Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316619--58217-3376735
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 47 DlEffiELT= - - - 1597 auch LUS 6er Mittelschule verbannt hat, obgleich sich diese Einrichtung im Jaffaer hebräischen Gymnasium glänzend bewährt hat, beweist deutlich, daß der Hilfsverein andere Zwecke als wir in Palästina verfolgt. Diese Erkenntnis sei wichtig für uns. An das Schulwerk des Hilfsvereins in Palästina knüpften sich bisher viele Hoffnungen, die nicht unbegründet schienen. Manche Gründungen des Hilfsvereins, wie die hebräischen Kindergärten usw., galten als wertvolle Stützpunkte für die nationale Renaissance. Nun aber will der Hilfsverein ein deutsches Kulturzentrum in Palästina schaffen. Dies sei ein vollendeter Bruch mit der Vergangenheit und mache alle Hoffnungen auf eine Mitarbeit dieser Gesellschaft an der Neuaufrichtung des jüdischen Volkstums im Lande der Väter zunichte. „Der Beschluß des Kuratoriums“ führt das Blatt weiter aus — „ist ein Faustschlag für unsere gesamte palästinische Renaissancearbeit, und alle Anhänger und Wortführer dieser Arbeit müssen dem Hilfsverein auf die Beleidigung die richtige Antwort geben: sie müssen öffentlich erklären, daß sie dem Technikum nunmehr nicht bloß ihrerseits jede materielle und moralische Förderung absolut entziehen, sondern daß es notwendig sein wird, auch auf die nationaljüdisch gesinnte Jugend dahin einzuwirken, daß sie dieser Anstalt den Rücken kehre. Denn das Haifaer Technikum ist nicht unser; es dient nicht dazu, unsere Kulturgüter und Geistesschätze zu mehren, sondern die eines Fremden Volkes. Solange der Hilfsverein uns noch als eine Körperschaft galt, die in Palästina auf nationaljüdischer Grundlage tätig ist, und wir annehmen konnten, er werde in der Frage der Unterrichtssprache einem Kompromiß zustimmen, traten wir denen, die da sagten: „Das Technikum soll hebräisch sein, oder es soll nicht sein" entschieden entgegen. Mit diesem Gedanken des „Nichtseins" konnten wir uns nicht befreunden. Wir sahen nichts schlimmes darin, daß in den ersten drei oder vier Jahren die hebräische Sprache nicht die herrschende am Technikum sein würde, wenn die Leitung eben planmäßig darauf hingearbeitet hätte, nach Ablauf dieser Uebergangszeit dem Hebräischen zu seinem Recht zu verhelfen. Nachdem aber jetzt die leitenden Kreise des Hilfsvereins gewagt haben, die gerechten Forderungen der Zionisten schroff abzulehnen und die deutsche Sprache mit aller Entschiedenheit in den Vordergrund zu rücken, stimmen auch wir in den Ruf ein: Entweder ein hebräisches Technikum oder gar aoaono WELTCHRONIK □ □ □ o □ a ii o Oesterreichische Parlamentssorgen Die planmäßige Verdrängung der Wiener jüdischen Spitalsärzte — Ein Rundschreiben des Abg. Kuranda — Die galizische Wahlreform — Die Hilsner-Affäre (Von unserem Wiener Korrespondenten.) Großes Aufsehen erregte eine Interpellation des polnischdemokratischen Abgeordneten Breiter — die „Reichspost“ nennt ihn fälschlich einen jüdischen Abgeordneten — über den Antisemitismus an den Wiener Sp itälern. In mehreren Wiener Krankenhäusern, darunter im Elisabethspital, das eine von Rothschild gestiftete jüdische Abteilung hat, werden seit Jahren keine jüdischen Aerzte angestellt, aus den anderen Anstalten werden sie systematisch hinausgedrängt. Die Interpellation führt folgende krasse Fälle an: „Besonders charakteristisch ist dieser Entjudungsprozeß am Kaiser Franz Josef-Hospital, an dessen Spitze Direktor Dr. Karl Friedinger steht. Auch diesem Spital ist eine jüdische Millionenstiftung, die Kinderabteilung des Bernhard und der Regina Pollack von Pamegg, angegliedert. In diesem Spital geht der Antisemitismus so weit, daß sich da zwei durch einen Strohsack getrennte Speisezimmer für die Aerzte befinden, ein arisches und ein jüdisches. Im Kaiser Franz Josef-Spital existiert ein Tennisplatz mit einer separaten Stundeneinteilung für die jüdischen und nichtjüdischen Aerzte: es gibt eine .arische Kegelbahn* und ein ,jüdisches Billard'. Die jüdischen Aerzte werden angewiesen, nach Galizien zu gehen, oder es wird ihnen unverhüllt gesagt, daß man sie nicht gern aufnimmt, ja, es wird gedroht, daß man einen Numerus clausus wird einführen müssen. . Die jüdischen Sekundarärzte werden systematisch umgangen, auch wenn sie noch so tüchtig sind. Als im Oktober 1013 die Stelle eines Assistenten auf der ersten medizinischen Abteilung (Vorstand Dr. Droszda) besetzt wurde, und die ältesten jüdischen Sekundarärzte des Kaiser Franz Josef-Spitals einreichten, wurde der jüngste von allen Bittstellern, ein Nichtjude, ernannt. Auf die zweite medizinische Abteilung des Prof. Türk wird seit Jahren kein jüdischer Sekundararzt geschickt. Der Assistent dieser Abteilung, Dr. Schuster, ging so weit, daß er einem arischen Arzt, der sich auf Waffenübung befand, telegraphierte: ,Komme sofort, sonst bekommen wir Juden.'" Der Minister des Innern wird schließlich aufgefordert, diesen hohnsprechenden Zuständen ein Ende zu machen. Wenn es so den Aerzten ergeht, wie mag es erst um die bedauernswerten jüdischen Patienten in den Wiener Spitälern bestellt sein! — Der nicht ohne jüdische Hilfe gewählte deutsche Nationalverbändler Teufel immunisierte einen, wegen der darin enthaltenen infamen Verunglimpfungen des Judentums und der heiligen Schrift konfiszierten Artikel, indem er ihn zum Gegenstände einer Interpellation machte. Der Wiener deutschliberale jüdische Abgeordnete Hofrat Kuranda erließ hierauf ein Rundschreiben an die Kultusgemeinden jener Wahlkreise, aus denen die 15 Abgeordneten hervorgingen, welche den traurigen Mut fanden, diese saubere Interpellation zu unterzeichnen. Mit Hinweis auf die freche Besudelung von „Glaube und Stamm" fordert Kuranda die Juden auf, gegen diese Abgeordneten aufzutreten und sie nicht wieder zu wählen. So sehr wir den Schritt des um jüdische Angelegenheiten sonst wenig bekümmerten Abgeordneten Kuranda begrüßen — er hat leider zu jenen einflußreichen jüdischen Assimilanten gehört, welche die jüdische Landtagskurie in der Bukowina vereitelten — so können wir dem sonstigen Inhalte des Sendschreibens nicht zustimmen. Kuranda fordert nämlich, daß die Juden bei künftigen Wahlen den Gegenkandidaten ihres jetzigen famosen Abgeordneten wählen, „m a g dieser Kandidat welcher Parteistellung immer angehören“. Die Juden werden also angewiesen, im Wahlkampfe zwischen einem der Unterzeichneten Nationalverbändler und einem anderen Antisemiten — etwa einem Christlichsozialen oder einem Alldeutschen — unter jeder Bedingung den antisemitischen Konkurrenten zu wählen, anstatt pflichtgemäß in diesem nicht seltenen Falle leere Stimmzettel abzugeben. Kurandas Rezept ist schlecht und führt zur Korruption. Das mindeste, was ein verantwortlicher jüdischer Führer von der jüdischen Wählerschaft fordern muß, ist, daß sie nur erklärten Gegnern des Antisemitismus ihre Stimmen zuwenden. Bezeichnend ist, daß die christlichsoziale Presse, die sich während des Kiewer Prozesses so schmählich verhalten hat, sofort aus der Aktion Kurandas Profit zu schlagen suchte und — eine verbindliche Einladung an die jüdischen Wähler, ihnen zu neuen christlichsozialen Mandaten zu verhelfen — die Interpellation Teufels verurteilte . . . Das Feilschen der Parteien in Angelegenheit der galizischen Wahlreform dauert fort und zeitigt nur e i n greifbares Resultat: daß sich die Situation der Juden täglich verschlimmert. Man will sie jetzt gar nur mit zwei oder drei Handelskammermandaten abfertigen. Allgemeine Entrüstung — selbst unter den „israelitischen“ Mitgliedern des Polenklubs — ruft das Verhalten des „Helden von Drohobvez", des Herrn von Löwenstein hervor, der nichts unversucht läßt, die jüdischen Mandate zu verringern. Die Zentralregierung, die gegen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.