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Die Welt · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1592 Nr. 47 DIE^ELT blickenden jüdischen Politikern gehören Leute der verschiedensten Klassen — Großbourgeoisie, Mittelstand und Proletariat. #Der eine sucht den Gönner unter den oberen Zehntausend, der andere im „klassenbewußten sozialistischen Proletariat.“ Auch diese Juden sprechen oft von Kampf, Selbstbefreiung und meinen es gewiß ernst, aber ihre ganze Tätigkeit ist nur darauf gerichtet, dem Gönner nützlich zu werden, seine Gunst und seine Protektion zu erwerben. Gehen diese Leute unter die jüdische Masse, so haben sie nur ein Ziel vor Augen: die jüdische Masse für die Zwecke des Gönners nutzbar zu machen. Sie überreden die Juden da für den Deutschen gegen den Polen, dort für den Sozialisten gegen den Bourgeois zu stimmen, je nachdem, w e r am gegebenen Ort und im gegebenen Zeitpunkt der vorteilhaftere Gönner ist. Da die Juden überall in der Minderheit sind und an und für sich keine bestimmende Kraft, sondern nur bisweilen eine ausschlaggebende Rolle spielen können, so sind sie gezwungen, sich an eine äußere Kraft anzulehnen. Und das ist der wahre Sinn der jetzigen jüdischen Politik, und niemand kann ihr einen anderen Sinn geben, der ihr nicht auch ein anderes Ziel zugrunde legt. Ganz anders kann sich deshalb nur die Gegenwartsarbeit derjenigen Juden gestalten, deren Blick nach innen gerichtet ist. Sic erwarten das Heil allein von der jüdischen Selbsthilfe, von der inneren Kraft der Juden, von der Konzentrierung der Eigenen Energie. Das ist der wahre Sinn des nationalen Judentums, somit auch des Zionismus. Die nur vom eigenen Willen bestimmte Betätigung ist der wahre Inhalt der zionistischen Gegenwartsarbeit, die dazu dient, die Juden zu Schmieden des eigenen Schicksals zu erziehen. Halten wir nur daran fest, so haben wir den konkreten Inhalt unseres Gegenwartsprogramms aufgedeckt. Alles was zur Zusammenfassung der ganzen Judenheit, zur Ansammlung von jüdischer Energie und jüdischen Werten und zur Stärkung des jüdischen Einheitsbewußtseins führt — all das gehört in das zionistische Gegenwartsprogramm. All das, at^r nicht mehr. Zerlegen wir diese Formel in ihre Bestandteile, so kommen wir zu folgenden Programmpunkten für nusere Gegenwartsarbeit: Die Schaffung national-kultureller Werte, der erste Punkt unserer Gegenwartsarbeit, muß vor allem die Form der Wiedererneuerung aller Werte annehmen. Wenn wir es dahin bringen, daß wir wieder eine allen Juden zugängliche hebräische Kultur besitzen, dann wird man weniger darüber streiten, ob wir eine Nation sind oder nicht. Dann ist das Zeichen der Einheit des ganzen Judentums gegeben. Aber zuvor müssen wir uns selbst, unsere Trägheit, unsere eigene Assimiliertheit besiegen. Statt mit anderen um den national-jüdischen Willen zu streiten, schaffen wir uns die Tat: diese wirkt überzeugender als alle theoretischen Diskussionen und Predigten. Wenn in jedem zionistischen Hause die hebräische Zeitschrift, das hebräische Buch zur Notwendigkeit geworden sein wird, dann entsteht eine hebräische Literatur, dann erleben wir eine Renaissance, die auch auf die tieferen Geister unter den assimilierten Juden wirken wird. Ich habe schon Wunder auf diesem Gebiete beobachten können. Ich habe gesehen, wie ein Pariser Jude, der bislang französische Komödien schrieb, sich die hebräische Sprache zu eigen gemacht hat, um so in den Geist unserer Kultur einzudringen. Ich habe einen Genfer Juden, der Komponist ist, der jüdischen Volks¬ und synagogalen Melodie sich zuwenden sehen, um davon inspiriert intuitiv die Musik zu unseren herrlichen Psalmen zu komponieren. Verhundertfacht man solche Erscheinungen, so wird die Wiedergeburt der hebräischen Kultur da sein, und das national-jüdische Bewußtsein wird zur offenbaren Tatsache. Was wir vorschlagen, ist nicht einmal etwas Außerordentliches : die Armenier haben dasselbe durchgemacht. Wir meinen ja nicht, daß in der Diaspora die hebräische Sprache zur Umgangssprache werden kann, wohl aber kann sie zur Sprache der jüdischen Kultur werden, wie Sie es bis vor zwei Jahrhunderten tatsächlich war. Uns handelt es sich nicht bloß um die Sprache als Kulturform, sondern vor allem als Mittel, um unsere Kulturinhalte wieder unter uns heimisch zu machen. Damit zusammenhängend entsteht die Frage der nationalen Schule. Statt über die Schule zu streiten, müssen wir sie schaffen. Dabei denken wir an die Volksschule, wo alle Fächer in der Landessprache und die hebräische Kultur in der hebräischen Sprache gelehrt wird. Das ist, meiner Meinung nach, das Maximum dessen, was wir hier in der Diaspora erreichen können. Aber das ist zu erreichen. Und möge der Anfang noch so klein sein: das lebendige Beispiel wird ansteckend wirken. Einen wichtigen Platz in unserer Gegenwartsarbeit muß die Reorganisation der jüdischen Gemeinde einnehmen. Wir wissen ganz gut, daß es keine leichte Arbeit ist. Ich habe mich schon darüber ausgesprochen („Die Welt", No. 32), wie ich mir diese Arbeit vorstelle: vor allem muß die Forderung des Proportionalwahlrechts durchgesetzt werden. Diese Forderung ist keine zionistische, sondern eine den Interessen aller Minoritätsparteien entsprechende. Sie wird mit der Zeit durchdringen, denn nur ihre Verwirklichung kann den Frieden im Gemeindeleben verbürgen. Das Mittel zum Ziele ist auch da vor allem positive Arbeit, die die Allgemeininteressen des Judentums berücksichtigen muß. Die Gemeinde muß außerdem allmählich an die Palästinaarbeit gewöhnt werden, und zwar als eine Form der Betätigung für die allgemeine Wohlfahrt. Später kommt die Zusammenfassung der Gemeinden zu einer einheitlichen Organisation, die auch wirtschaftliche und soziale Gegenwartsprobleme lösen wird (professionelle Ausbildung der Handwerker, Vorschußkassen, Regulierung der Wanderbewegung, Kulturunternehmungen größeren Stiles usw.). Das ist alles, was meines Erachtens zum zionistischen Gegenwartsprogramm gehört, in welchem Lande es auch sei. Ich weiß im voraus, daß meine Meinung eine scharfe Kritik hervorrufen wird. Auf eine Streitfrage will ich gleich hinweisen. Man wird mir den Vorwurf machen, ich schaltete den Kampf für die nationale Gleichberechtigung aus dem zionisti sehen Gegenwartsprogramm aus. Jawohl, weil ich diesen Kampf für aussichtslos halte, solange wir unsere national-kulturelle Autonomie nicht selber geschaffen haben werden. Ich will diese Autonomie nicht auf dem Papiere, sondern in unserem Leben haben. Ich glaube nur an die Autonomie, die wir von innen heraus schaffen werden. Wenn wir die hebräische Kultursprache, die nationale Schule, die feste Gemeindeorganisation und den Gemeindebund besitzen werden, wenn alle diese Institutionen vom gesunden jüdischen Geist erfüllt sein werden, dann haben wir die tatsächliche kulturelle Autonomie. An eine von außen her aufgegangene oder geschenkte Autonomie glaube ich nicht. Bekommt man sie sogar, so bleibt sie eine Form ohne Inhalt. Im besten Falle sitzen so und soviel Juden im Landtag, aber im Leben wird die Assimilation fortschreiten. Ich glaube nur an selbstgeschaffene Werte, an die freiwillige Organisation. Alles andere ist Tageswerk, das mit dem folgenden Tage vergeht. Damit bin ich fertig. Ueber die anderen in Betracht kommenden Fragen habe ich mich in meinem oben.

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