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Die Welt · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
– (sequence 14)
Language
German
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1604 Nr. 47 DIE^ELT Frage gehörte zu den schwierigsten, die uns beschäftigten. Die meisten jüdischen Anstalten Palästinas stehen unter dem Schutze irgend einer europäischen Regierung. Auch für das Gymnasium wäre es ein Leichtes gewesen, den Schutz einer europäischen Regierung zu finden. Wir aber wollten diesen Weg nicht gehen. Wir beschlossen daher, die Anerkennung der türkischen Regierung nachzusuchen, und wir müssen erklären, daß wir bei unserer Regierung das weitestgehende Entgegenkommen gefunden haben. Sowohl die Behörden in Jaffa und in Jeruschalajim — namentlich der frühere Gouverneur Muhaddi Bey — als auch die Behörden in Konstantinopel förderten unser Anliegen in der liebenswürdigsten Weise. Wir weilten in Angelegenheiten des Gymnasiums in Konstantinopel und man versicherte uns, daß wir in drei Tagen mehr erreicht hätten als andere Anstalten in drei Monaten. Die Regierung in Konstantinopel hat alle unsere Wünsche berücksichtigt. So ist denn unser hebräisches Gymnasium ein ottomanisches Institut. Unsere Beziehungen zu den Behörden sind andauernd die besten. Mehrere hohe Beamte besuchten öfter unsere Anstalt. Dem Abiturientenexamen wohnte der höchste Beamte der Erziehungsbehörde für Palästina fünf Tage lang je fünf Stunden bei, interessierte sich für alle Einzelheiten und ließ es sich nicht nehmen, unsere Zeugnisse mit zu unterzeichnen. Die Anerkennung unserer Zeugnisse durch die europäischen Universitäten ist der erste Charter, den das hebräische Schulwesen, den der neue Jischub erhalten hat! Auch Zöglinge anderer palästinensischen Schulen erreichten für sich die Zulassung zu den europäischen Hochschulen. Jene Schulen aber sind keine hebräischen Institute, während hier zum erstenmal einer Schule mit ausschließlich hebräisch er Unterrichtssprache die Qualifikation zur Vorbereitung ihrer Zöglinge für das Universitätsstudium bescheinigt worden ist. Erwähnt sei noch, daß zwei Abiturienten, die in Konstantinopel die Universität besuchen und zugleich die türkische Staatsangehörigkeit erwerben wollten, ohne weiteres immatrikuliert wurden, wobei ihnen erklärt wurde, daß sie bezüglich der Aufnahme in den ottomanischen Staatsverband bis zu ihrer Großjährigkeit warten müßten. Von den Schülern und Lehrern Wir hatten erbitterte Gegner, aber wir hatten auch vortreffliche Fürsprecher — unsere Schüler. Wo immer einer unserer Schüler hinkam, gewann er im Fluge die Herzen aller bewußten Juden. Wenn unsere Schüler in den Ferien nach Rußland zurückkehren, kommen sie stets mit neuen Schülern zurück. So erklärt es sich, daß unsere Anstalt ganze „Kinderkolonien“ aus manchen Städten aufweist. Wir hatten im abgelaufenen Schuljahr 51S Schüler, darunter ca. 200, deren Eltern auswärts wohnen, und 93 Schüler, deren Mütter nach Jaffa übergesiedelt sind, während die Väter noch meist in Rußland ihrem Erwerb nachgehen, um sich vielleicht später einmal in Palästina niederzulassen. Aus den palästinensischen Kolonien hatten wir 18 Schüler, darunter 5 aus Metula, unserer nördlichsten Kolonie. Unsere Anstalt wurde von 155 Schülerinnen besucht. Das ganze Schulgeld bezahlten ca. 330, die Hälfte (Kinder von Lehrern sowie das dritte Kind einer Familie, wenn für die beiden anderen Kinder das volle Schulgeld entrichtet wird) ca. 100 Schüler, während ca. 70 Schüler vom Schulgeld befreit waren. Es verließen das Gymnasium zunächst die 23 Schüler der achten Klasse, die sich zum Abiturientenexamen meldeten, ferner eine Anzahl Schüler aus verschiedenen Klassen, von denen aber ein Teil ins Gymnasium zurückkehren dürfte. Dem Lehrerkollegium gehörten im abgelaufenen Schuljahr 27 Lehrer an, die sämtlich auch im nächsten Jahre an der Anstalt wirken werden, mit Ausnahme von Dr. Kaplansky, dem es, zu unserem großen Bedauern, aus persönlichen Gründen nicht möglich ist. weiterhin an unserer Schule tätig zu sein. Der Unterricht vollzog sich im letzten Schuljahr in befriedigender Weise. Der Lehrplan wurde im großen und ganzen eingehalten, wenn auch hier und da Abweichungen unvermeidlich waren, da die vielen neuen Schüler, die jährlich aus den verschiedenen Ländern kommen, nicht gleichmäßig vorgebildet sind. Viel Zeit verwenden unsere Lehrer auf die Sitzungen des pädagogischen Rates. Sie sind jedoch absolut notwendig, da wir ja keine Vorgesetzte Schulbehörde haben, die uns für sämtliche Unterrichtsfragen fachmännische, wohldurchdachte Direktiven erteilen würde. Was in anderen Ländern staatliche Behörden besorgen, das müssen wir selbst leisten. Wir müssen jede auftauchende Frage im eigenen Wirkungskreise klären und allgemeine Normen festsetzen. Schulausflüge Auch in diesem Jahre verwandten wir viel Zeit und Anstrengung auf die Veranstaltung größerer Schulausflüge, die die Aufgabe haben, die Schüler mit unserem Lande bekannt zu machen. Wir erachten dies als die wirksamste Art nationaler Erziehung. Wir führen unsere Schüler in die Natur hinaus, zeigen ihnen unser herrliches Land und sind sicher, daß auf diese Weise unauslöschliche Eindrücke in der Seele unserer Zöglinge Zurückbleiben und innige Bande zwischen ihnen und dem Lande entstehen. Diese Ausflüge werden die angenehmsten Erinnerungen unserer Schüler werden! Besonders erwähnenswert ist der Ausflug, den wir in diesem Jahre mit den Schülern der höheren Klassen nach dem Ost jordanland unternahmen. Er währte zwölf Tage, wobei wir ganze acht Tage kaum vom Sattel herunterstiegen und in Zelten übernachteten. Allgemeine und jüdische Lehrgegenstände Der Lehrstoff des Gymnasiums gliedert sich natürlich in einen allgemeinen und einen jüdischen Teil. Bezüglich der allgemeinen Kenntnisse können wir ruhig sagen, daß unsere Schüler denen anderer Gymnasien in keiner Weise nachstehen. Einer unserer Schüler Ben - Zion G i n z b u r g aus Pethach-Tikwah mußte aus Gesundheitsrücksichten unsere Anstalt nach Beendigung der siebenten Klasse verlassen und nach der Schweiz reisen, wo er in die achte Klasse eines dortigen Gymnasiums eintrat und jetzt zu gleicher Zeit mit unseren Abiturienten die Reifeprüfung mit Auszeichnung bestand. Viel schwieriger ist hingegen die Festsetzung des jüdischen Lehrstoffes. Hier fühlen wir uns als Pfadsucher. Während wir die Anforderungen bezüglich der Vorbereitung für das Universitätsstudium kennen, gehen die Ansichten über Ziel und Ausmaß des jüdischen Unterrichts stark auseinander. Manche Eltern würden es gern sehen, wenn ihre Kinder in einem hebräischen Gymnasium neben der Aneignung allgemeiner Kenntnisse noch sozusagen zu Rabbinern ausgebildet würden, während andere Eltern der Meinung sind, daß es genüge, wenn ihre Kinder sich neben der allgemeinen Gymnasialbildung die Kenntnis der hebräisschen Sprache aneignen und ein hebräisches Buch mit Verständnis lesen können. Es ist begreiflich, daß wir uns von beiden Extremen fernhalten. Wir müssen aber gestehen, daß wir in dieser Beziehung noch immer kein genau umschriebenes Programm haben. Es ist auch folgender Umstand zu berücksichtigen: An ein deutsches Gymnasium wird niemand die Forderung stellen, es sollte seinen Schülern einige Kenntnis der Schriften von Leibniz, Kant und Schopenhauer vermitteln. Wir aber dürfen nicht Absolventen eines hebräischen Gymnasiums haben, denen die Werke von Maimonides und Saadja ganz unbekannt sind. Nun denn, unsere Schüler verfügen über gediegene Kenntnisse in der hebräischen Literatur, sie kennen zunächst gründlich die Bibel. Hingegen läßt der Unterricht im Talmud, wofür in fünf Schuljahren bloß zwei Stunden wöchentlich zur Verfügung stehen, noch manches zu wünschen übrig. Bei der Liebe, die die Schüler gerade den jüdischen Lehrgegenständen entgegenbringen, ist zu erwarten, daß sie sich darin auch später im Leben durch Selbst-

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