Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 46 DIE3§KELT tigen Generationen aufgespeichert. Und da dieses Aufblühen sidh jetzt bemerkbar macht, fühlt es jeder Freund des Hebräischen als besonders empfindlichen Schmerz, wenn man von jüdischer Seite seinen Hoffnungen die Flügel kürzen will. Man kommt immer mit praktischen Gründen und Berechnungen, man vergißt aber, daß es für ein Volk das Unpraktischste ist, keine eigene Sprache zu haben. Man kann den Verlust nicht ziffernmäßig berechnen, er ist aber der größte, wenn wir vom geistigen Volksvermögen und von dem geistigen Volksleben sprechen. Es wäre doch verbrecherisch naiv, die intensive Arbeit der letzten Jahrzehnte bei der Gründung neuer Schulen leichtsinnig zunichte machen zu wollen, auf unsere größten Errungenschaften Verzicht leisten zu wollen, ohne dazu von den eigentlichen Schöpfern und Pflegern des Hebräischen die Vollmacht zu haben. Was wir nochmals betonen und hervorheben, ist, daß unsere Vorschläge auch praktisch durchaus leicht zu verwirklichen sind. Wenn aber doch jemand an der Durchführbarkeit des hebräischen Unterrichtes in Palästina noch Zweifel hegt, so möge man doch wissenschaftliche Kommissionen einsetzen. und die Angelegenheit eingehend studieren. Die Unbefugten haben aber nicht das moralische Recht, der hebräischen Sprache die in ihr ruhenden Möglichkeiten ohne jede Begründung abzusprechen. Es sei denn, daß sie die Wahrheit erkennen, aber vor ihr erschrecken. Deswegen bestanden wir darauf, daß für die Mittelschule das Hebräische als Unterrichtssprache auch für die wissenschaftlichen Fächer eingeführt werde. Dabei betonten wir aber ausdrücklich, daß wir der deutschen Sprache, die wir als das Bindemittel zwischen dem elementaren Unterricht und der weiteren technischen Ausbildung der Zöglinge voll anerkennen, soviel Stunden einräumen wollten, als zur allseitigen und vollkommenen Erlernung in Wort und Schrift nötig sei. Wir gingen noch weiter; nicht etwa, um den Gegnern Konzessionen zu machen, sondern in Anerkennung der inneren Notwendigkeit für die erste Zeit schlugen wir vor, daß in den oberen Klassen der Realschule Wiederholungskurse für die wissenschaftlichen Fächer in deutscher Sprache eingerichtet werden sollten, damit sich die Schüler die mathematische und wissenschaftliche Terminologie in beiden Sprachen aneignen. Ich möchte noch etwas eingehender bei den drei Fächern Mathematik, Physik und Ghemic verweilen, um die sich der ganze Kampf hauptsächlich dreht. Ich habe mich für diese Fächer besonders interessiert und den Unterricht in »hnen an den hebräischen Gymnasien eifrig verfolgt. Nach den Angaben des Direktors des Technikums würde der Kurs in diesen Fächern am Technikum fast nicht höher sein, als in den genannten Schulen. Dann ist es mir aber unbegreiflich, warum man die diesbezüglich gestellten Anträge mit solcher Hartnäckigkeit zu verwerfen suchte. Die Lehrer dieser Fächer an den Gymnasien haben dieselben Schulen durchgemacht und besitzen die gleiche Bildung, wie die Lehrer am Technikum. Warum soll man diesen nicht Zutrauen, daß sie ebenso gut imstande sein werden, ihre Fächer mit Erfolg vorzutragen. Es ist wahr, es entsteht dabei in der ersten Zeit eine Zweisprachigkeit am Technikum. Aber geben denn die Gegner nicht selbst zu, daß sie deutsch und hebräisch als gleichberechtigt einführen wollen? Wo bleibt dann der Widerspruch und woher die Entrüstung? Wir sind nicht die ersten und nicht die einzigen, die diesen Weg der Zweisprachigkeit wandeln. Alle Völker waren dazu gezwungen, die ihre Volkssprache wieder beleben und eine eigene Kultur schaffen wollten, nachdem sie eine Verfallzeit durchgemacht hatten, und überall mit Erfolg. Was ist denn eigentlich der Kern der jetzt angenommenen Resolutionen? Was mich an ihnen empört, ist nicht die Betonung der anderen Sprachen — denn wir sind absolut keine Gegner der europäischen Kultur, und es war auch unser Wunsch, daß die fremden Sprachen möglichst gründlich gepflegt werden — sondern die Verbeugungen, die man vor dem 1561 Hebräischen macht, um es aus der Mittelschule zu drei Vierteln und aus dem Technikum gänzlich hinauszukomplimentieren. Diese äußere Höflichkeit bei einer solchen Zurücksetzung und Degradierung — denn nicht einmal für Geschichte und Geographie wollte man die hebräische Unterrichtssprache festsetzen und überließ ihre Einführung dem Gutdünken des Kuratoriums — wirkte einfach beleidigend für die Idee der kulturellen Renaissance. Wenn wir aber diese Idee beseitigen, so entseelen wir alle unsere Unternehmungen in Palästina und verurteilen sie zu einem kümmerlichen Hinfristen. Ich bin fest überzeugt, daß das Kuratorium durch die Kraft der Ereignisse sich veranlaßt sehen wird, die gefaßten Beschlüsse umzustoßen und neue zu fassen, entsprechend den unverfälschten Bedürfnissen und Wünschen der palästinensischen Judenheit. Bis vor dreißig Jahren, als Palästina noch keinen jüdischen Bauern, keinen modernen Lehrer, keine moderne Schule und kein modernes Stadtviertel hatte, lebte es auf Kosten der Chalukah. Die palästinensische Judenheit war kein Subjekt, sondern ein bloßes Objekt der jüdischen Wohltätigkeit. Sie ließ sich kümmerlich bezahlen und bevormunden. Wie anders ist es seither geworden! Das neue, das gesunde, das heranwachsende Geschlecht hat längst mit diesem System der Bevormundung gebrochen und nur manche jüdische Organisationen, die halb philanthropisch sind und halb doch politischen Ehrgeiz haben, wollen diesen Umschwung nicht einsehen, geschweige denn, ihn nach seinem inneren Werte einschätzen. Deshalb können sie sich auch nicht zu einem ganzen System entschließen und erzeugen bei der besten Absicht nur ein Zwitter System. Ich bin aber überzeugt, daß auch die anderen jüdischen Organisationen, die in Palästina zu arbeiten berufen sind, mit der Zeit eine Entwicklung werden durchmachen müssen; denn es gibt keinen Widerstand gegen historische Notwendigkeiten. Noch zwei Punkte will ich berühren. Es wird die kühne Behauptung aufgestellt, daß, sollten die künftigen Techniker ihre wissenschaftliche oder auch nur ihre mathematische Ausbildung zum Teil auch in der hebräischen Sprache genossen haben, sie alsdann auf Anstellungen ausschließlich bei Juden zu rechnen hätten. Eine ganz willkürliche und unbegründete Behauptung, die beinahe ans Lächerliche grenzt. Tausende von Technikern, die ihre Schule in Deutschland oder Frankreich durchgemacht haben, bekommen Anstellungen in ganz Rußland, wo kein Wort deutsch oder französisch im Betriebe zugelassen wird. Und nicht nur in Rußland. Auch bei der Bagdadbahn und bei den anderen Unternehmungen im Orient, wo die französische Sprache als Verkehrs- und Betriebssprache die alleinherrsdhende ist, sind Hunderte von Technikern angestellt, die keine französische Fachschule durchgemacht haben. Was den Verkehr mit den Arbeitern im Orient anbetrifft, verstünde ich noch solche Einwendungen, hätte man fürs Arabische oder Türkische plädiert. Wenn man aber aus „praktischen Gründen“ gerade die hebräische Sprache als unverwendbar bezeichnet und sie nicht durch arabisch oder türkisch, sondern durch eine andere Sprache ersetzt, so ist es klar, daß die sogenannten praktischen Gründe nur als Vorwand dienen. Der zweite Punkt: Die vorläufigen Sieger im Kuratorium bemühen sich redlich, dem ganzen Streit einen eigentümlichen Charakter zu verleihen. Sie verbreiten die Meinung, als ob der Konflikt darin bestehe, daß die Zionisten gegen den Willen des übrigen Kuratoriums dem Technikum einen zionistischen Stempel hätten aufdrücken wollen. Das muß aufs entschiedenste bestritten werden. Vom zionistischen Standpunkt gibt es nur einen Weg und das ist der Weg der vollständigen Hebraisierung der Schulen in Palästina. Die Vertreter der Minorität aber waren — wie bereits oben auseinandergesetzt wurde — von solchen absoluten Forderungen sehr entfernt. Im Technikum sind programmäßig 45 Unterrichtsstunden wöchentlich in jeder Klasse für jedes Semester vorgesehen. Zunächst verlangte die Minorität ungefähr <j