Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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- Safed 1× ep/1046078
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DEUTSCHE UND JUDEN IN PALÄSTINA Von Davis Trietsch-Berlin In den einleitenden Sätzen zu dem in voriger Nummer der „Welt“ erschienenen Auszug aus dem Handelsbericht des Deutschen Konsulats in Jaffa wurde bereits gesagt, daß die englischen und österreichischen Konsuln schon seit Jahren nachdrücklich auf die Bedeutung der jüdischen Palästinabestrebungen für die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes hinweisen. So empfahl der österreichische Konsul von Safed schon vor sieben Jahren den heimischen Firmen „das Inserieren in national-jüdischen Blättern“, während andererseits der englische Konsul von Jerusalem kürzlich die Beeinträchtigung des englischen Handels beklagte, die darin läge, daß die einwandernden Juden, die von Rußland her vorwiegend deutsche Handelsverbindungen pflegten und deutsch verstünden, naturgemäß den deutschen Handel bevorzugten. Diese sehr interessanten Dinge führen nun nicht selten dazu, daß den jüdischen Palästina-Bestrebungen „deutsche Tendenzen“ untergeschoben werden. Der Vorwurf wird zwar schon dadurch einigermaßen kompensiert, daß uns von manchen deutschen Seiten „englische Tendenzen“ vorgeworfen werden (hauptsächlich wegen der Begründung und Domizilierung der zionistischen Finanzinstitute in England und nach englischem Recht), aber doch ist nachdrückliche darauf hinzuweisen, wie wenig unseren Bestrebungen in dieser Hinsicht politische Vorspanndienste vorgeworfen werden können. Es ist etwas anderes, ob tatsächlich Verhältnisse und Zustände wirksam sind, oder ob Absichten verfolgt werden. Im vorliegenden Falle ist es so, daß die Verteilung der Juden, ihre Wanderungsbewegungen und ihre Sprachverhältnisse — alles Dinge, die wir uns ja nicht ausgesucht haben — gewisse Konsequenzen im Gefolge haben, die keineswegs mit unseren Wünschen parallel zu gehen brauchen. Diese Konsequenzen haben nicht einmal eine bestimmte Richtung. Die Auswanderung von Juden aus Osteuropa hat beispielsweise in England und in Nordamerika Industrien geschaffen, die dem deutschen Export sehr hinderlich werden. Hätte Deutschland jener Einwanderung offengestanden, so wäre es voraussichtlich anders gekommen. Daß Baron Rothschild sich der jüdischen Kolonisation in Palästina annahm, führte zu einem Einströmen französischen Geldes, das zum Teil auch der französischen Industrie und der Verbreitung der französischen Sprache, sowie auch der Entstehung von mancherlei Beziehungen zwischen Palästina und Paris zugute kam. Dieselbe jüdische Kolonisation in Palästina hat sogar die Position Rußlands in Palästina gestärkt, und die Gründung jüdischer Finanzinstitute unter englischem Recht hat neue Beziehungen zwischen Palästina und England geschaffen. Hier wirken also Tatsachen, nicht Tendenzen, und es wird sehr interessant sein, die Vielartigkeit dieser Wirkungen in einzelnen Untersuchungen zu verfolgen. Hierzu werden sich Gelegenheiten ergeben. Heute gibt uns der deutsche Konsularbericht Veranlassung, auf die von ihm erwähnten Interessengemeinschaften ausführlich einzugehen. Daß es Interessengemeinschaften zwischen jüdischen und deutschen Ansiedlern geben könne (deren Pflege also zum beiderseitigen Vorteil wäre) habe ich oft genug betont. So steht /.. B. in meinem „Palästina-Handbuch“ der Satz: „Zwischen der deutschen und jüdischen Kolonisation besteht eine von deutscher Seite nicht allzusehr verstandene Interessengemeinschaft: die ca. 100 000 Juden im Lande sind zu 7/10 ein deutsch-sprachiges Element, durch das der deutsche Handel und jede sonstige deutsche Tätigkeit eine viel breitere Basis findet, als es sonst der Fall wäre, und außerdem kommen die meisten Juden Palästinas aus der Sphäre der deutschen Industrie (Osteuropa), und haben ihre Vorliebe für die Produkte der deutschen Industrie nach dem neuen Lande mitgebracht. Auch könnte die landwirtschaftliche Kolonisation beider Gruppen in vielen Fällen aus den mancherlei möglichen Arten von Zusammenarbeiten großen Nutzen ziehen, wie es bisher nur vereinzelt vorgekommen ist.“ Nun, der neue deutsche Konsularbericht bietet schon einige Beispiele teils bereits erfolgreicher, teils aussichtsreicher gemeinsamer Arbeit. Einen Erfolg zeigt der Straßenbau aus beiderseitigen Mitteln, günstige Aussichten eröffnet die Vereinigung der erwähnten Verkaufsorganisation etc. Auch sonst haben Juden und Deutsche in Palästina längst nützliche Beziehungen. In vielen Dingen war das Beispiel der Deutschen eine Ermutigung für die Juden. In manchem boten die Juden den einzigen Markt für die Produkte der deutschen Siedlungen. Heute bedienen sich deutsche Kolonisten bereits der sorgfältigen Arbeit jüdischer Baumzüchter. Auch die nicht ganz unbeträchtliche Ausbreitung der deutschen Sprache unter den Arabern Palästinas wäre schwerlich so weit gediehen, wenn nicht die Juden des Landes den Kreis der Anwendbarkeit der deutschen Sprache so sehr erweitert hätten. Aber das ist bei weitem nicht alles. Eben jetzt sind in Jerusalem Bestrebungen im Gange, in der Heiligen Stadt sanitäre Zustände zu schaffen. Auen hier arbeiten deutsche und jüdische Gesellschaften Hand in Hand, und was hier aus mehr allgemeinen Gesichtspunkten geschah, das kann der spezielle Vorteil gemeinsamer Kulturarbeit auch zwischen benachbarten deutschen und jüdischen Dorfschaften und zwischen jüdischen und deutschen Stadtgemeinden (z. B. in Haifa und Jaffa) zuwege bringen. Aerztliche Fürsorge, systematische veterinäre Einrichtungen, gemeinsame Arbeit zur Bekämpfung tierischer und pflanzlicher Schädlinge — auf allen Gebieten zivilisierten Lebens ergeben sich Arbeitsgemeinschaften, in denen sich naturgemäß die im europäischen Sinne höherstehenden Bevölkerungsteile zu allererst zusammenfinden werden. Ein jüdisches Technikum ist in Haifa im Bau, eine hebräische Universität für Jerusalem in Vorbereitung. Müssen nicht — gleichviel wie die Beziehungen zu den verschiedenen europäischen Sprachgebieten sich gestalten mögen — auch hier die Deutschen (nächst den Juden das stärkste europäische Element im Lande) wesentliche Vorteile aus solchen kulturellen Entwicklungen ziehen? Was uns aber in diesem Zusammenhänge mit am meisten fördert, das ist die Sichtbarkeit unserer Leistungen im Lande, die auch Gegner zur Anerkennung zwingen würde. Während unser Anteil an der produktiven Arbeit der Gesamtheit in jedem anderen Lande geleugnet, verkleinert und gelegentlich sogar in gegnerischer Absicht übertrieben und als Gefahr hingestellt wird, läßt sich unsere verhältnismäßig umfangreiche und konzentrierte Arbeit in diesem kleinen und bisher so vernachläss igten Lande auf die Dauer nicht übersehen und leugnen. Aus derartigen Anerkennungen unserer Arbeit in Palästina aber, wie der erwähnte Konsularbericht sie enthält, wird zweifellos allmählich und auf zahlreichen Wegen ein besseres Verständnis unserer sonstigen Leistungen erwachsen, die man heute noch vielfach verkennt oder unterschätzt. Wir sind 13 Millionen. Kräftige Ansätze zeigen sich allenthalben zu einer Zusammenfassung dieser Massen in geeigneten Organisationen. Unser Anteil an der Weltwirtschaft wächst. Unsere Wanderbewegung bringt uns mehr und mehr an die wichtigsten Zentren des Weltgetriebes. Diese wachsende Zahl, straffere Organisation, größere Leistungen werden von Tag zu Tag sichtbarer und beginnen in den Augen der Völker Bedeutung zu erlangen — eine Entwicklung, die auch unserer neuen Konzentration in Palästina zugute kommen muß.