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Die Welt · 1913-11-28 · 48 (28.11.1913) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
48 (28.11.1913)
Date
1913-11-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 48 DIE^ELT >k>2» Augenblick ihr Mütchen kühlen. Sie legten gegen die Wahl, die zu ihren Ungunsten ausgefallen war, bei der Regierung in Düsseldorf Protest ein mit der Begründung, „das Wahlergebnis sei durch einen in umfangreicherem Maße betriebenen Stimmenkauf zustande gekommen; der Führer der in Duisburg wohnhaften galizischen Juden, die nach Sitte und Weltanschauung den deutschen Juden gänzlich fernständen und der von den rechtgläubigen Israeliten als ketzerisch angesehenen Sekte der Chassidäer angehörten, habe die Stimmen seiner Sektenbrüder zum Preise von je fünf Mark zugunsten der Gegner der Liberalen gekauft." Die Unterzeichner seien gezwungen, diese strafbaren Handlungen aufzudecken, „um die Würde derSynagogengemcinde Duisburg zu wahren." In diesen Tagen, da das mißverstandene Wort „Chassidim" und die lächerliche Fabel von einer ketzerischen Sekte im Judentum beinahe dazu geführt hätten, daß ein Jude wegen Ritualmordes verurteilt worden wäre, wird man die Gewissenlosigkeit dieser Handlungsweise in ihrer ganzen möglichen Tragweite würdigen. Auf den Protest hin erhob die Staatsanwaltschaft Duisburg gegen die Beschuldigten die Anklage wegen strafbarer Wahlbeeinflussung und Stimmenkaufs; das Strafverfahren wurde aber sogleich, noch ehe der Richter einen Entlastungszeugen vernommen hatte, eingestellt, da sich die vollkommene Grundlosigkeit des Vorwurfs ergab, und der Staatsanwalt drückte seine Verwunderung darüber aus, daß Juden in solcher Weise gegen Juden Vorgehen könnten. Am 24. Februar 1913 wies der Regierungspräsident von Düsseldorf den erhobenen Protest als unbegründet zurück. Die Duisburger Liberalen aber wiederholten ihre Angriffe auch später noch, und sogar in öffentlicher Versammlung. Es wurde deshalb von einem der Beschuldigten die Privatklage erhoben, und der Beleidiger hielt seine Behauptungen aufrecht und bot einen umfangreichen Zeugenapparat zur Erbringung des Wahrheitsbeweises auf. Das Gericht brach aber nach Vernehmung eines geringen Teiles der geladenen Zeugen die Beweisaufnahme ab und verurteilte den liberalen Beleidiger in einem Falle zu hundert Mark, in einem anderen Falle zu dreißig Mark Geldstrafe. Der Vorsitzende stellt ebei der Urteilsbegründung fest, daß auch in dieser Verhandlung wieder „der Vorwurf des Stimmenkaufs sich als null und nichtig“ erwiesen habe. Gegen das Urteil wurde Berufung eingelegt, später aber wieder zurückgezogen. Das ist das jüdische Solidaritätsempfinden der deutschen Assimilanten. Die Unterzeichner des Protestes sind Führer der für Freiheit und Gleichberechtigung kämpfenden fortschrittlichen Volkspartei, die Ortsgruppenvorsitzenden des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die zu desavouieren die Vereinsleitung mit der eigentümlichen Begründung ablehnte: „Ein Verein wie der unsrige muß die Juden einen und stets bemüht sein, alles Trennende innerhalb des Judentums zu beseitigen, um nach außen hin energisch dazustehen"; sind die Duisburger Vertreter der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, die für Liberalismus und Gewissensfreiheit eintritt, die Brüder des Ordens Bne Brith, die die goldenen Worte „Bruderliebe und Eintracht" auf ihre Fahne geschrieben haben und die Männer der Alliance Israelite Universelle, deren herrlicher Wappenspruch ist: „Alle Juden bürgen für einander." Keine dieser Organisationen hat bisher den Mut gefunden, ihren Duisburger Vertreter zu desavouieren. Das ist das Solidaritätsempfinden der deutschen Assimilanten. In der „Jüdischen Rundschau“ schreibt Dr. Gustav Witkowsky unter dem Titel „Die Schmach von Duisburg": „Was in Duisburg geschehen, ist wohl der tollste Ausdruck jener seelischen Korruption, die wir immer wieder mit schmerzlichem Empfinden bei unseren Assimilationsjuden feststellen mußten; und weil die Ungeheuerlichkeit dieses Vorganges von Uneingeweihten kaum begriffen werden kann, soll an dieser Stelle das ganze bisher nur zum Teil bekannt gewordene Tatsachenmaterial aufgedeckt werden. Die jüdische Oeffentlichkeit soll sich dieses Schandfleckes in der Geschichte der deutschen Judeiubewußt werden. Es ist bekannt, daß in Deutschland tausende jüdischer Ausländer leben, darunter viele — bei der rigorosen Handhabung der Naturalisation — in zweiter, ja sogar dritter Generation; es ist. begannt, daß ohne den Zustrom aus dem Osten die deutschen Juden dem Untergänge geweiht wären, und es ist ebenso bekannt, daß .heute kaum ein Drittel aller deutschen Juden sich mehrerer in Deutschland geborener Ahnen rühmen kann. Die Namen östlicher Herkunft, deren Trägern wir in der jüdischen Oeffentlichkeit gerade an leitender Stelle so häufig-begegnen, beweisen das zur Evidenz. Die ununterbrochene jüdische Einwanderung vollzieht sich seit mindestens einem Jahrhundert und ihr hat auch die Judengesetzgebung der deutschen Staaten insofern Rechnung getragen, als sie in allen innerjüdischen Angelegenheiten keinen Unterschied zwischen In- und Ausländern macht. — Diese Gleichstellung haben die deutschen Juden im ganzen respektiert. Blickten sie auch vielfach mit lächerlichem Dünkel auf den östlichen „Glaubensbruder" hinab, so hatten sie doch keinen Anlaß, ihm seine Rechte in der Gemeinde zu schmälern. Das wurde anders, als die Zionisten in die Gemeinden einzudringen begannen und' als sie, die den Gedanken der nationalen Einheit betonten, von den Ausländern unterstützt, dem liberalen Klüngel in den Gemeindestuben gefährlich zu werden drohten. ’ Nun zeigte sich plötzlich der aus der Assimilation geborene Haß gegen alles Jüdische. O, man hatte noch Mittel, um gegen unbequeme „Glaubensgenossen" vorzugehen. Wozu war man denn mit dem Bürgermeister, dem Kreishauptmann, dem Landrat bekannt? Das Schreckgespenst der Ausweisung wirkte aber nur vorübergehend, selbst der Aengstlichste durchschaute bald ’ die eitle Wichtigtuerei. „Die Urheber 'dieser unerhörten Aktion sind Vorstands¬ und Ausschußmitglieder der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" und des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Daß diese Leute noch im Besitze ihrer Aemter sind, müssen die betreffenden Vereine mit sich selbst abmachen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, ihnen Belehrungen über parlamentarischen Takt zu er- Leider aber handelt es sich um viel mehr, um etwas, das alle deutschen Juden angeht. In der an die Regierung gerichteten Anzeige wird neben einer Fülle von ' Beschimpfungen von galizischen Juden gesprochen, „die der von den rechtgläubien Israeliten als ketzerisch angesehenen ekte der Chassidäer ange hö r e n." Wie? War von dieser „Sekte" nicht schon im Xantener und Konitzer Prozeß die Rede gewesen? Haben wir nicht in diesen Tagen in Kiew aus dem Munde der Sikorski, Pranaitis usw. dieselben Worte gehört? War dort nicht tagelang die Rede von den Chassidim, die Christenblut brauchen, und die man in einen Gegensatz zu den übrigen Juden zu bringen vergebens sich bemühte? Und nun stellen sich die „liberalen" Juden aus Duisburg, an ihrer Spitze zwei Akademiker, die sich der Tragweite ihrer Worte bewußt sein mußten, als Kronzeugen unserer gefährlichsten Feinde ein! Soll man ernstlich auf den Unsinn einer „ketzerischen Sekte" im Judentum eingehen? Oder sich empören über die Unverfrorenheit, mit der „liberale" Juden im Namen der „rechtgläubigen Israeliten" zu reden sich erdreisten? Soll man sich wundem, daß einer dieser protestierenden Anwälte aus Pinne stammt, und also doch wissen müßte, was Chassidim sind? Soll man erstaunt sein, daß der Rabbiner der Gemeinde, gleichfalls aus Posen gebürtig, ein Anhänger der „Richtlinien“, (freilich ein Milderungsgrund), nichts unternommen hat, um diese Schmach zu verhindern?" Der Londoner „Jewish Chronicle“ schreibt: „Ein Teil der liberalen deutschen Juden führt seinen Kampf gegen die eingewanderten russischen und galizischen Juden fort und ergreift die drastischsten Schritte, um sie in den Augen der deutschen Juden und Nichtjuden herabzusetzen. Dieser Kampf hat bereits zu einer gerichtlichen Klage geführt, die mit der völligen Niederlage der Liberalen geendet hat ... Es bleibt abzuwarten, ob der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der versprochen hat, Interessen und Ehre der in Deutschland wohnenden ausändislchen Juden zu schützen, genügend Mut finden wird, das Verhalten der Duisburger Liberalen zu verurteilen." Die klassische Antwort des Zentralvereins ist sicher noch in aller Erinnerung.: (Vgl. Nr. 34 der „Welt".)'

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