Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 46 1571 Irgendwann in dunkler Not Trug die Wut der rohen Massen Eine Mär durch alle Gassen, Und man schlug die Juden tot, Rächte es, daß sie der Welt Das Gesetz geschaffen haben, Und daß sie den Gott ihr gaben, Der das Licht der Erde hält. ■ DIBBELT Die Mär.... Adolph Donath *) Und nun wandert Jahr für Jahr Dieses Schauermärchen weiter. Wie ein wildgehetzter Reiter Jagt es durch die Völkerschar, Sorglos, ob die Unschuld klagt, Ob die Frommen Ejide schwören Und die Weisen sich empören. Sorglos immer weiter jagt Bis einst das geweihte Licht Schmerzensreicher Judenwahrheit In kristallen-reiner Klarheit Durch die Nacht des Hasses bricht. Die Legende und entweiht, Was Kultur und Freiheit schufen, Denn die Finsterlinge rufen Auf zum alten Rassenstreit. Und so geht es seinen Gang Tausend Jahre, bis Geschlechter Neu erstehn und ein gerechter Wille die Barbaren zwang, O II □□□□□□ WELTCHRONIK □ □□□□□ II o Der fünfte deutsche Judentag Die Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden hat am Sonntag, den 9. November in Hamburg stattgefunden. Am Vorabend wurde eine Vorversammlung abgehalten, in der Herr Justizrat Dr. Bodenheimer, der Präsident des Jüdischen Nationalfonds, eine Protesterklärung gegen den Kiewer Ritualmord-Prozeß anregte, womit sich der Ausschuß einverstanden erklärte. Der Vorsitzende des Judentags, Herr Justizrat Dr. Horwitz (Vorsitzender des Verbandes und zugleich des „Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“) wies zu Beginn der Verhandlungen darauf hin, daß noch heute in einem Staate, der doch zum Teil in Europa liege, ein Prozeß geführt werden kann zu dem ausgesprochenen Zweck der Feststellung, daß es einen Ritualmord gibt. Wir müssen es ablehnen, sagte Herr Justizrat Horwitz, etwa einen Protest in die Welt zu senden; das hat unsere Religion nicht nötig. Nach der Ansprache des Vorsitzenden wurde die Versammlung im Namen des Hamburgischen Senates von Herrn Senator Dr. v. Melle, und im Aufträge der Hamburger Deutsch-Israelitischen Gemeinde von Rechtsanwalt Dr. Cohen begrüßt. Nach Erstattung des Rechenschaftsberichts hielt Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt, Königsberg, einen Vortrag über „Die soziale Fürsorge in der jüdischen Religion,“ Herr Dr. Haas, Karlsruhe, einen solchen über „Die Juden im öffentlichen Leben Deutschlands“. Seine energischen Ausführungen über die Unmoral der Judenfeindschaft fanden lebhaften Beifall. Endlich wurden einstimmig folgende Thesen angenommen: Wir erstreben: Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Religion und dadurch die gerechte Würdigung ihrer grundlegenden Lehren. Wir bekämpfen: alle Darstellungen vom Judentum, durch die der Anschein erweckt wird, als entsprächen seine Lehren nicht den höchsten Forderungen der Sittlichkeit. Wir erstreben: uneingeschränkte Durchführung der Verfassungs- und Gesetzesbestimmungen über die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf ihre Religion. Wir bekämpfen: jeden Versuch, durch Vorwände die Verletzung jener Bestimmungen zu beschönigen. Wir bekämpfen amtliche Befragungen und Aufzeichnungen über die Religion der Staatsangehörigen, auch der Heeresangehörigen und Beamten, soweit nicht Rechte oder Pflichten gesetzlich von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft abhängen. Wir erstreben: gleichmäßige Zuweisung von Staatsmitteln zu kirchlichen Zwecken an alle Religionsgemeinschaften, solange der Staat an einzelne von ihnen Zuschüsse leistet. Wir bekämpfen: Heranziehung von Vermögen der Juden zugunsten der christlichen Kirchen durch Beitragsleistung aus den auch von Juden aufgebrachten Staatssteuern allein für christliche Kultuszwecke. Wir erstreben: tatkräftige Stellungnahme der deutschen Behörden gegen die Zurücksetzung deutscher Juden bei Reisen nach Rußland und grundsätzliche Ablehnung jeder Mitwirkung an Religionsunterscheidungen bei Paßerteilung. Wir bekämpfen: alle Maßnahmen, durch welche bei Ausweisung und Einbürgerung Juden anders behandelt werden als Christen. Die Teilnehmer am Judentage wurden in Hamburg mit außerordentlicher Gastfreundschaft aufgenommen, ihnen zu Ehren wurde eine Festvorstellung im Deutschen Schauspielhaus, einige Vorträge und eine ganze Reihe von Festmählern veranstaltet. Hilmi Pascha über die Blutlüge Der ottomanische Botschafter am Wiener Hofe, Hilmi Pascha, teilte einem Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse“ in bezug auf das Ritualmordmärchen unter anderem mit, daß er aus eigener Erfahrung wisse, welches Unheil mit solchen Legenden angerichtet werde und wie grundlos solche Beschuldigungen zu sein pflegen. Während seiner Amtswirksamkeit in Damaskus habe das Verschwinden eines griechisch-katholischen Knaben Anlaß zur Verbreitung der Blutlüge gegeben. Trotzdem bald nachgewiesen wurde, daß das Kind in einem Brunnen ertrunken war, glaubte man sogar im konsularischen Korps daran, die Juden hätten den Knaben zu rituellen Zwecken gemordet. Hilmi Pascha erwirkte sofort ein Edikt des Sultans Sei im III., in welchem der Sultan seine Untertanen warnte, „sich durch solche oder ähnliche wahnsinnige Legenden beirren zu lassen, und in welchem er konstatierte, daß ein gelehrtes, zu diesem Zwecke eingesetztes Komitee weder in der Bibel noch im Talmud etwas gefunden habe, was solche oder ähnliche Beschuldigungen rechtfertige.“ Hilmi Pascha, der, wie man sieht, eine andere Auffassung von den Pflichten gegenüber den jüdischen Untertanen an den Tag legte, als die russische Regierung, gelang es auch binnen kurzer Frist, die grundlose Anklage zu zerstören und *) Adolph Do n a t h , der Dichter der „J u d e n 1 i e d e r“, die in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre eine neue Epoche der jungjüdischen Dichtung in deutscher Sprache einleiteten, ist durdi den Kiewer Prozeß zu dem vorstehenden Gedicht angeregt worden, das er uns freundlichst zur Verfügung stellt.