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Die Welt · 1913-11-28 · 48 (28.11.1913) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
48 (28.11.1913)
Date
1913-11-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 - t>lE2§gELT - 1625 DAS JÜDISCHE RASSENPROBLEM Von Dr. Moritz Goldsiein Bei den Aegyptern, bei den Chinesen, bei den Inkas, bei den Südseeinsulanem wird ein blonder Typus Mensch entdeckt. Offenbar sind rein logisch zwei Schlüsse möglich: entweder die Germanen haben, lange vor jedem Zeitalter des Verkehrs, nach Afrika, Ostasien, Amerika, in die Südsee Expeditionen unternommen — oder die Blondheit und was damit zusammenhängt beweist nichts für germanische Abstammung. Man sollte meinen, alle Wahrscheinlichkeit liege auf der Seite der zweiten Folgerung, gegen die erste sträube sich der gesunde Menschenverstand. Allein das Unglaubliche geschieht: die Wissenschaft entscheidet sich für das, was aller Vernunft widerspricht; plötzlich wird überall auf der Erde germanisches Blut erkannt, und überall und immer soll es dieser ganz besondere Saft sein, der alle Kulturleistungen der Menschheit hervorgebracht habe und noch hervorbringe. Daß die Hypothese dem Selbstgefühl der Forscher schmeichelt, stimmt keinen von ihnen bedenklich. Diese Lehre von der Ueberlegenheit des germanischen Menschen wird mit lauten Tönen in die Welt gerufen, Leute, die dergleichen brauchen können, greifen sie auf, sie überschreitet die Kreise der anthropologischen Fachwissenschaft und wird zum Gemeingut der Gebildeten. Kein Wunder, daß ein so gebildeter Jude wie Walther Rathenau in seinem neuesten Buche die Entgermanisierung Europas mit edler Objektivität beklagt! Inzwischen lehrt uns die Germaftentheorie, gewiß eines der merkwürdigsten Beispiele menschlichen Irrtums, mit welch einer gefährlichen Wissenschaft wir es bei der Anthropologie zu tun haben. Denn ihr liegt ein außerwissenschaftliches Interesse zugrunde, das alle guten und schlimmen Leidenschaften erregt; es handelt sich bei ihr um den Wert der Menschenarten, also auch um deinen und meinen Wert, und die Welt müßte sich seltsam gewandelt haben, wenn die Forscher nicht immer die Ueberlegenheit gerade der Rasse und Gruppe entdeckten, der sie selber angehören. Genau so verhielt es sich, als man sich noch um den Rang der Religionen stritt; der schönsten Objektivität zum Trotz ist es doch, meines Wissens, niemals vorgekommen, daß einer am Ende seiner Studien zu dem Resultate kam, nicht seine, sondern irgendeine andere Religion sei die echte und wahre; Lessing mußte erst kommen und den hitzigen Kämpen seine Parabel von den drei Ringen erzählen. Es wäre an der Zeit, daß auch die Germanomanen und ähnliche Chauvinisten mit einer solchen Ringparabel zur Vernunft gebracht würden. Bis es aber geschieht, sind wir genötigt, unsere Zuflucht zu derselben Wissenschaft zu nehmen, die uns Juden, und nicht nur Juden, Wert und Ehre hat absprechen wollen. Auch wir gehen mit einem außerwissenschaftlichen Interesse an diese Forschungen heran. Die schöne Unparteilichkeit, welche sich jene uns demütigende Germanentheorie sofort zu eigen macht und öffentlich über Entgermanisierung klagt, überlassen wir denjenigen Juden, deren — ihnen bewußte oder unbewußte — Motive wir bis zur Komik deutlich durchschauen. Wir anderen wissen vor aller Wissenschaft: Eine Theorie, welche uns Juden von Natur und ein für alle Male zu Menschen zweiten Ranges macht, muß falsch sein — ein jeder von uns erlebt den Protest dagegen täglich und stündlich. Aus diesem Erlebnis, aus der Ueberzeugung, er müsse am Ende seiner Studien zu einer Widerlegung aller die Juden schändenden Theorie gelangen, ist offenbar auch Zollschan an das Rassenproblem herangetreten*). Sein Buch liegt nun schon in dritter Auflage vor — ein Beweis, wie dringend das Bedürfnis ist, sich über die Fragen des Rassenwertes aufklären zu lassen — und wir dürfen heute fragen, was wir an diesem Werke besitzen. Wir besitzen hier die wissenschaftliche Rechtfertigung alles dessen, was wir modernen Juden glauben und glauben müssen, wenn wir in einer Umgehung von Verächtern das Selbstgefühl behaupten und auf die Zukunft unseres Volkes vertrauen, sollen. Aus fremden und eigenen Forschungen ist hier ein unendlich reiches Material zusammengetragen; nicht mit fremdem, sondern durchaus mit eigenem Urteil ist dieser Stoff verarbeitet, und mit einem fast asketischen Bemühen der Objektivität und Gerechtigkeit wird er uns vorgetragen. Dieser Autor gestattet sich keine Gefühlsäußerungen, keine Mystik und Hypothetik, so sehr der Pulsschlag eines leidenschaftlichen Temperaments und einer begeisterten Parteinahme unter der kühlen Oberfläche zu spüren ist. Dieser Autor will nicht blenden wie die Chamberlain und Sombart, er will Material häufen, will mit ruhigem Blick jedes Für und Wider erwägen und mit strenger Logik seine Schlüsse ziehen. So finden wir denn durch dieses Werk unsere national jüdischen Ueberzeugungen in allen Stücken gerechtfertigt. Wir erfahren, warum die Juden eine „Rasse" sind, nämlich eine zwar aus mehreren Komponenten entstandene, aber seit Jahrtausenden unvermischte Blutseinheit. Wir erfahren ferner, daß wir mit dieser unserer Abstammung . zur abendländischen Kulturmenschheit keinen Gegensatz bilden, wie Mongolen oder Neger, sondern mit dazu gehören, und daß, wenn uns noch eine weitere Unterteilung von den germanischen Völkern trennt, wir zu derjenigen Seite gezählt werden - müssen, der zwar nicht die letzten, aber die meisten Kulturtaten zu verdanken sind. Diese Ausführungen über unseren Zusammenhang mit unserer Welt empfinde ich in besonderer Weise als befreiend. Denn unter dem, durch die Lage gebotenen, fortwährendem Betonen unserer nationaljüdischen Einheit und Eigentümlichkeit wird ein solches Gefühl der Fremdheit, Isoliertheit, Einsamkeit großgezogen, daß derjenige, welcher neben dem Willen zur Ehrlichkeit eine gewisse Sensibilität besitzt, sein Verhältnis zur Umgebung als beständige Qual empfinden muß. Dieses Buch zeigt — und zwar auch den Chauvinisten in unserem eigenen Lager — wo über der Trennung die Einheit besteht, und daß, wenn der Kampf zwischen den europäischen Völkern und den Juden erbittert wird, es die Erbitterung von Brüdern ist, die denn doch im Grunde und letzten Endes dieselbe Aufgabe, dasselbe Ziel haben. Wir sind eine Rasse, aber was ist an dieser Rasse? Lohnt sich ihre Erhaltung? Auch hier gibt uns Zollschan ein reiches, und uns Kleinmütiggemachten ein erhebendes Material. Es zeigt sich, was denn unter Rassenbegabung eigentlich zu verstehen sei, nämlich nicht eine angeborene, ewig unveränderliche Eigenart, sondern die durch den längeren oder kürzeren Kulturweg er- *) Das Rassenproblem von Dr. Ignaz Zollschan. Dritte, verbesserte und vermehrte Auflage. Wien und Leipzig. Wilhelm Braumüller. 1912.

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