Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1600 DIE HÄKELT Johnston über die Zukunft Syriens Im Verlage von Smith, Eider and Co. in London ist soeben unter dem Titel „Common Sense in Foreign P o 1 i c y“ ein aufsehenerregendes Buch von dem bekannten englischen Sozialreformer und völkerrechtlichen Schriftsteller Sir Harry' johnston erschienen. Der Verfasser läßt die wichtigsten Probleme der internationalen Politik unserer Tage Revue passieren, erörtert im einzelnen die vielfach ineinandergreifenden Interesesn- und Einflußsphären der verschiedenen europäischen Mächte in den der Kultur erschlossenen Gebieten Asiens und Afrikas und kommt im Verlaufe seiner Ausführungen auch auf die zukünftige Gestaltung der politischen Verhältnisse in Syrien und Palästina zu sprechen. Sir Harry Johnston ist der Ansicht, daß die vernünftigste Lösung des „syrischen Problems“ ein wirtschaftliches Protektorat Frankreichs über Nordsyrien wäre, das sich über Damaskus, die Libanonprovinz, Palmyra usw. erstrecken würde, während im Süden, in Judäa und Midian, im Sinne der zionistischen Bewegung ein Jüdisches Gemeinwesen geschaffen werden sollte, in dem namentlich die unter unerträglichen Bedingungen lebenden osteuropäischen Juden eine gesicherte Heimstätte finden könnten. Die hochbegabte jüdische Rasse würde sicherlich aus Palästina ein „Belgien des Ostens“ machen, und — führt Harry Johnston weiter aus — keine europäische Macht ist an der Bildung eines solchen „morgenländischen Belgiens“ mehr interessiert, als Großbritannien, namentlich im Hinblick auf das benachbarte Aegypten einerseits und die im Nordosten bis nach Indien hin sich erstreckende britische Einflußzone andererseits. Was kostet die jüdische Ehre Was kostet es, den Juden die Ehre abzusprechen? Die Waidhofener Jünglinge haben das bekanntlich seit Jahren ungestraft getan, weil d i e Juden ja nicht klagbar werden können. Nun hatte kürzlich in einer Wiener Versammlung ein antisemitischer Student dem jüdischen Redner, einem Dr. Emil von Hof mannsthal, zugerufen: „Wir dulden nicht, daß ein Jude über Ehre spricht.“ Das Bezirksgericht Margarethen verurteilte den naseweisen jungen Mann zu zwei Monaten Gefängnis, obwohl er sich mit den albernsten Ausreden zu entschuldigen versuchte. Natürlich habe er den Dr. von Hofmannsthal nicht beleidigen wollen, und dann habe er gar nicht gewußt, daß dieser Jude sei! In der Berufungsverhandlung wurde , zwar vom Gericht auch anerkannt, daß das ein leeres Gerede sei, aber die Strafe wurde doch auf eine Geldstrafe von 3D0 Kronen ermäßigt. Für drei „Hunderter“ darf man also nicht nur den Juden so schlechthin, sondern jedem einzelnen Juden einfach die Ehre absprechen. Wir möchten keinem Juden raten, den Spieß umzudrehen — es dürfte mehr kosten! Die „Judenschutztruppe“ Der in Wien abgehaltene Parteitag der deutschen Sozialdemokratie Oesterreichs ging auseinander, — ohne seine Stimme gegen den Beilisprozeß zu erheben. Ganz abgesehen davon, daß dieser Parteitag schon mit Rücksicht auf die zahlreichen jüdischen Genossen gegen die furchtbare Blutlüge hätte protestieren müssen, und ganz abgesehen davon, daß er pflichtgemäß die Kiewer Affäre als grausames Machwerk der Reaktion hätte brandmarken müssen: Er hat sich mit dieser Unterlassung auch einen Disziplinbruch zuschulden kommen lassen, denn das internationale sozialistische Bureau hat in einem Zirkulare alle Landesorganisationen zu Protestaktionen auf gefordert. Die von Juden geleitete „Arbeiterzeitung“ hat wohl bei „geeigneter Gelegenheit“ — vor der Leopoldstädter Stichwahl — einen Leitartikel über die Kiewer Affäre gebracht, nach den Wahlen aber sich über diese die ganze zivilisierte Welt und insbesondere das. Proletariat bewegende Angelegenheit gründlicher ausgeschwiegen, als sie es verantworten kann. Mit Befremden muß man konstatieren, daß sich auch der große, die ganze Organisation umfassende Parteitag an dieses Rezept gehalten hat. Man will eben im antisemitischen Wien nicht gern die „Judenschutztruppe“ sein ... Ein türkisches Blatt für den Zionismus Im Anschluß an die Polemik, die der „Jeune Turc“ vor einiger Zeit mit dem „Ikdam“ hatte, veröffentlichte die angesehene türkische Zeitung „Sa bah“ kürzlich einen Artikc', dem wir folgendes entnehmen: Eine zionistische Frage existiert; von Zeit zu Zeit wird sie aktuell und w ird in Versammlungen, Regierungskreisen und Zeitungen lebhaft erörtert. Obgleich ein klein wenig Ueberlegung genügen müßte, um alle Beunruhigungen zu zerstreuen, sind alle Auseinandersetzungen, Beweise und selbst die formellen Versicherungen, die der Groß wesir dem Volke und der ganzen Welt gegeben hat, erfolglos geblieben. Seine Anhänger und Feinde hören nicht auf, Lärm zu schlagen. Neuerdings ist die Frage wieder einmal aktuell geworden. Der Besitzer des „Ikdam“ hat aus der Schweiz einen Artikel darüber geschrieben. Eine Konstantinopeler Zeitung hat ihm energisch geantwortet, und der „Ikdam“’ hat die ganze Sache verwirrt, indem er sich über den Ton dieses Artikels beklagt und seiner Beunruhigung über die Gefahren des Zionismus nochmals Ausdruck gegeben hat .... Die armen Juden, die außer in unserem Lande überall mißhandelt wurden, haben, seitdem sie einsehen mußten, daß auch Zivilisation und Fortschritt in ihrer schlechten Behandlung keinen Wandel schaffen, nach einem Ausweg gesucht. Sie möchten dem einzigen Teil der zivilisierten Gesellschaft, der ihnen Gerechtigkeit und Gleichberechtigung verschafft hat, durch materielle Beweise ihre Dankbarkeit zeigen, indem sie mit ihren Millionen, ihren Kenntnissen zu uns ins Land kommen und mit ihren dankbaren Herzen unsere Wüsten in blühende Gefilde verwandeln; wir machen viel zu viel Aufhebens von der Sache, wenn wir ihnen irgendwelche politischen Absichten Zutrauen, und sie als eine soziale Gefahr hinstellen. Die Juden haben nur eine große oder kleine politische Gesellschaft, aber keine aufreizende und herausfordernde Macht hinter sich. Sie sind eine umherirrende Rasse, voller Anerkennung und Dankbarkeit für den Schutz, den wir ihnen seit Jahrhunderten jederzeit gewährt haben. Sie möchten seßhaft werden und sich herzlich, mit Leib und Seele unserem Lande und unserer Regierung verbinden, die sie sicherlich als Brüder und als Untertanen behandeln würden. Seit dem Mittelalter sind sie überall, wo sie Schutz suchten, stets der Unterdrückung und Ungerechtigkeit ausgesetzt gewesen. Bei uns wird man sie anders behandeln: sie werden mit Vertrauen in die Zukunft blicken können und immer mehr für unser Land bedeuten. Sie werden doppelt bestrebt sein, ihr Adoptiv-Vaterland zur Blüte zu bringen. Sie werden keinen Augenblick aufhören, zu arbeiten, und mindestens so viele Opfer zu bringen, wie. wir selbst, um das Land, in dem sie endlich Ruhe und Frieden gefunden haben werden, gegen fremde Invasionen zu schützen, um so mehr, als die schmerzliche Erinnerung an die Vergangenheit sie auf diesen Weg führen wird. Hinsichtlich der Möglichkeit, sie könnten sich zu einem Sonderstaat absondem und das jüdische Reich wieder aufrichten, dürfen wir doch nicht vergessen, in welchem Jahrhundert wir leben und welche Waffen uns zur Verfügung stehen. Man kann diese Situation nicht mit derjenigen vergleichen, die im vorigen Jahrhundert zur Bildung der Staaten Rumeliens geführt hat. Diese Staaten sind nämlich nicht die Frucht der intellektuellen Kultur und Tätigkeit ihrer Bewohner. Jeder von ihnen ist eine Frucht der Machenschaften des Auslandes. Die Juden haben weder Aufhetzer noch Beschützer, haben also auch keine Veranlassung zu separatistischen Wünschen. Aus diesem Grunde ist der Zionismus nur ein Vorteil für eine Regierung, die ihre Pflicht