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Die Welt · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Nr. 47 DIESqKELT Ausländer“ richte, die in sozialer Beziehung, ihrer Bildung nach und auch moralisch minderwertige Indi- 1598 wärtig die Ausgleichsverhandlungen führt, hat in dem neuen Entwürfe die Schaffung von fünf städtischen Wahlbezirken mit zwei Mandaten vorgesehen, von denen auf Grund des Proportionalsystems je eines den Juden zufallen soll — wahrlich, ein lächerliches Minimum für ein Volk von fast 900 000 Seelen. Aber auch diese fünf Mandate werden von der polnischen Fortschrit tspartei und der demokratischen Linken bekämpft, weil hierdurch — wie der Löwenstein nahestehende Korrespondent der „Neuen Freien Presse“ berichtet — „eine Absonderung der galizischen Judenschaft auf nationalem, politischem und in weiterer Folge auf wirtschaftlichem Gebiete erfolgen würde“. Eine unter dem Eindruck des Kiewer freisprechenden Urteiles in Angelegenheit der Hilsner-Affäre eingebrächte Interpellation ist nicht einwandfrei, weil sie Revision des Polnaer Prozesses — oder Begnadigung Hilsners fordert. Wiederholt wurde von allen Einsichtigen darauf hingewiesen, daß das Verlangen nach Begnad igung des unglücklichen, schuldlos im Kerker schmachtenden Opfers des österreichischen Ritualmordprozesses nicht der richtige Weg ist, dem Blutmärchen zu begegnen und der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Nicht Gnade ist zu verlangen, wo die nochmalige Aufrollung des Prozesses geheischt werden muß, dessen Ungeheuerlichkeiten bereits eine ganze Anzahl Schriften hervorragender Juristen nachgewiesen haben. Anfrage des Abgeordneten Reizes ln der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 14. November richtete der jüdische Abgeordnete Reic s eine Anfrage an den Präsidenten, ob er die von dem Fragesteller seinerzeit in der Angelegenheit der Forderung der jüdischen Bevölkerung Galiziens betreffs der Landtagswahlreform überreichte Interpellation zuständigen Ortes zur Kenntnis bringen wolle. Der Interpellant urgiert die Beantwortung seiner Anfrage, da die Landtagswahlreform nunmehr wahrscheinlich ihrer Erledigung entgegengehe, ohne daß die Entrechtung der Juden irgendwie wesentlich beseitig erscheint. Abgeordneter Reizes appelliert in zwölfter Stunde an die Regierung, nicht zuzulassen, daß die jüdische Bevölkerung Galiziens, welche vermöge ihrer Zahl, Intelligenz und Steuerkraft auf 30 Mandate Anspruch hatte, in ^geradezu hohnsprechender Art benachteiligt werde. „Minderwertige Individuen“ An: 6. November hielt der „Verein deutscher Mediziner“ in Prag seine Vollversammlung ab, in der er sich eingehend mit der „Ausländerfrage“ beschäftigte. Es wurden zur Abwehr der „Hochflut aus Rußland“ energische Maßnahmen beschlossen; es soll ein Zusammenschluß sämtlicher deutscher Mediziner an den österreichischen Hochschulen angestrebt, vom Ministerium ein Einschreiten verlangt und eventuell zum Zwangsmittel des Streiks gegriffen werden. Das Professorenkollegium hat bisher dem Drängen der Studenten keine Folge gegeben und nur geringfügige Einschränkungsmaßregeln getroffen. Während aber früher immer nur die wissenschaftlichen Interessen der Studenten vorgeschützt und die antisemitische Tendenz der deutschen Medi/inerbewegung geschickt verschleiert wurde, kam in dieser Versammlung der kraß antisemitische Charakter der Bewegung in seiner ganzen Brutalität zum Ausdruck. Der Vorsitzende klagte, in den Hörsälen höre man kaum mehr deutsch, sondern ein Kauderw e 1 s c h , und man sehe meistens polnische Juden, wodurch die deutschen Studenten abgeschreckt werden müssen; „wenn solche Zustände in meinem ersten Semester hier geherrscht hätten, so hätte mich wohl der Schlag getroffen, und ich stände nicht mehr hier.“ Auf eine Anfrage, ob nicht auch reich sdeutsche Studenten durch eine Ausländersperre getroffen werden könnten, sagt der Vorsitzende, es sei allen klar, daß sich die Bewegung „gegen gewisse viduen seien. Diese Worte wurden von der Versammlung, die sich moralisch gewiß sehr erhaben dünkte, mit Befriedigung aufgenommen, und auch die wenigen liberalen Juden rührten sich nicht und ließen eine solche Schmach über sidh ergehen. Es ist nun abzuwarten, ob die Universitätsbehörden Kraft und Unparteilichkeit genug haben werden, das grobe Vorgehen der Studenten gebührend zurückzuweisen. Jüdische Toynbeehallen in Galizien In Galizien bestanden im Jahre 1912—1913 jüdische Toynbeehallen in Boryslaw, Busk, Buczacz, Böbrka, Czortköw, Kaminka, Komamo, Kuty, Lemberg, Mosciska, Nadwöma, Rawa, Rudki, Stanislau, Stryj, Tarnopol, Zaleszczyki, Zboröw, Zlatöw — insgesamt 19. Die Verbandsleitung veranstaltete in 16 Ortschaften 55 Vorträge und gab in jiddischer Sprache eine Broschüre von Dr. Ösias Thon „U eher unsere Stellung in der Welt“ heraus, die in volkstümlicher Art die Judenfrage behandelt. Sie wurde in 5000 Exemplaren in Galizien, Bukowina, Ungarn und Bulgarien verkauft. Die jüdische Toynbeehalle in Lemberg veranstaltete in den Monaten November bis März 112 Vorträge, die IS 518 Hörer, davon 11.715 Männer und 6803 Frauen aufwiesen. Die Vortragssprache war meist jiddisch, 5 Vorträge wurden in hebräischer Sprache abgehalten. Die italienische Presse über den Ritualmordprozeß Fast alle italienischen Zeitungen — von der konservativen „Stampa“ bis zur liberalen „Gazetta del Popolo“, von dem radikalen „Secolo“ bis zum sozialistischen „Avant i“ — brachten scharfe Artikel gegen den Beilis-Prozeß. Bemerkenswert war das Urteil der konservativen „Stampa“ über die Freisprechung von Beilis. Bei dieser Gelegenheit widmete die „Stampa“ dem jüdischen Volke Worte der tiefsten Sympathie. Audh die anderen Zeitungen — besonders das „G i o r n a I e d'I t a 1 i a“, und das „N uovo Giornale“ in Florenz — traten für Beilis ein. Nur zwei klerikale Blätter, der „C o r r i e r e d ’ 11 a 1 i a“ in Rom und die „Unita Cattolica“ in Florenz zeigten eine große Freude über den Prozeß und brachten täglich Nachrichten im Tone der antisemitischen Hetzblätter. Ja, die „Unita Cattolica“ fügte jedem Berichte eine längere Redaktionsnote hinzu, in der sie mit hämischen Worten die Tatsache des Ritualmordes „bewies“! Das genügte dem Jesuitenblatte noch nicht, und es brachte einige „historische“ Artikel, in denen es „an der Hand von unwiderlegbaren Dokumenten“ das Vorhandensein der Ritualmorde nachwies. Nach der Freisprechung Beilis’ führte das Blatt aus, wenn es sich in diesem Falle auch vielleicht nicht um einen Ritualmord handele — so habe es doch in der Vergangenheit wirkliche Fälle gegeben, die die katholische Kirche als Ritualmorde festgestellt habe. — In einer Versammlung unserer Gesinnungsgenossen, an der auch General C o e n teilnahm, wurde beschlossen, gegen die „Unita Cattolica“ einen Prozeß anzustrengen. Inzwischen hatte Oberrabbiner Dr. Margulies einen Brief an die „Unita Cattolica“ geschickt, der von der Zeitung zwar veröffentlicht wurde, aber . . . mit einer „freimütigen Antwort“ der Redaktion, in der sie — trotz den Ausführungen des Dr. Margulies — an ihrem Standpunkt festhält! .... Während des Kiewer Prozesses hat die Federation der italienischen Zionisten in Mailand und in anderen Städten Manifeste gegen die Inszenierung des Ritualmordprozesses verteilt. Das Manifest, das scharfe Worte der Entrüstung gegen das reaktionäre Rußland enthielt, wurde an allen Straßen affi- Chiert In Florenz hatte die Polizei die Verbreitung des Manifestes verboten, weil es „zu scharfe Worte gegen einen befreundeten Staat“ enthalte.

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