Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1594 Nr. 47 ist ebenso unrichtig, da wir als Chowewe-Zion die allerheftigsten und gehässigsten Angriffe über uns ergehen lassen mußten, dieselben Angriffe, die uns heute als Zionisten verfolgen. Als der Name „Zionisten“, den Dr. Nathan Birnbaum als gute deutsche Uebersetzung von „Chowewe-Zion“ im Jahre 1890 prägte, noch gar nicht in der deutschen Sprache existierte, wurde bereits die Zionsliebe der Chowewe-Zion der Gegenstand der erbittertsten Angriffe jener Partei, die sich ä tout prix ein Judentum ohne jüdische Eigenart zurecht machen wollte. Die schmählichen Angriffe auf Moses Heß im Jahre 1862 waren noch nicht vergessen, als die palästinische Kolonisation durch begeisterte junge Leute aus Rumänien und Rußland ins Werk gesetzt und in Verbindung damit die Vereine der Chowewe-Zion organisiert wurden. Wie hagelten nur die böswilligen Angriffe auf diese „reaktionäre Bewegung“! Wurde doch in einem wissenschaftlichen Blatte von der Qualität des „Hamaskir“ die trockene hebräische Bibliographie zu einem ganz deplacierten, maßlos gehässigen Angriff auf die Bewegung der „Chowewe-Zion mißbraucht. Und die „Israelitische Wochenschrift“ machte es sich seit der Entstehung der ersten Kolonien und der Kolonisationsvereine zum besonderen Beruf, mit der polnisch-assimilatorischen „Izraelita“ um die Wette die Ideen und die Arbeit der Chowewe-Zion in allen Tonarten anzugreifen. Aber der Anonymus von „Ost und West“, der doch wenigstens die Angriffe der Alliance Israelite in ihrem 25. Jahresbericht von 1887 auf die Bestrebungen der Chowewe-Zion kennen sollte, behauptet schlankweg, daß nie und nimmer diese Bestrebungen bei irgend einem Juden Widerspruch hervorgerufen hätten. In Wirklichkeit waren die Angriffe, die der politische Zionismus erfahren hat, nur die geradlinige Fortsetzung der Kämpfe gegen die Chowewe-Zion, wie der Zionismus nichts anderes ist als die kraftvolle Weiterentwicklung der Chibbat-Zion. Derselbe Zionismus, der die Kolonien geschaffen hat, der auch den hochherzigen Baron Rothschild beseelt und die Kolonisten getrieben hat, ihr Vermögen und ihre Arbeitskraft, ihr Leben und die Zukunft ihrer Kinder dem Aufbau ihres Volkes im Lande der Väter zu opfern, derselbe Zionismus hat die Kongresse geschaffen, und es ist ein Taschenspielerkunststück, dies leugnen zu wollen. Aber wie wenige sind in der Lage, die unrichtigen Angaben des anonymen Artikelschreibers nachzuprüfen. Einen Unterschied zu machen zwischen dem Zionismus, der diese Kolonisationsarbeit geschaffen hat, und jenem Zionismus, über dessen freimütige Wahrheitsliebe in den Berliner Volksversammlungen sich der ungenannte Artikelschreiber von „Ost und West“ ärgert, geht doch wirklich nicht an. Der Anonymus, der dem Zionismus seine größten Kulturleistungen kaltlächelnd ableugnet, macht dann eine taktische Schwenkung, indem er der Idee des Zionismus Zucker streut, aber die Träger dieser Idee zu Radauhelden stempelt. Er meint, die Zionisten hätten sich in einen derartigen Ton verrannt, daß die besten jüdischen Männer in allen Ländern, die in der Wissenschaft und in der Gesellschaft eine hohe Stelle einnehmen, dem Zionismus nicht bloß ferngeblieben sind, sondern es nach wie vor als eine Unmöglichkeit bezeichnen, mit den Zionisten gemeinsam zu arbeiten. Als Beweis für die „Anarchie und Disziplinlosigkeit, die diese Clique in die zionistische Organisation hineingetragen hat,“ wird ein Artikel angeführt, in dem „einer aus ihrem nächsten Kreise sich bemüßigt gesehen hat, in einem a n t i zionistischen Blatte dem Hauptorgane des Zionismus, der „Welt“, Parteilichkeit und UnWahrhaftigkeit vorzuwerfen. (Vergleiche Oesterreichische Wochenschrift Nr. 38 vom 19. September ds. Js.: Der Wiener Zionistehkongreß. Ein Epilog. Von Heinrich Löwe)“. — Heinrich Loewe, das bin ja ich! Was ist daran Wahres? Zunächst sei festgestellt, daß dem Herausgeber der Oesterreichischen Wochenschrift gerade infolge dieses meines Artikels der Vorwurf gemacht worden ist, daß er damit offen ins zionistische Lager übergegangen sei. Auch was ich der „Oesterreichischen Wochenschrift“ ruhig und sachlich geschrieben habe, ist in dieser aus dem Zusammenhang gerissenen Wiedergabe verdreht worden. Ich durfte mir erlauben, kleine Fehler, die ich in der zionistischen Organisation bemerke, zu tadeln, weil ich eben weiß, daß die gewaltige und tadellos reine Organisation durch meine kleinen Bemerkungen über Unrichtigkeiten im einzelnen in keiner Weise berührt wird. Weil ich weiß, wie tadellos anständig die zionistische Organisation geleitet wird, darf ich mir auch gestatten, diese Anerkennung mit dem Tadel von kleinen Schönheitsfehlern so zu verweben, daß die verantwortlichen Leiter auf Fehler aufmerksam werden, um sie abstellen zu können. Nur wirklich kranke Organisationen reagieren auf ehrliche Kritik mit unangebrachten Angriffen. Der Zionismus ist gesund und — sauber! Es ist ferner unwahr, daß ich in der nächsten Umgebung und im engsten Kreise der zionistischen Parteileitung bin. Genau das Gegenteil ist wahr von dem was „Ost und West“ behauptet. Ich stehe der Leitung und der Presse der Organisation vollständig fern. Aber das könnte mich doch nie dazu veranlassen, meine persönliche Stellung zum Ausgangspunkte von Angriffen auf die zionistische Organisation zu machen, von der ich mich täglich aufs neue überzeugen muß, daß sie allein es ist, die das neue jüdische Leben geschaffen, die allein die jüdische Jugend wieder in das Fahrwasser des Judentums gebracht hat. Der Zionismus ist nicht mehr aus seiner zentralen Stellung in den Herzen der jüdischen Jugend zu verdrängen. Und bei uns Zionisten gibt es keinen, der — wie so etwas ja sonst vorkommt — persönliche Gekränktheit auf die Sache übertragen würde. Es sind beispielsweise Angriffe auf die Histadruth Ibrith erfolgt, bei denen sachliche Gründe nicht zu finden waren. Der Vorwurf, daß die meisten deutschen und österreichischen Führer nicht die geringsten Opfer für den Zionismus zu bringen gewillt sind, steht mit den Tatsachen so offenkundig in Widerspruch, daß es sich erübrigt, ihn in einem ernsten Blatte wie die „Welt“ überhaupt zu diskutieren. Dagegen muß jene niedrige Verleumdung zurückgewiesen werden, die auf unrichtigen Uebersetzungen aus dem Hebräischen und auf Stellen beruht, die aus dem Zusammenhänge gerissen sind. Der anonnyme Artikelschreiber erkühnt sich, die verleumderische Behauptung aufzustellen, daß die zionistische Partei in sich eine Sekte enthält, die die Absicht hat, das Judentum in das Christentum überzuführen. Diese Anklage, als ob es im Zionismus christliche Missionsbestrebungen gebe, ist aber bereits e i n mal erhoben worden, und zwar von einem Autor, dessen sonstige Ausführungen im Hinblick auf Stil und persönliche Angriffe, auf unrichtige Behauptungen und falsche Unterstellungen sich mit den Ausführungen der anonymen Artikel in „Ost und West“ und in Professor Ludwig Geigers „Allgemeiner Zeitung des Judentums“ berühren, ohne daß damit irgend ein Schluß auf die Autorschaft der anonymen Artikel gezogen werden soll. Das ist ein Artikel des Dr. Simon Bernfeld in dem Kölner „Israelitische Gemeindeblat t“. In diesem Artikel wurde denn auch nach allen möglichen Angriffen gegen den Zionisten oder die Zionisten (denn um die Sache ging es dem Angreifer auch dort nicht) diese selbe Beschuldigung in viel unverhohlener Weise gegen uns gerichtet. In einer Erwiderung darauf forderte ich Herrn Dr. Bernfeld sehr nachdrücklich auf, Namenzunennen. Ich war der Meinung, daß man tatsächlich, wenn man einen solchen Angriff richtet, nicht bloß in der Lage, sondern auch gewillt sein muß, Namen zu nennen, um sich nicht sagen zu lassen, daß man Behauptungen in die Welt hinausschleudert, die man weder beweisen will, noch kann. Meine Erwartung wurde getäuscht. Herr Dr. Bemfeld, dem mein Artikel vor der Drucklegung vorgelegt wurde, antwortete darauf mit folgenden nichtssagenden Worten: „Die obenstehenden Ausführungen des Herrn Dr. Loewe habe ich an einer Stätte nachgeschickt bekommen, wo ich den