Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316619--58225-3376743- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 47 D1E3^ELT 1605 unterricht fortbilden werden. Daß die Schüler ein Mehr gerade bei den jüdischen Gegenständen verlangen, ist vielleicht unser größter Erfolg. Das ist aber nicht die einzige schwierige Frage, die an uns herantritt. Die Frage der Koedukation Da ist z. B. die Frage der Koedukation, über die die Gegner unserer Anstalt sich so sehr ereifern und die auch uns Lehrer in mehreren Sitzungen beschäftigt hat. Wir wissen, daß viele Kritiker sich mit unserer Anstalt aussöhnen würden, wenn wir von dem gemeinsamen Unterricht beider Geschlechter Abstand nehmen wollten. Wir müssen jedoch feststellen, dtfß nach unseren Erfahrungen die Koedukation weder für den Unterricht noch für die Sittlichkeit der Schüler irgendwelche Nachteile gezeitigt hat. Welchen Sinn hätte die Trennung der Geschlechter bei uns, wo die Knaben und Mädchen auf der Straße, bei Spaziergängen, auf den Spielplätzen, in der Musikschule usw. stets beisammen sind? Sollte das Nebeneinander in den Stunden des Unterrichts und unter der ständigen Aufsicht des Lehrers gefährlicher sein, als der freie Umgang in der Familie oder auf der Straße? Wir konnten absolut keine Nachteile, dagegen eine gegenseitige günstige Beeinflussung durch den gemeinsamen Unterricht verzeichnen. Man vergesse nicht, daß die meisten Mädchen, die das Gymnasium besuchen, aus Jaffa sind, und ihre Eltern würden sie gewiß aus der Schule nehmen, wenn sie irgend etwas Bedenkliches bei ihren Kindern beobachteten. Soviel vom abgelaufenen Schuljahr. Wir übernehmen für das kommende Schuljahr 466 Schüler. Außerdem liegen bereits ca. 150 Neumeldungen vor, und Privatbriefen aus Rußland ist zu entnehmen, daß noch eine große Schülerzahl unterwegs ist. Auch einige neue Lehrkräfte haben wir für die Anstalt gewonnen. Im abgelaufenen Jahre bestanden bereits Parallelkurse für die vierte, fünfte und sechste Klasse. Im nächsten Jahre werden wohl Parallelklassen auch für die dritte und siebente hinzukommen. Mossinsohns zweistündiges Referat wurde von der Versammlung mit lebhaftestem Beifall aufgenommen. Der Finanzbericht Aus dem darauffolgenden finanziellen Bericht ist folgendes zu entnehmen: Die Ausgaben des Gymnasiums betrugen im abgelaufenen Schuljahr 94536 Frcs., wovon auf Lehrergehälter 62 321 Frcs. entfielen. Für Anschaffung von Möbeln wurden 5080 Frcs., für Beamtengehälter 4832 Frcs., für Ausflüge 4350 Frcs., für Bücher und Lehrmittel 3759 Frcs. aufgewandt. Weitere Ausgabeposten sind die folgenden: Diener, ärztliche Aufsicht und Hilfe, Turngeräte, chemisches Laboratorium, Anlage eines Gartens, Reparaturen, Ausgaben für Legalisation des Gymnasiums usw. Die Einnahmen des Gymnasiums betrugen 73 785 Frcs., wovon auf das Schulgeld 53 747 Frcs. entfielen. Jahresbeiträge liefen ein: vom Odessa er Komitee 5000 Frcs., aus Amerika 9361 Frcs., von der Alexander und Fanny Simon-Stiftung für die Anlage des Gartens 1235 Frcs., von den Brüdern Moser für Turngeräte 1000 Frcs., ferner noch eine Reihe kleiner Beiträge. Der Fehlbetrag von 20751 Frcs. wurde aus dem Gymnasialfonds gedeckt. In der Diskussion kritisierten der Lehrer der Tachkemonischule, B. H o s, und Schriftsteller Sch. Benzion die erstatteten Berichte. Die Ausführungen Benzions boten viele beachtenswerte Momente zur Frage des jüdischen Unterrichts. Beide Redner erkannten übrigens rückhaltlos die großen Erfolge des Gymnasiums an. Von Seiten des Gymnasiums antworteten ausführlich Dr. Bogratschoff, Scheinkin, Dr. M e t m a n n und Dr. Mossinsohn, worauf mit großem Beifall folgende Resolution angenommen wurde: „Nachdem die siebente Generalversammlung die pädagogischen und finanziellen Berichte sowie die Erläuterungen während der Diskussion gehört hat, erachtet sie es als angenehme Pflicht, dem pädagogischen Rat und dem V e r wa lt u n g sau s s chuss e Vertrauen Und Dank für die geleistete treue und nützliche Arbeit auszusprechen.“ Die Generalversammlung, die drei Abende in Anspruch nahm, befaßte sich noch mit den Statuten des Vereines, mit dem Budget für das nächste Schuljahr sowie mit der Neuwahl des Verwaltungsausschusses. Es wurden folgende Herren gewählt: M. Scheinkin, Mordechaiben Hillel H a - kohen, Berlin, Lew, Chanoch, Itin und I s - m o s c h i c k. Tags darauf fand eine gemeinsame Sitzung des Vorstandes und des pädagogischen Rates statt, die Herrn Dr. Mossinsohn auch für die nächsten beiden Schuljahre zum Direktor des Gymnasiums wählten. Die Augenklinik „Lemaan-Zion“ Den Bericht des Augenarztes Dr. A. T i c h o, der früher erster Assistent des Prof. Bergmeister-Wien war und jetzt die Augenklinik „Lemaan-Zion“ in Jerusalem leitet, wird man nicht ohne Teilnahme lesen. Er umfaßt bloß zwölf Seiten und ist mit keiner Illustration oder sonst einem auf die Erzielung einer besonderen Wirkung berechneten Mittel versehen. Schlicht und kurz erzählt ein Arzt von seinem anderthalbjährigen Wirken, von Erfahrungen und Beobachtungen in einer Sprache, die in der Hauptsache nur für den Fachmann ganz verständlich ist. Was aber der Laie en passant erfährt, ist geeignet, zum Nachdenken anzuregen und zur hilfreichen Tat aufzurufen. Zunächst einige Zahlen. Vom 1. Juli 1912 bis zum 24. August 1913 wurden 11022 Patienten behandelt. Der eine. Monat Mai 1913 brachte 4017 neue Patienten. Der folgende Monat Juni brachte zwar bloß 1912 neue Patienten, hatte aber dafür 14 520 (!) Gesamtbehandlungen. „Es sind dies Zahlen, die die anderen Kliniken von Namen um das dreifache übertreffen“ Die Zahl der größeren Operationen betrug 437. In die Augen-Poliklinik „Lemaan Zion“ drängen Juden, Christen und Mohammedaner aller Länder der Welt. Das Bild der Augenkrankheiten selbst ist von dem einer europäischen Ambulanz sehr verschieden. „Syphilis und metaluetische Erscheinungen kommen bei eingeborenen Juden so gut wie gar nicht vo r.“ Die beiden Hauptaugenkrankheiten sind eine im Sommer auftretende, von den Temperaturverhältnissen abhängige Epidemie und das Trachom. Die epidemische Entzündung kann in Tagen, mitunter in Stunden zur Erblindung führen. Vor ca. zwölf Jahren sollen mehr als 100, manche behaupten sogar 300 jüdische Kinder an dieser Epidemie erblindet sein. Bis vor wenigen Jahren war das „British Ophtalmic Hospital“, das der Fellachenmission dient, mit seiner dreimal wöchentlichen poliklinischen Behandlung, die einzige Augenheilanstalt Palästinas. Manche Leute mußten „von Mitternacht an mit Säuglingen bis gegen 8 Uhr morgens vor dem englischen Spital warten und dann wurde nur einer Anzahl von 250—300 Einlaß gewährt und auch nur dreimal wöchentlich.“ Dies ist nun anders geworden. „Ich hatte im Vorjahre 1000 Fälle in Beobachtung, darunter auch schwerste, die mir von Aerzten und Apotheken zugewiesen wurden; von diesen erblindeten drei, während heuer bei weit größerer Krankenzahl nur außerhalb der Klinik behandelte Patienten mit schlechtem Ausgang zu sehen wären.“ Einen Trost bildet der Umstand, daß mit zunehmender Sauberkeit die Gefahr der Epidemie sich bedeutend verringert. Dies erklärt es, weshalb die reineren und gesünderen