Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 1593 DIE^ELT zitierten Artikel ausgesprochen. Aber eins muß ich hinzufügen. Nur durch unsere positive Arbeit "werden wir es mit der Zeit dahin bringen, daß wir auch nach außen hin überall von Nationaljuden vertreten sein werden. Jetzt, unter den gegebenen Umständen, ist unser Kampf gegen die Assimilanten aussichtslos. Denn sie haben alle Beziehungen zur Außenwelt in Händen, und zugleich beherrschen sie die jüdische Masse. Statt mit den assimilierten Führern zu streiten oder bloß die Assimilation in Wort und Schrift zu bekämpfen, müssen wir mit positiver Arbeit von innen und von unten beginnen, und zwar indem wir überall und mit eigenem Beispiel vorangehen. Das letzte ist das wichtigste. Man wird mir wohl einwenden, mit Schulen allein erwirbt man nicht die Sympathien der Massen: man muß ihnen auch wirtschaftlich helfen. Ich kenne dieses Lied. Aber erstens werden die Massen durch die Gewöhnung an Selbsthilfe und Selbstbetätigung Energie auch für die wirtschaftliche Organisation gewinnen, und zweitens, glaube ich nicht daran, daß wir Juden imstande sind, hier, in der Diaspora, etwas Wesentliches an unserer wirtschaftlichen Lage zu ändern. Ich glaube nur an die Regeneration des Bewußtseins, aber nicht des Seins. Aus diesem Widerstreit des Bewußtseins und des Seins ist ja der ganze Zionismus entstanden. Das in der Diaspora wiedererwachte jüdische Bewußtsein soll eine jüdische Wirklichkeit — in Palästina schaffen. Es bleiben noch zwei Probleme zu behandeln: unser Verhältnis zur Religion und unsere Grundprinzipien in der zionistischen Propaganda. Darüber ein anderes Mal. Ich hoffe, daß nun eine lebhafte und sachliche Diskussion über das Gegenwartsprogramm einsetzen wird, um ernstlich zu einer Lösung dieser schwierigen und verwickelten Frage zu gelangen. Dabei muß nicht vergessen werden: es handelt sich um die Gegenwartsarbeit der zionistischen Organisation als solcher, und nicht der Zionisten als Privatpersonen. Sein Privatvergnügen kann sich jeder Zionist auch fernerhin bewahren, wenn er es nicht doch vorzieht, lieber immer nur als Glied einer festen Organisation aufzutreten. Es scheint mir fast, daß das besser wäre. Logischer und nützlicher für den Zionismus wäre es jedenfalls. Die gerade Linie ist die kürzeste, aber doch ziehen viele die gewöhnlichen krummen Wege vor. EINE VERLEUMDUNG Erwiderung auf den anonymen Artikel im Oktoberhefte von „Ost und West“ Von Heinrich Loewe Während wir Juden uns genötigt sahen, aus Anlaß des Beilis-Prozesses wieder einmal vor aller Welt festzustellen, daß es eine böswillige Verleumdung ist, wenn von judenfeindlicher Seite ausgesprengt wird, es gebe im Judentum allerlei geheime Sekten, wie sie z. B. im russischen Christentume dutzendweise vorhanden sind, wird von entarteter jüdischer Seite die gleiche unverantwortliche Behauptung aufgestellt. So hat sich ein Duisburger jüdisch-liberaler Gemeindcklüngel an Gerichtsstelle die aus der Luft geholte Behauptung geleistet, daß die ausländischen Juden, die in Duisburg leben, und denen das Judentum mehr ist, als ein bloßes „liberales“ Verlassen der angestammten Ueberlieferung, daß diese Duisburger ausländischen Juden einer besonderen Sekte angehören. Nun denn, wir können nichts dagegen tun, daß diese jüdischliberalen Juden sich so gut und so oft vor dem deutschen Gericht blamieren, wie es ihnen eben gefällt. Aber die Sache liegt bereits anders, wenn ein Blatt, das sich das Organ einer der größten jüdischen Organisationen nennt, diese Behauptung nach anderer Richtung aufgreift und dadurch diese Organisation zur Trägerin derartiger Angriffe macht. Denn eine Zeitschrift, die sich bereits auf dem Umschlag in großen auffälligen Buchstaben „Organ der Alliance Israelite Universelle“ nennen darf, macht diese Alliance Israelite dafür verantwortlich, wenn in ihrem Blatte Dinge stehen, die ganz unverantwortlich sind. Einzig und allein aus dem Grunde, daß das Blatt den Namen der Alliance Israelite Universelle trägt, halten wir es für geboten, einem Artikel entgegenzutreten, dessen Inhalt sonst nicht danach angetan wäre, einer sachlichen Erwiderung gewürdigt zu werden. Der Artikel selbst ist anonv m. Das ist kein Zeichen von besonderem Mut. Denn wenn man übelwollend und rücksichtslos angreift, wenn man sich vergifteter Waffen bedient, wenn man in Anführungsstrichen Unrichtiges mitteilt, dann sollte man um so mehr den Mut haben, mit offenem Visier zu kämpfen. „Den Pfeil, der bei Nacht fliegt,“ nennt der Hebräer in seiner schönen, bilderreichen Sprache den heimtückischen Angriff aus dem Hinterhalt auf den ahnungslosen Gegner. Der Artikel, der sich mit einem ähnlichen Aufsatz des gleichen anonymen Autors in der von Professor Ludwig Geiger herausgegebenen „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ inhaltlich deckt, befolgt die Taktik, sich den Anschein zu geben, als ob ihn pure Liebe zum Judentum und zu Zion beseelte,, während jeder einsichtige Leser genau weiß, daß es sich hier um einen bösartigen Angriff auf den Zionismus handelt. Das ist der Pfeil, der durch die Nacht schwirrt. Da wird zuerst die alte Litanei angestimmt, der Zionismus habe sich gemausert. Er sei aus dem politischen Lager, aus dem prinzipiell der Assimilation entgegengesetzten Felde jetzt abgeschwenkt und zu einem harmlosen philanthropischen Kolonisationsverband geworden. Dann aber sei diese praktische Arbeit im Lande Israel gar nicht dem Zionismus, sondern einem Rothschild und seinem Gelde zu danken, und endlich seien die Zionisten doch nichts weiter als Schreier, die in Wahrheit mit der praktischen Arbeit gar nichts zu tun hätten. Das sind nun zwar handgreifliche Widersprüche, unvereinbare Behauptungen, die sich gegenseitig ausschließen, aber in nahezu fünfzehn Spalten kann ein gewandter Journalist dem großen Publico doch mancherlei Sand in die Augen streuen. Haben wir doch sogar Journalisten gesehen, die in zehn verschiedenen deutschen Blättern zehn verschiedene deutsche Standpunkte vertreten und dabei tüchtig genug sind, um gleichzeitig in der hebräischen Presse einen von allen zehn deutschen Standpunkten abweichenden jüdisch-nationalen Standpunkt einzunehmen. Der anonyme Artikelsdhreiber behauptet nun zuerst, daß der Zionismus zur Taktik der alten Chowewe-Zion zurückgekehrt sei, deren Bestreben „bei keinem Juden Widerspruch hervorgerufen habe“. Das sind zwei Unrichtigkeiten in einem Satze. Erstens haben die Zionisten niemals aufgehört, Chowewe-Zion zu sein, wie wir, die wir als Chowewe-Zion viele Jahre lang gearbeitet haben, ehe Herzl und Nordau zu uns kamen, gut genug wissen. Daß aber kein Jude je das Bestreben der Chowewe-Zion bekämpft hätte,