Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1572 D1E1§BELT- -.... . Nr. 46 die Gefahren für die Judengemeinde von Damaskus zu beseitigen. Edward Grey für die Bai kan-Juden Aus London wird uns berichtet: In Beantwortung eines Schreibens, das das London Commitee of Deputies of British Jews an Sir Edward Grey gerichtet hatte und worin die englische Regierung ersucht worden war, ihre Aufmerksamkeit der Sicherung bürgerlicher und religiöser Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung in den Balkanländem zuzuwenden, hat Sir Edward Grey dem genannten Komitee folgendes mitgeteilt: „Die Abschnitte des Berliner Vertrages, auf die Sie hinweisen, sind durch die Verschiebungen im nahen Osten keineswegs hinfällig geworden und bleiben für alle Territorien, auf die sich die betreffenden Abschnitte zur Zeit des Vertragsschlusses bezogen, weiter in Geltung. Die königliche Regierung wird sich jedoch mit den anderen Mächten beraten, in welcher Weise die Garantien des Berliner Vertrages für einen Schutz der religiösen und sonstigen Freiheit der in jenen Gebieten in der Minderzahl vertretenen Bevölkerungselemente erneut werden können, sobald die Frage der formellen Anerkennung der jüngsten Besitzverschiebungen auf der Balkanhalbinsel seitens der Mächte zur Entscheidung gelangt.“ Es ist damit freilich noch nicht gesagt, daß, selbst wenn die Großmächte von den Balkanstaaten neue Zusicherungen in dieser Angelegenheit erlangen, in der Sache selbst etwas Wesentliches erreicht ist. Man kann aber dennoch darauf rechnen, daß eine von den Großmächten gemeinsam abgegebene Erklärung und eine von ihnen ausgeübte Kontrolle über die tatsächliche Durchführung der Bestimmungen des Berliner Vertrags ihre Wirkung nicht verfehlen würde. Die Ausländerfrage an den preußischen Universitäten Eine Unterredung im Kultusministerium. Die Ausländerfrage ist nunmehr an allen deutschen Universitäten zu einem vorläufigen Abschluß gekommen, ln Preußen ist sie in der Weise geregelt, daß für alle Universitäten ein Höchstprozentsatzderzu immatrikulierenden Ausländer festgesetzt ist. Die Prozentsätze sind bisher nicht veröffentlicht worden, doch ist bekannt, daß an einzelnen Universitäten — z. B. Berlin und Königsberg — der Höchstprozentsatz bereits erreicht ist, so daß dort keine Ausländer mehr immatrikuliert werden. Da leider nicht damit zu rechnen ist, daß die preußische Regierung ihren prinzipiellen Standpunkt den ausländischen Studenten gegenüber ändert, so hat man von jüdischer Seite (bekanntlich werden von den neuen Bestimmungen hauptsächlich die russisch-jüdischen Studenten getroffen) versucht, wenigstens in einzelnen Beziehungen eine Milderung der Bestimmungen herbeizuführen. Das Präsidium des Bundes jüdischer Corporationen, dessen Vertreter schon einmal in der Ausländerfrage eine Unterredung mit dem Dezernenten im Kultusministerium gehabt hatte, entsandte seinen Vertreter nunmehr nochmals ins Kultusministerium. Der Vertreter des Bundes Jüdischer Korporationen wies zunächst darauf hin, daß von den Ausländerbestimmungen auch diejenigen betroffen würden, die schon seit Jahren in Deutschland ansässig seien, in Deutschland ihre Vorbildung erhalten hätten und deren Eltern in Deutschland Steuerzahler seien. Der Dezernent, Geheimer Oberregierungsrat T i 1 m a n n , erklärte, daß eine generelle Anweisung zugunsten dieser Ausländer nicht angängig sei, er stelle aber anheim, sich in jedem einzelnen Falle mit einem Gesuch an das Kultusministerium zu wenden, die Gesuche würden einer wohlwollenden Prüfung unterzogen werden. Es ist also denjenigen Ausländern, die in Preußen ansässig sind, zu raten, eine solche Eingabe an das Kultusministerium zu machen, nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch damit die noch nicht geschlossenen Universitäten für die nichtbevorzugten Ausländer reserviert bleiben. In einem Falle hat ein solches Gesuch bereits Erfolg gehabt. Der Vertreter des Bundes Jüdischer Corporationen regte noch an, ob es nicht angängig sei, diejenigen Ausländer, die nicht Medizin studieren, ohne weiteres zur Immatrikulation zuzulassen. Geheimrat Tilmann lehnte das ab mit dem Bemerken, daß nach dem preußischen System die Studierenden einer jeden Fakultät auch bei den andern Fakultäten Vorlesungen hören könnten. Der Vertreter des Bundes Jüdischer Corporationen hatte schon bei einer früheren Unterredung im Kultusministerium die Einrichtung von Parallel- und Ferienkursen für Ausländer in Vorschlag gebracht. Geheimrat Tilmann erklärte jetzt auf Befragen, daß das Ministerium sich entschlossen hätte, diesen Weg nicht zu gehen. Weitere Auskünfte hierüber zu erteilen, lehnte er ab. Antisemische Geheimorder des rumänischen Generalstabes Die rumänische Regierung läßt durch die offiziöse Presse verkünden, der Ministerrat habe beschlossen, sofort Erhebungen wegen der Juden, die am jüngsten Kriege teilgenommen haben, anzustellen und in einer Gesetzesvorlage ihre Naturalisation zu beantragen. In einem erstaunlichen Widerspruche zu dieser halbamtlichen Meldung steht eine Geheimorder des rumänischen Generalstabs an die Regimentskommandeure, deren vollen Wortlaut sich die rumänische Zeitung „Scara“ verschafft hat und unter der Ueberschrift: „Ein Akt der Undankbarkeit. Die Mobilisierung und die Juden“ veröffentlicht. Diese Geheimorder enthält u. a. folgende Anweisungen: „Die Kompagnie-Kommandeure müssen die Gesinnung der nicht-rumänischen, besonders aber der jüdischen Soldaten genau kennen zu lernen suchen. Entsprechend einer früher erteilten Order bleibt es weiter wünschenswert, daß Juden nicht befördert werden. Um jedoch keine Mißstimmung hervorzurufen, müssen Sie Ihre Meinung über die jüdischen Soldaten möglichst geheimhalten; es darf nichts veröffentlicht werden, woraus sie ersehen, daß wir an ihrem guten Willen zweifeln. Wenn Sie es für notwendig halten, Soldaten von nicht-rumänischer Abstammung zu befördern, so sollen die Gründe hierfür in einem vertraulichen Bericht angegeben werden.“ Kleine Nachrichten Am 9. November wurde in Wien der Nestor der österreichischen Rabbiner, Dr. Adolf Schmied 1, ein 93jähriger Greis, unter allgemeiner Beteiligung vom Leopoldstädter Tempel aus zu Grabe getragen. Dr. Schmiedl genoß als Prediger und Gelehrter einen großen Ruf. Seine Hauptwerke sind das Buch „Sansinim“ („Knospen“, erschienen 1§59) und ein umfangreiches Werk „Studien zur jüdisch-arabischen Religionsphilosophie“. Er versah das Amt eines Rabbiners durch mehr als 60 Jahre und galt als hervorragender Hebraist. Der unlängst in Frankfurt a. M. verstorbene bekannte Philanthrop Dr. M. B. Kagan aus Tschemigow hat seine große medizinische Bibliothek testamentarisch für die projektierte jüdische Universität in Jerusalem bestimmt. Seit einigen Monaten besteht in New York ein Stellungsnachweisbureau für Personen, die am Sabbat nicht arbeiten. Der letzte Monatsbericht des Bureaus, das von einer Reihe jüdischer Vereine, denen zum größten Teil junge Leute angehören, eingerichtet worden ist, gibt an, daß in der kurzen Zeit seines Bestehens bereits 126 gesetzestreue Juden durch dieses Institut Anstellungen erhalten haben, und zwar vom Laufjungen bis zum ersten Buchhalter. Eine neue Vorschrift in Odessa bestimmt, daß künftig jüdische Schüler am Turnunterricht in den Schulen nicht mehr teilnehmen dürfen.