im Kampfe für die Rechte des böhmischen Volkes ergraute Parlamentarier zum Taufbecken schritt. Der Name ist gar nicht verdächtig. Ein deutschradikaler Antisemit führt den nämlichen. Auch Gestalt und Geste sind keineswegs „markant“. Und doch: Keiner hat’s vergessen, daß der tschechisch-nationale Führer ein Sohn des alten Stammes ist, und wenn’s den Judenfeinden in den Kram paßt, holen sie Stranskys Judentum hervor, das der alte Fuchs längst vergraben und vergessen wähnte, ihm zum Spott — — dem jüdischen Volke zum Schaden ... Ein gefährliches Auswanderungsgesetz Die sattsam bekannte österreichische Auswandereraffäre, der sogenannte „Canadian-Skandal“, hatte eine von der Regierung eingebrachte Gesetzesvorlage zur Folge, die einem Auswanderungsverbote gleichkommt. Sollte sie vom Parlamente nicht zurückgewiesen werden und in der gegenwärtigen Fassung in Rechtskraft erwachsen — dann würde sie für Galizien, „das Land der Not“, nicht zuletzt natürlich für die galizischen Juden, von denen ein von Jahr zu Jahr wachsender Prozentsatz auszuwandem gezwungen ist, einen neuen, furchtbaren Schlag bedeuten. Die mächtige christlichsoziale Partei, welche diese Affäre zu einer scheußlichen judenfeindlichen Hetze ausbeutet, erklärt jeden, der gegen die erwähnte Vorlage auftritt, als gekauften Agenten der „Canadian“. Es ist nun bezeichnend, wie scharf und eindringlich einer der hervorragendsten Nationalökonomen, das österreichische Herrenhausmitglied Professor Philippovich, gegen das neue Auswanderungsgesetz auftritt. Er nennt es in der „Frankfurter Zeitung“ ein Unglück und eine Ungeheuerlichkeit. Die unmittelbare Folge einer gewaltsamen Verhinderung der Auswanderung aus Galizien wäre der elementare Ausbruch einer H ungersnot. Da es sich in diesem Falle nicht allein um die Juden Galiziens, sondern auch um die in tiefstem Elend lebende polnische und ruthenische Landbevölkerung handelt, ist zu hoffen, daß das Gesetz in der jetzigen Fassung nicht durch- Hilisaktion für die notleidenden galizischen Juden Die zionistischen Mitglieder des Lemberger Kultusrates Dr. Hausmann und Direktor Orange überreichten dem Kultusvorstande ein Memorandum, in dem sie auf die traurige wirtschaftliche Lage der galizischen Juden hinweisen, die Einleitung einer Nothilfsaktion verlangen und die Notwendigkeit der Gründung einer finanzkräftigen jüdischen Zentralbank hervorheben. Um die Anschauungen der führenden jüdischen Bankdirektoren kennen zu lernen, wurde für Sonntag, den 9. November, in den Sitzungssaal des Kultusrates eine Enquete einberufen, die von Kultusrat Dr. Schaff geleitet wurde. An der Enquete beteiligten sich der Präsident der Lemberger Handelskammer, Samuel v. H o r o w i t z , die Bankdirektoren Singer (Wiener Bankverein), Weintraub (Kreditanstalt), Dr. Witz (Union-Bank), S e k 1 e r (Gal. Hypothekenbank), D i s c h e (Depositenbank), Dr. W i 111 i n (Landesverband der jüdischen Genossenschaften), Eisler (Kredit- Union), Maschler und Taubes (Kaufmännische Kreditbank). — Während der längeren Diskussion, an der sich fast alle Eingeladenen beteiligten, erklärte Dr. W i 111 i n , daß man in der letzten Zeit bei den jüdischen Genossenschaften 65 000 000 Kronen zurückgezogen habe, und daß von 800 jüdischen Genossenschaften kaum 250 noch tätig sind. Es wurde beschlossen, daß sich die Lemberger Kultusgemeinde an die I. C. A. mit dem Ansuchen wende, diese möge mehrere neue Leihkassen in Galizien errichten, das Betriebskapital der schon vorhandenen vergrößern und den jüdischen Genossenschaften größere Kapitalsanlagen zu kleinem Zinsfuß zur Verfügung stellen.

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