Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 47 DIE :elt 15Q3 Eine griechische Maßnahme gegen Saloniki Die Befürchtung der Juden von Saloniki, daß der Handel unter der griechischen Herrschaft einen Niedergang erleiden werde — eine Befürchtung, die übrigens von einem so hohen griechischen Beamten wie dem mazedonischen Finanzsekretär Coffinas geteilt wird —, beginnt bereits, sich als begründet zu erweisen. Die griechische Regierung hat nämlich eine Bestimmung getroffen, durch die der Handel in Saloniki empfindlich geschädigt wird, indem sie unter dem 27. Oktober die Verfügung erlassen hat, daß künftig kein Getreide mehr aus den neuen griechischen Provinzen nach den alten ausgeführt werden darf. Diese Bestimmung richtet sich hauptsächlich gegen Saloniki, von wo bisher das Getreide exportiert wurde, und hier eigentlich nur gegen die jüdische Bevölkerung, da der Getreidehandel der Stadt in den Händen der Juden liegt und der ganze Handelsverkehr auf ihm beruht. Diese Maßregel der Regierung wird für den gesamten Handel von Saloniki ernste Folgen haben. Sie entspringt rein chauvinistischen Motiven; die Regierung hat sich nämlich von gewissen Kreisen beeinflussen lassen, die den Handel der alten griechischen Provinzen, besonders Thessaliens, gegen die Saloniker Konkurrenz schützen wollen. Um die Grundeigentümer zu begünstigen, unterdrücken die griechischen Großkaufleute in Thessalien den Handel von Saloniki und opfern lieber die Produkte des Hinterlandes. Die Verfügung hat sehr ernste Konsequenzen gezeitigt. Die Händler haben große Mengen von Getreide auf Lager, die sie zu den bisher in den alten Provinzen üblichen Preisen eingekauft haben, in der Erwartung, sie wie bisher absetzen zu können. Wenn den Getreidehändlem nun die bisherigen Absatzmöglichkeiten verschlossen werden und sie ihre waren anderweitig verkaufen müssen, so stehen ihnen enorme Verluste bevor. Schon die jetzt auf den Markt gekommenen Getreidesendungen fanden keine Käufer, und die unverkaufte Lagerware ist sehr groß. Da bisher ein Widerruf der Verfügung nicht erfolgt ist, haben sich die Exporteure an den interimistischen Generalgouvemeur von Mazedonien, M. Repolis, an die Handelskammer und an den Finanzsekretär mit der Bitte gewandt, bei der Regierung um Aufhebung der Verfügung einzukommen, ohne jedoch hiermit etwas zu erreichen. Der ganze Handel von Saloniki ist infolgedessen ernstlich gefährdet, und es wäre sehr zu wünschen, daß die griechische Regierung bald einsieht, daß sie mit dieser Schädigung der jüdischen Kaufleute in Saloniki letzten Endes sich selbst schädigt. Der englische General-Postdirektor über die Juden In Kanada Der englische General-Postdirektor Mr. Herbert Samuel, der, nach Sir Rufus Isaacs’ kürzlich erfolgter Ernennung zum Lord-Oberrichter, nunmehr das einzige jüdische Mitglied des Kabinetts ist, kenrte dieser Tage von einer Reise nach Kanada zurück und hat sich in einem Interview über die Lage der Juden in Kanada ausgesprochen. Ueber seinen Besuch der Ica-Kolonie in der Nähe der Provinz Saskatchewan berichtet Mr. Samuel folgendes: Die Kolonie, die aus etwa 50 Familien besteht, liegt in einem sehr rauhen, unwegsamen Teile des Landes. Die Farmen liegen zerstreut, und nicht einmal ein Dorf liegt in der Nähe. Wir mußten im Motor durch die Prärie, mitunter über vollkommen jungfräulichen Boden reisen. Die Kolonistenhäuser liegen weit voneinander entfernt. Im ganzen scheint es den Farmern zu gelingen, wirtschaftlich vorwärts zu kommen. Die Gegend ist sehr spärlich bevölkert, es dürften kaum mehr als 20 Einwohner auf die Quadratmeile kommen. Im allgemeinen schienen die Kolonisten zufrieden zu sein; die Anziehungskraft der Städte, besonders auf die zweite Generation, erweist sich jedoch als sehr stark. Wie weit die Kolonisten wirklich seßhaft werden, muß sich noch erweisen. Immerhin ging es den Kolonisten, die ich sah, unvergleichlich besser als in ihrer russischen Heimat. Ferner hat sich Mr. Samuel in interessanter Weise über den enormen Aufschwung der jüdischen Bevölkerung in Montr e a 1 und anderen kanadischen Städten geäußert. Er betrachtet Kanada als ein aussichtsreiches Feld für eine weitere jüdische Einwanderung. Allerdings hält er eine Organisation und systematische Leitung der Einwanderung für dringend notwendig. Die jüdischen Einwanderer im amerikanischen Wirtschaftsleben Bekanntlich zählt New York eine volle Million jüdischer Einwohner und hat damit unter allen Großstädten der Erde weitaus die zahlreichste jüdische Bevölkerung. Die fortwährende Einwanderung aus Rußland, Galizien, Rumänien und Ungarn bringt immer neue jüdische Massen ins Land und der größte Teil dieser Emigranten bleibt in der Handels- und Industriemetropole New York. Von Interesse ist es nun, in welchen Erwerbszweigen sich diese Einwanderer hauptsächlich betätigen. In erster Reihe steht hier die Kleiderfabrikation. Diese Industrie befand sich bis zu Beginn der achtziger Jahre in den Händen gebürtiger Amerikaner sowie einiger deutsch-jüdischen Firmen. Als Arbeiter gab es fast keine Juden in dieser Industrie. Heute ist die überwiegende Mehrzahl der Konfektionsfirmen sowohl wie ihres Arbeiterpersonals jüdisch. Sie besorgen wohl die Bekleidung von reichlich der Hälfte der amerikanischen Bevölkerung. Sehr viel Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und der ernste Wille, auch die ärgsten Entbehrungen zu ertragen, haben den aus Rußland ohne alles Vermögen herüber kommenden Juden die Begründung dieser Konfektionsindustrie ermöglicht, allerdings zum Teil um den Preis der Ausbeutung ihrer Hilfsarbeiter, die ebenfalls meist Juden sind. Von den übrigen Geschäftszweigen, die hauptsächlich von jüdischen Firmen beherrscht werden, sei das Theaterwesen, speziell in New York, genannt. Anderseits suchen viele junge Juden, und zwar sowohl die Söhne der reichgewordenen Kaufleute wie auch vollständig mittellose junge Leute sich den Zugang zu den freien Berufen zu eröffnen. Nicht selten arbeiten sie tagsüber in Werkstätten oder Handelskontoren und gehen abends zur Evening- High-School, von der sie dann weiter zur Universität aufsteigen können. In den letzten Jahren wurden denn auch mehr und mehr Lehrstellen der Universitäten russisch-jüdischen Bewerbern verliehen. Die weitere Entwicklung der jüdischen Berufsverteilung scheint dahin zu gehen, daß die aus Deutschland, Oesterreich und Ungarn stammenden Juden sich vorwiegend dem Handel widmen, während ein sehr wesentlicher Bruchteil der aus Rußland stammenden Juden zunächst noch durch manuelle Arbeit ihr Brot erwirbt, mehr und mehr jedoch auf dem Wege höherer Studien zu wissenschaftlichen und künstlerischen Berufen emporsteigt. Landwirtschaftliche Erziehung in Amerika In Amerika sind kürzlich die Resultate eines Preisausschreibens bekannt gegeben worden, auf Grund dessen die J e - vvish Agricultural and Industrial Aid Society alljährlich einer Reihe von Kindern jüdischer Farmer Stipendien in den staatlichen Landwirtschaftsschulen gewährt. Nach dem diesjährigen Wettbewerb sind 33 junge Leute beiderlei Geschlechts staatlichen Instituten überwiesen worden, wo sie an den Winterkursen teilnehmen werden. Die Einrichtung dieser Ueberweisungen an staatliche Landwirtschaftsschulen besteht seit 1905. Ihr Hauptzweck ist, den Kindern neu angesiedelter Farmer die Möglichkeit zu geben, den Eltern wirksame Hilfe zu leisten. Außerdem sollen diese Stipendien den Kindern jüdischer Farmer zum Bewußtseinbringen, daß Landwirtschaft eine Wissenschaft und eine Kunst ist, und im Wert nicht hinter den städtischen Berufen zurücksteht. Bedingung für die Gewährung des Stipendiums ist es, daß der betreffende Sohn resp. die Tochter eines Farmers auf der Farm der Eltern lebt und arbeitet. Die Preisarbeit wird in Form eines Aufsatzes abgeliefert, aus dem die durch praktische Arbeit erworbenen landwirtschaftlichen Fähigkeiten des Schülers hervorgehen müssen.