Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 46 1565 DIESqKLT Geschworenen haken Liren Urteilsspruch über Balis abzugeben — die Lösung „universeller Probleme“ gehört nicht in ihre Kompetenz.“ Nach einer mehrstündigen Beratung beschließt das Gericht, die in den Untersuchungsakten angegebenen Stellen aus dem Buche des N e o p h y t, sowie das Dokument über den Chassidismus zur Verlesung zu bringen. Die Verkündigung des Saratower Protokolls wird zurückgewiesen. Die Anklagepartei ist wütend — werden doch die Geschworenen „das klare Bild“ nicht erschauen, von dem der Staatsanwalt mit solchem Entzücken sprach, als er um die Verkündigung des Saratower Protokolls ersuchte. In herausfordernden, fast drohenden Worten verlangt Zivilkläger Samyslowski die Verlesung der Saratower Resolution. Sonst böte sich ihm eben keine Möglichkeit dar, den religiösen Fanatismus zu demonstrieren. Es sei unerhört, daß ein Verdikt des Zaren (Nikolaus I.) im russischen Gericht nicht verkündet werden dürfte. Sollte der Antrag auch diesmal abgelehnt werden, so würde die Anklagepartei genötigt sein, den Prozeß aufzugeben. „Dann hätte man das welthistorische Problem nicht aufwerfen dürfen,“ fügt Schmakow Vert. Grusenberg: „Wenn man welthistorische Probleme stellt, so ifiuß man darauf bedacht sein, sie würdig zu vertreten.“ Es folgt nun die Lektüre aus dem Buche des Neophyt. Blöde Fabeleien über Juden und Judentum, die den düstersten Melancholiker zum Lachen bringen können. Der Staatsanwalt macht aber eine ernste Miene und erklärt den Geschworenen, dieser Mann Neophyt sei Jude gewesen, habe sich dann taufen lassen — und „all das habe ihm sein Vater erzählt“. Zivilkläger Durassewitsch, selbst jüdischer Herkunft, macht die Geschworenen auf einige Angaben des Neophyt besonders aufmerksam. Da greift nun Vert. Maklakow einige Zitate aus dem Buche heraus und trägt sie ohne Kommentar den Geschworenen „Alle europäischen Juden haben Geschwüre auf dem Gesäß, alle asiatischen Juden haben Schorfe auf dem Kopfe, alle afrikanischen Juden haben Beulen auf den Füßen, alle amerikanischen Juden leiden an Trachom und sind infolgedessen häßlich und dumm.“ Ein Zitat; dann ferner: „Zu vier Zeitpunkten, und zwar im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter, die sich voneinander in Abständen von 91 Tagen und 6 Stunden befinden, zu Beginn derselben, d. h. im Momente, da der Winter endet und der Frühling beginnt und da der Frühling endet und der Sommer beginnt und da der Sommer endet und der Herbst beginnt, — zu diesen Zeitpunkten erscheint von oben aus der Luft her merkwürdiges Blut auf den jüdischen Speisen, die nicht im Feuer waren, wie z. B. Milch, Butter, Obst usw., und dieses Blut nennt man Tekifa. Ißt ein Jude von dieser Speise, so stirbt er sofort, gibt man sie einem Christen, so stirbt er nicht.“ — Und noch ein Geheimnis: „Am Abend des Festes Purim gibt es keinen einzigen Juden in der ganzen Welt, der bei gesundem Verstände wäre. Sie sind alle außer Vernunft.“ — Die sinnlosen Märchen rufen große Heiterkeit hervor. Das Dokument über den Chassidismus wird bei teilweisem Ausschluß der Oeffentlichkeit verlesen. Die Verteidigung macht darauf aufmerksam, daß in diesem Dokument, das alle möglichen Beschuldigungen gegen den Chassidismus enthält, nicht eine Silbe über einen angeblichen Blutgebrauch vorkomme. Das Gericht zieht sich zu einer Beratung zurück. Der Antrag der Ankläger bezüglich Verlesung der Saratower Resolution wird abgelehnt. (Bewegung im Saale.) Für die rituelle oder theologische Expertise schlägt das Gericht folgende Fragen vor: Die 29 Fragen der „Ritualexpertise“ 1. Welche Bedeutung hatte das Opferblut im jüdischen Tempel? 2. Finden sich in der Bibel Hinweise auf Darbringung von Menschenopfern bei den Juden? 3. Was ist bei den Juden an Stelle des Opferns jüdischer Erstgeborenen getreten, und dehnt sich der betreffende Ersatz auch auf die Erstgeborenen der Sklaven eines fremden Stammes aus? 4. Finden sich in der Bibel Hinweise darauf, daß die Juden sowohl die Tötung mancher Menschen als auch die Ausschlachtung fremder Stammesangehörigen als einen Gott genehmen Akt betrachteten? 5. Was ist eigentlich Talmud, Schulchan-Aruch, Kabbala und welche Bedeutung wird diesen im modernen Judentum beigemessen? Enthalten sie Hinweise darauf, daß die Juden christliches Blut gebrauchen? 6. Wie deutet der Talmud das Blut verbot des Pentateuch? 7. Auf welche Weise soll laut dem Talmud das Blut aus dem Körper nötigenfalls genommen werden? 8. Wie verhält sich der Talmud zu fremden Stammesangehörigen und enthält er etwa direkte Hinweise darauf, daß die Tötung eines fremden Stammesangehörigen gestattet ist und als ein Gott genehmer Akt angesehen wird? 9. Wann tauchte zuerst die Kabbala auf, wann erfolgte ihre volle Entwicklung und welche Stellung nimmt sie zur Bibel und zum Talmud ein? 10. Welche Methoden wendet die Kabbala zur Deutung der Bibel an? 11. Hat die Kabbala neue Riten in das jüdische Milieu eingeführt, und ist sie nicht eine Quelle wilden Aberglaubens gewesen? 12. Wodurch wird in der Kabbala das Tieropfer ersetzt, das mit der Zerstörung des Tempels aufgehört hat? 13. Enthalten Talmud und Kabbala Hinweise auf die Aehnlichkeit der Begriffe „Sair“ (Ziegenbock) und „Seir“ (Römer, im weitgehenden Sinne des Wortes — Arier)? 14. 'Welche Bedeutung hatte die Zahl 13 im Talmud und in der Kabbala? 15. Aus welcher Stelle des Körpers kommt in erster Reihe laut Talmud und Kabbala die Seele zusammen mit dem Blute heraus? 16. Finden sich Hinweise darauf in der Kabbala und in der jüdischen Geschichte, daß auch Juden, die im Mittelalter wegen religiösen Fanatismus hingerichtet worden sind, als Gott genehme Opfer bezeichnet werden? 17. Wann tauchte unter den Juden die Lehre des Neo- Chassidismus auf und in welchem Verhältnis steht dieser zur Lehre der Kabbala? 18. Wo in erster Reihe verbreitete sich unter den Juden die Lehre des Neo-Chassidismus und welcher der Jünger des chassidistischen Meisters gilt als Begründer der neuen chassidistischen Sekte, die sich mit dem Talmud sowohl, wie mit der Kabbala befaßt? 19. Welche Enthüllungen machten die Frankisten im Disput zu Lemberg (1759) in bezug auf Menschenopfer bei den Juden? 20. Kamen im Mittelalter und in der Neuzeit Fälle vor, in denen Juden wegen Ritualmordbeschuldigung verurteilt worden sind, und zwar so, daß die Juden durch eigenes Geständnis sowie durch die auf ihren Hinweis hin erfolgte Auffindung der Gebeine ihrer gequälten Opfer entlarvt worden waren? 21. Wie verhält sich das Judentum zum Gebrauch von Blut in der Nahrung? 22. Enthält der Talmud unsittliche Vorschriften überhaupt? 23. Finden sich im Talmud irgendwelche Vorschriften über Christen, und im positiven Falle — wie lauten sie? 24. Was versteht der Talmud unter „sieben Gebote des Noah“; und wie verhält er sich zu denjenigen, welche diese befolgen? 25. Ist in der jüdischen Religionslehre, in der alten sowohl, wie in der späteren (Sohar u. a.) eine Vorschrift vorhanden, Christen zu rituellem Zwecke zu töten? 26. Welche Bedeutung hat die Bibel im geistigen und sittlichen Leben des jüdischen Volkes? 27. Gibt das Alte Testament Anlaß, die Juden des Gebrauchs von Menschenblut zu beschuldigen? 28. In welchem Verhältnis steht der Talmud zur Bibel und bietet er irgendwelchen Grund, die Juden des Gebrauchs von Christenblut zu beschuldigen? 29. Sind Gründe vorhanden, und welche sind es, anzunehmen, daß Justschinskis Ermordung aus Motiven des religiösen Fanatismus verübt worden ist, eines Fanatismus, der von den Lehren der jüdischen Religion oder deren Sekten herrührt, und im letzteren Falle — von welchen derselben? Entgegen dem Gesetz und dem bisherigen Brauch dieses Gerichtshofes wird den rituellen Sachverständigen vorge-