Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1626 Nr. 48 worbene Disposition zu Kulturleistungen. Und es scheint nicht fraglich, daß wir unter diesem Gesichtspunkt zu den eminent kulturfähigen Völkern gehören. Aber auch das bleibt nicht zweifelhaft, daß diese. Kulturfähigkeit durch unsere Lage unwirksam gemacht wird. Mit Nachdruck verkündet der Autor, daß, was man als jüdischen Typus kennt und gering achtet, ein falscher Typus Jude ist, der unter diesen traurigen Umständen hochkommen muß und allein hochkommen kann; während die Stillen, die Träumer, diejenigen, welche z. B. bei den Deutschen den größten Ruhm ihres Volkes ausmachen, bei uns im Dunkel bleiben und als „Schlemihle" ein vergebliches Dasein führen. Und es wird schließlich gezeigt, wie dieses Volk, dessen Untergang einen unendlichen Verlust für die Menschheit bedeuten würde, doch seinem Untergang entgegengeht. Wieder einmal und vielleicht schlagender als je stellt sich in Zollschans Buch die ungeheure Gefährlichkeit unserer Lage dar, die Krisis, in der sich das jüdische Volk befindet, da es nur die Wahl zu haben scheint, entweder unter äußerem Druck zu verkommen oder in der Zerstreuung aufgesogen zu werden. Und so führt hier streng wissenschaftliche Logik, wie es nicht anders sein kann, zum Zionismus. Ob freilich die nationalen Ziele und Pläne sich verwirklichen werden, das ist eine Frage, die offen gelassen wird, und der Autor, der sich keine Hoffnungen und Zukunftsträume gestattet, entläßt uns mit der Möglichkeit, daß seine Ehrenrettung des jüdischen Volkes nur den Wert einer Grabschrift hat. Dieses durch die Fülle des Materials, die Vielseitigkeit der Problemstellung und die Sachlichkeit der Antworten ausgezeichnete Buch hat schließlich nur einen Fehler — man gestatte mir die Paradoxie —: Sein Wert hängt davon ab, ob sein Inhalt richtig ist. Das scheint die selbstverständlichste aller Forderungen zu sein. Allein es gibt Bücher, deren Bedeutung in etwas anderem als in ihrer Richtigkeit liegt, und vielleicht sind gerade sie im höheren und eigentlichen Sinne Bücher. Ich meine solche, welche das höchste Menschenrecht ausüben, das Recht des Wertesetzens. Was nimmt es den Werken Schopenhauers oder Nietzsches, daß man ihre Fehler auf weist? Zollschan hat gewiß recht, wenn er, im Vorwort zur dritten Auflage, Sombarts Theorien über Art und Herkunft des Jüdischen einer vernichtenden Kritik unterzieht; allein ich fürchte, daß des poesievollen Nationalökonomen höchst bildkräftige Formel „Wald und Wüste“ stärker sein wird als Zollschans Gegenbeweis. Ebenso ist das verhängnisvolle Buch von Chamberlain leicht zu widerlegen; aber die Energie, mit der er den Wert der germanischen Menschen verkündet und „setzt", ist damit nicht aus der Welt geschafft. Worauf es ankäme, wäre vielmehr, die uns feindliche Wertsetzung durch eine Gegenwertsetzung aus dem Felde zu schlagen. Zollschan wird es ablehnen, dergleichen zu tun; er betrachtet es wohl als besonderen Vorzug seiner Arbeit, nicht Werte gesetzt, nicht Urteile gefällt, sondern Tatsachen berichtet zu haben. So sehr wir ihm dafür dankbar sind, dennoch erwarten wir den. der uns das andere leistet. Will er Materialien haben, in Zollschans Buche findet er sie. Ob aber seine Data richtig sind, ob die fortschreitende Forschung sie nicht verändert und ob seine Schlüsse Stich halten, das freilich müssen Anthropologen, Historiker und Soziologen von Fach beurteilen. Bis zur 3. Auflage sind, wie der Autor berichtet, wesentliche Einwendungen nicht erhoben worden. Wir jedenfalls wünschen ihm, wir wünschen uns, daß er mit seinem Buche recht habe und recht behalte. DAS URTEIL DER ÖFFENTLICHEN MEINUNG Öffentliche Protestkundgebung in Haifa gegen das Kuratorium des Technikums — Presse-Stimmen aus Palästina, England, Amerika — Protestversammlung in Genf Aus der langen Reihe von Protestkundgebungen, die uns in der Technikumsangelegenheit aus Palästina und anderen Ländern sowohl von angesehenen jüdischen Körperschaften als von hervorragenden Einzelpersonen zugehen, veröffentlichen wir zunächst folgende Zuschrift aus Haifa: Die Erregung der jüdischen Bevölkerung in Haifa über die Verdrängung des Hebräischen aus dem Technikum und der Mittelschule ist außerordentlich groß. Es wird kaum über etwas anderes gesprochen. Sofort nach dem Bekanntwerden der Kuratoriums-Beschlüsse hat sich ein „Komitee zur Förderung der hebräischen Erziehung in Haifa“ gebildet, das den Kampf gegen diese Beschlüsse leitet. Am Sonnabend, 15. November, nachmittags, fand ein Protestmeeting unter freiem Himmel statt, zu dem fast die gesamte jüdische Bevölkerung Haifas erschien. Als Ort der Versammlung war ein jüdisches Terrain neben dem Technikums-Platz gewählt worden. Die sehr eindrucksvolle Versammlung, in der natürlich nur Hebräisch gesprochen wurde, wurde von Dr. Auerbach eröffnet und geleitet. Als erster Redner sprach Ing. Pewsner, der treffend und zündend die hohe nationale Bedeutung des gegenwärtigen uns aufgedrungenen Kampfes beleuchtete. Sodann betonte von sephardischer Seite Bensabath, daß gerade die Sephardim, deren anfangs in so schönen und großen Worten bei den Kundgebungen des Kuratoriums gedacht worden war, die jetzigen Beschlüsse direkt als ihre Ausschließung empfinden. Als Dritter erörterte Ing. K 1 i m k e r die kulturelle Rolle der hebräischen Einheitssprache für Palästina. Als Letzter schloß sich namens der beim Technikumsbau beschäftigten Arbeiter Z. S e g a 11 dem Protest an und sprach insbesondere Dr. Sch. Levin den Dank der Arbeiter für seine Tätigkeit aus. Seine Ansprache schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hedad auf Dr. L e v i n. — Endlich wurde einstimmig die folgende Protest-Resolution zur Absendung an das Kuratorium angenommen: Die am Sonnabend, 15. November 1913 nachm. 3 Uhr, unter freiem Himmel gegenüber dem Platz des Technikums abgehaltene, von allen Schichten der jüdischen Bevölkerung Haifas überaus zahlreich besuchte Volksversammlung hat nach Beratung über die Beschlüsse des Technikum-Kuratoriums in der Sprachenfrage einstimmig folgendes beschlossen : 1. Wir Bewohner Palästinas finden, daß sowohl von nationalen als auch praktischen Gesichtspunkten im heutigen Palästina nur eine solche jüdische Schule Existenzberechtigung hat, in der die hebräische die herrschende Sprache ist. Denn nur die hebräische Sprache kann die verschiedenen Teile der judenheit Palästinas vereinigen. 2. Jede europäische Sprache als Schulsprache in einer jüdischen Schule muß hier dieser Schule einen einseitigen politischen Charakter aufprägen, was der Judenheit Palästinas schweren Schaden bringen kann. 3. Der einmütige Widerstand der Juden Palästinas gegen die Beschlüsse des Kuratoriums ist geeignet, den Bestand und die Entwicklung der geplanten Schulen zu gefährden. 4. Die Versammlung spricht den drei ausgeschiedenen Mitgliedern des Kuratoriums ihr v o 11 e s Vertrauen aus und dankt ihnen für die Vertretung der Interessen der palästinensischen Judenheit.