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Die Welt · 1913-11-28 · 48 (28.11.1913) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
48 (28.11.1913)
Date
1913-11-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1628 Nr. 48 DIE^ELT Institut in Palästina, das die wachsende Hebraisierung des Landes fast ignoriert und sich zum offiziellen Vertreter irgendeiner europäischen Sprache macht, ist nicht nur eine Abnormität, sondern ein Schlag gegen die teuersten Hoffnungen der Juden. Wir hoffen aufrichtig, daß es auch jetzt noch nicht zu spät ist, die ganze Frage unter dem Gesichtspunkt einer größeren Achtung für jüdische Ideale und jüdische Bestrebungen nochmals zu erwägen." Die angesehene Wochenschrift „Jewish Exponent“ in Philadelphia schreibt in ihrer Nummer vom 7. November: „Die Entscheidung, daß Deutsch die Unterrichtssprache am Technikum in Haifa werden soll, wird' schwerlich von denen gutgeheißen werden, welche die Notwendigkeit einer spezifisch jüdischen Kultur in Palästina erkannt haben. In dieser Schule kann und muß Hebräisch unterrichtet werden, falls sie den Wünschen derjenigen Personen entsprechen soll, die einem derartigen Institut die erforderliche moralische und materielle Unterstützung gewähren." „The Jewish Advocate“ in Boston glossiert den Beschluß des Kuratoriums folgendermaßen: „Achad H a a m, Dr. T schlenow und Dr. L e v i n, die in unserem Lande Fonds für das Haifaer Technikum gesammelt haben, sind aus der Leitung ausgeschieden, weil das Direktorium bei seiner Atzung in Berlin beschlossen hat, die offizielle Sprache des Instituts sollte das Deutsche sein. So endet der Versuch, ein allgemein-jüdisches technisches Institut in Palästina einzurichten. Weshalb gerade der Hilfsverein der deutschen Juden allein imstande sein sollte, die Leitung dieses Instituts zu übernehmen, wissen wir nicht. Er hat dazu beigetragen, das Unternehmen zu finanzieren, aber nicht in höherem Maße als andere jüdische Kreise, denn die Hauptquelle für die Errichtung der Schule ist die Wissotzky-Stiftung, und Kalonymus Wissotzky war ein russischer Jude . . . Wenn man aber ein jüdisches Institut in Palästina zu einem Instrument deutschen Einflusses macht, so schadet man damit jeglicher jüdischen Bestrebung im Orient. Um sich im Orient durchzusetzen, müssen die Juden beweisen, daß sie nicht irgendeiner europäischen politischen Partei angehören, denn die Türken haben guten Grund, jeglichem Kokettieren mit den europäischen Mächten mißtrauisch gegenüberzustehen. Das Vorgehen des Direktoriums wird zweifellos alle seine amerikanischen Mitglieder bewegen, zurückzutreten, und wenn wir nicht irren, so werden auch die Herrn Dr. Levin gemachten Versprechungen zurückgezogen werden, da die amerikanischen Juden kein Interesse an einem deutschen Institut in Palästina haben.“ In Nr. 7 des Organs der russisch-jüdischen Studentenschaft in Westeuropa, „Jewrejsky Student“, bespricht L. Rokach in einem Leitartikel den Beschluß des Kuratoriums. Es wird in dem Artikel u. a. gesagt: „. . . Die Einführung der deutschen Unterrichtssprache an einer palästinensischen Schule entspricht keineswegs praktischen Rücksichten: es wird ja niemand ernstlich behaupten, daß die allgemeinen Verhältnisse des Landes oder der dort vorherrschenden Kultur die deutsche Unterrichtssprache wünschenswert erscheinen lassen. Umgekehrt: deutsche Kultur in Palästina verbreiten — heißt gegen das Leben handeln, die natürliche Entwicklung des Landes hemmen. — Das erfreulichste, das wir in Palästina nach hartnäckigem Kampfe errungen haben, ist doch der Triumph der hebräischen Sprache. Im Laufe einer verhältnismäßig kurzen Zeit hat die hebräische Sprache ihre Eignung zur Vorherrschaft und das Recht auf die Hegemonie im Lande deutlich bewiesen. Die hebräische Sprache hat die kulturelle Entwicklung Palästinas nicht gehemmt, vielmehr begünstigt und gefördert: es ist ja Tatsache, daß das erste nach europäischem Muster eingerichtete Gymnasium das Jaffaer Hebräische Gymnasium gewesen ist. Und nun wird plötzlich seitens des Kuratoriums der Versuch gemacht, gegen unsere stolzeste Errungenschaft in Palästina Front zu machen. Es wäre allerdings naiv, zu glauben, daß ein deutsches Technikum in Haifa imstande sei, den Siegeszug des Hebräischen in Palästina aufzuhalten. Die jüdisch-akademische Jugend der Diaspora, die die schwere Bürde der fremden Kulturen in fremden Schulen zu tragen gezwungen ist, und die noch mehr als andere nach einer eigenen nationalen Schule sich sehnt, — wird vereint mit den anderen selbstbewußten Elementen des Judentums den Kampf aufnehmen gegen die Gründung eines Mittelpunktes fremder Kultur im Lande, das berufen ist, die Stätte unserer Kultur zu werden!" ln Genf fand am 9. November in der Aula der Universität eine jüdische Volksversammlung statt, die gegen den bekannten Beschluß des Kuratoriums des Technikums in Haifa protestierte. Es sprachen u. a. die Herren Aberson, Ben-Ami, Syngalowski. Eine entsprechende Protestresolution wurde einstimmig angenommen. Liberale Solidarität Von Dr. Hugo Herrmann In allem Jammer, in allem Leiden des Galuth hat das Judentum noch einen Trost gehabt: die jüdische Solidarität. Und so tief war das Solidaritätsempfinden in die wesentlichen Züge des jüdischen Charakters emgegangen, daß nicht einmal die Assimilation es beeinträchtigen konnte. Mochten die Juden Deutschlands sich für Deutsche mosaischen Glaubens halten, die Juden Englands einander um Wigh oder Tory bekämpfen: wenn ein Teil des Judentums bedroht war, traten sie für ihn ein, erklärten sich solidarisch und halfen nach besten Kräften. Die Assimilation hat in Deutschland einen großen Fortschritt gemacht, sie hat einen hohen Triumph gefeiert. Liberale deutsche Juden haben die Solidarität vergessen, haben ausländische Brüder in ihrer Ehre und Existenz bedroht und mit unwahren Anklagen verfolgt. Den Juden der ganzen Welt sei es gesagt: die liberalen Juden von Duisburg haben das letzte unbestrittene Gut des Judentums, die jüdische Solidarität, mit Füßen getreten. Die „Jüdische Rundschau“, das Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, hat in zwei aufsehenerregenden Artikeln eine Reihe von Vorfällen ans Licht der Oeffentlichkeit gezogen, von denen im folgenden die bezeichnendsten wiedergegeben seien. Im Dezember 1912 fanden in Duisburg Repräsentantenwahlen in der jüdischen Gemeinde statt. Den Liberalen standen die vereinigten Zionisten und Gesetzestreuen gegenüber und siegten. 45 ausländische Juden stimmten (unter 320 Wählern) gegen die Liberalen. Gleich darauf, sechs Tage vor Ablauf ihrer Amtsperiode, änderten die alten, liberalen Repräsentanten das Statut der Gemeinde, so daß jetzt nur mehr die Juden deutscher Reichsangehörigkeit das Wahlrecht ausüben sollten. Bisher hatten weder die jüdischen Gemeinden (mit verschwindenden, unrühmlichen Ausnahmen gleichfalls in letzter Zeit) noch auch die deutschen Bundesstaaten in innerjüdischen Dingen einen Unterschied zwischen In-und Ausländem gemacht. Erst 1912 nahm die Gemeinde Bochum den Ausländem das Wahlrecht; der preußische Oberpräsident versagte dieser Maßregel die Zustimmung und bestätigte sie erst, als die Bochumer liberalen Juden ein bestelltes Gutachten eines jüdischen Anwaltes beibrachten, das ihnen recht gab. Warum auch hätte der Oberpräsident mehr jüdisches Solidaritätsgefühl haben sollen, als die Bochumer Juden? Die Duisburger folgten also dem rühmlichen Bochumer Beispiel; auch gegen ihren Beschluß ist die Einsprache erhoben worden; die Angelegenheit ist noch bei den preußischen Behörden anhängig. Den Duisburger Liberalen genügte aber diese für die Zukunft getroffene Maßnahme nicht; sie wollten auch für den

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