Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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- Haifa 2× ep/1047930
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1596 Nr- 47 Aus Jaffa gehl uns ein weiteres Telegramm zu, das die Jerusalemer Nachricht bestätigt und ergänzt: Jaffa, 19. November. Hier und in Jerusalem haben sämtliche Schüler der Hilfs vereinsschulen einen Proteststreik begonnen, weil das Kuratorium des Technikums die Forderung der hebräischen Unterrichtssprache abgelehnt hat. Die oben erwähnte Zuschrift, die wir aus Haifa erhielten, lautet: Die Nachricht von den Beschlüssen des Kuratoriums des jüdischen Technikums in der Sprachfrage hat in der jüdischen Bevölkerung Haifas eine gewaltige Erregung hervorgerufen. Einmütig ist die Verurteilung der Zurückdrängung des Hebräischen und der Hervorhebung des Deutschen. Ebenso einmütig ist die Meinung aller Schichten der jüdischen Bevölkerung, daß für eine Schule, wie sie jetzt geplant ist, auf Grund der gegebenen Verhältnisse keine Existenzberechtigung vorhanden ist. Besonders empfindet die sepbardische Bevölkerung den Beschluß direkt als ihre Ausschließung, da sie keinerlei Vorteil für sich darin sieht, das Deutsche als zweite Muttersprache zu erlernen. Es ist, leider, nunmehr mit Sicherheit zu erwarten, daß die jungen Sepharadim dem eben in Gründung begriffenen Technikum in Beirut, das die ihnen viel vertrautere französische Sprache als Unterrichtssprache haben wird, in ihrer großen Mehrheit Zuströmen werden. Es hat bereits in Haifa eine lebhafte Protestbewegung gegen den Beschluß des Kuratoriums eingesetzt, die sich leicht zu einer Boykottierung des Technikums auswachsen könnte. Eine ähnliche Bewegung hat, wie wir hören, in allen Kolonien und Städten Palästinas begonnen. Es ist angesichts dieser von den Herren des Kuratoriums vielleicht nicht vorausgesehenen heftigen Reaktion zu hoffen und zu wünschen, daß sie doch noch einen Weg zur Verständigung suchen werden. Es läßt sich eben im heutigen modernen Palästina nidht mehr Philanthropie mit beliebiger Tendenz, zumal gegen die Öffentliche Meinung, betreiben. Unter der Uebersdhrift „Unser Protest wird gehört werden“ schreibt „Dos Yiddishe Folk“ (New York): „Wir sind sicher, daß die amerikanischen Mitglieder des Kuratoriums sich mit dem Beschluß nicht zufrieden geben werden. Richter M. S u 1 z b e r g e r ist Mitglied des Kuratoriums und er wird gegen dieses Unrecht sicherlich seine Stimme erheben. Richter Sulzberger ist ein national empfindender Jude und er ist der Leitung des Technikums nicht beigetreten, um die deutsche Kultur in Palästina zu fördern, sondern um an der Stärkung der jüdischen Kultur mitzuwirken. Mr. Sulzberger wird die Durchführung des Beschlusses gewiß nicht zulassen und er wird seinen ganzen Einfluß dagegen aufbieten. Wir zweifeln auch nicht, daß das andere amerikanische Mitglied des Kuratoriums, Mr. Cyrus Adler, gegen den schändlichen Beschluß mit lauter Stimme sein Veto einlegen wird. Cyrus Adler mag in gewissen Fragen anders als die Zionisten denken, allein es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß er die Einführung der deutschen Unterrichtssprache in dem auf jüdischem Boden mit jüdischem Gelde erbauten Polytechnikum bekämpfen wird. Auch Professor Schechter wird nicht schweigen. Dieser jüdische Gelehrte hat kein Interesse für ein deutsches Polytechnikum, selbst wenn es sich in Palästina befindet. Auf seine Zustimmung können die alldeutschen Patrioten gewiß nicht rechnen. Professor Schechter, der sein ganzes Leben der jüdischen Wissenschaft gewidmet hat, wird auf seine alten Tage nicht anderen Sinnes werden, um die Ambitionen deutscher Assimilanten zu befriedigen. Und protestieren wird zweifellos auch ein so stolzer Jude wie Mr. Marshall. Er mag das Vorhandensein einer jüdischen Nation zugeben oder nicht, in jedem Falle ist er ein selbstbewußter Jude und wird es ablehnen, an der Verbreitung deutscher Kultur in Palästina und an der Entwurzelung der Keime jüdischen Geisteslebens, die dort mit großer Mühe gestreut worden sind, mitzuwirken. Selbst Jacob Schiff wird nicht mit den deutschen Herren gehen. Schiff ist Amerikaner und weiß den Volkswillen zu achten. Das jüdische Volk in seiner Gesamtheit ist aber entschieden gegen ein jüdisches Technikum in Palästina mit deutscher Unterrichtssprache. Nicht die Zionisten allein bekämpfen den verhängnisvollen Beschluß; alle Kreise, denen die jüdischen Volksinteressen am Herzen liegen, werden sich dagegen wenden. Mögen die deutschen Herren auch dessen eingedenk sein, daß sie, als sie hier Geldmittel für das Technikum sammelten, uns versprachen, die Anstalt werde hebräischen Charakter tragen. Ihr Beschluß kommt daher einem Wortbruch gleich, und wir zweifeln nicht, daß viele von den Beitragleistenden gegen das unrechtmäßige Vorgehen Verwahrung einlegen werden . . . Und protestieren wird in erster Reihe die öffentliche Meinung in Palästina selbst. Kein jüdischer junger Mann, der etwas auf sich hält, wird die Anstalt besuchen. Der Einfluß des Hilfsvereins wird unfehlbar rapid sinken, wenn die Herren ihren Beschluß nicht ändern werden. Denn Erez Israel ist nun einmal das Land, aut das die Augen der ganzen jüdischen Welt gerichtet sind und man kann dort nicht ungestraft sündigen! Das Kuratorium wird sicherlich bald einsehen, daß es zuviel gewagt hat, und wird seinen Beschluß rückgängig machen. Unser Protest muß gehört werden. Fort mit dem Götzenbild aus dem Heiligtum!“ Der in Boston erscheinende „Jewish Advocate“ schreibt in seiner jüngsten Nummer: „Vor einigen Jahren kam Dr. Schmarja Levin nach Boston und anderen amerikanischen Städten und sammelte Zusicherungen einer finanziellen Unterstützung für die Einrichtung und den Unterhalt eines Technikums in Haifa. Dr. Levins Reise war in finanzieller Hinsicht äußerst erfolgreich. Man faßte die Sache so auf, daß die palästinensischen Juden ein technisches Institut dringend nötig hätten. Man wandte sich an Juden mit der Aufforderung, diesem jüdischen Bedürfnis entgegenzukommen, und gleichviel wie ihre Stellung zum Zionismus war, viele Juden fanden sich bereit, dieses jüdische Institut zu unterstützen. Jetzt aber scheint es, daß dieses jüdische Institut zu einem Erziehungszwecken dienenden Anhängsel des deutschen Reiches gemacht werden soll, und zwar dadurch, daß man Deutsch als Unterrichtssprache einführt, die Schule unter deutschen Schutz stellt und sie zu einem Zentrum deutschen Geistes macht. Deutschland versucht mit gutem Recht, die Juden als Werkzeuge für den deutschen Fortschritt im Orient zu gebrauchen. Die Alliance treibt französische und die Anglo-Jewish Association englische Propaganda unter den Juden des Orients. Weshalb sollte nicht Deutschland einen ähnlichen Versuch machen? Die Juden in Palästina müssen aber in erster Linie Juden und türkische Untertanen sein. Ein technisches Institut in Haifa, das von Juden mit jüdischem Geld erbaut wird, darf nur der Förderung der hebräischen Kultur dienen. Die zionistische Organisation hat in der Sache nichts unternommen, aber die amerikanischen Geldgeber haben ein Recht darauf, ein Wort mitzureden. Sie gaben ihr Geld, um ein hebräisches, nicht aber ein deutsches Institut zu unterstützen, und die amerikanischen Herren sollten den Direktoren ihren Standpunkt klar auseinandersetzen. Ein anderes vielgelesenes amerikanisches Blatt, der in Baltimore erscheinende „Jewish Comment“ äußert sich wie folgt: „Juden als solche haben kein Interesse an der deutschen Sprache; es gibt sogar Leute, die mit ausgesprochener Abneigung auf die Verbreitung deutschen Geistes blicken, und das Technikum sollte die Juden der ganzen Welt nicht in dieser Weise herausfordern. Statt eines Ideals für das jüdische Volk kann es von Bedeutung nur für Deutschland werden. Wir fragen: Ist hebräisch eine lebendige, für Kulturzwecke dienliche Sprache oder nur eine Liebhaberei der Altertumsforscher? Die Verurteilung des Technikums zur deutschen Sprache bedeutet eine Verurteilung der hebräischen Sprache, und wird sicherlich auf Widerspruch stoßen. W i r möchten einmal sehen, was für Erfolge der Vertreter des Instituts haben würde, wenn er jetzt noch einmal durch Amerika reiste, nachdem man eine Einrichtung beschlossen hat, an die niemand dachte, als dem amerikanischem Publikum seine großen Vorzüge geschildert wurden. Sollten die Direktoren wirklich Hebräisch für unmöglich erklären, so wird sich noch manches ändern müssen.“ Die hebräische Tageszeitung „Hasman“ in Wilna wendet sich in überaus scharfen Worten gegen die Beschlüsse des Kuratoriums. Das Blatt sieht darin eine beleidigende Mißachtung der nationaljüdischen Kulturbestrebungen in Palästina. Der Umstand, daß das Kuratorium die hebräische Unterrichtssprache