Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1560 Nr. 46 DIE3§KELT die Sprache der Bibel ein gemeinsames, einigendes Band ist. Wenn dieses Ideal verwirklicht wird — und ich hoffe hierauf zuversichtlich —, liegt mein Ideal dann so weit ab von dem Ideal jener, die unsem Unterrichtsplan in Haifa glauben bekämpfen zu sollen? Ich glaube nicht. Und da wir Juden außerhalb unserer Reihen gerade Gegner genug haben, und da die Schwierigkeiten für das Judentum in der Zukunft wahrlich noch groß genug sein werden, so sollten wir uns vor weiterer innerer Zerklüftung hüten. Das gebietet uns allen die Liebe zum Judentum. Und ich hege nach wie vor die Hoffnung, daß das groß angelegte Unternehmen in Haifa, das nur durch ein gütiges Zusammenarbeiten von russischen, amerikanischen, deutschen Glaubensgenossen ins Leben treten konnte, schließlich auch allseitiges Vertrauen finden wird. Dieses Vertrauen wird das sicherste Fundament sein, um eine Generation von jungen Leuten heranzubilden, die als Techniker befähigt sind, die wirtschaftliche Entwicklung des Orients zu neuer Blüte zu bringen, die dem ottomanischen Reiche und dem Judentum zugleich zum Segen gereichen sollen." Soweit Herr Dr. Nathan. Dr. Levins Antwort Die gleiche Frage: „Warum bestehen Sie für die Institute auf dem Hebräischen als ausschließlicher Unterrichtssprache?" stellte ich auch dem Führer der Opposition, Herrn Dr. Schmarja Lev in. Er antwortete mir folgendes: „Schon aus der Formulierung Ihrer Frage sehe ich, daß Sie falsch unterrichtet sind. Sie ist Ihnen von den Gegnern des Hebräischen suggeriert, die durch einen geschickten Schachzug unsere Forderungen absichtlich radikaler darstellen, als es der Wahrheit entspricht, um sie leichter widerlegen zu können. Wir stellten in Wahrheit zwei Anträge, getrennt und verschieden, dem Charakter der beiden zu errichtenden Schulen entsprechend. Es handelt sich zuerst um eine vorbereitende neunklassige Mittelschule (sieben Klassen mit zwei anschließenden Realschulklassen) und um ein technisches Institut. Für das eigentliche technische Institut beantragten wir, da wir auf diesem Gebiete noch keine Erfahrung haben, und da wir es auch nicht den Zufälligkeiten des Experimentes aussetzen wollten: die deutsche Sprache wird als Unterrichtssprache eingeführt. E i n Fach oder einige obligatorische und allgemein wissenschaftliche Fächer aber werden in hebräischer Sprache unterrichtet. Sie sehen also, wie sehr Sie irregeführt worden sind, und wie gänzlich unbegründet die Behauptung ist, daß wir uns um den Anschluß an die europäische Kultur gar nicht kümmerten. An der Mittelschule stehen die Sachen ganz anders. Gerade weil wir nicht auf Vereins- oder Parteipolitik angewiesen sind, weil wir Palästina als ein lebendiges Ganzes überblicken, sind wir vorurteilsfreier und ziehen ohne Angst die Konsequenzen aus dem, was in dem letzten Jahrzehnte im Lande geschaffen wurde und sich behauptete. Die beiden hebräischen Gymnasien mit einem Lehrplan, der den der Mittelschule, der uns Vorgelegen hat, in vielen Beziehungen übertrifft, und das Lehrerinnenseminar in Jaffa haben für jeden objektiv Urteilenden den schlagenden Beweis geliefert, daß die hebräische Sprache in ihrem gegenwärtigen Entwicklungszustande, obgleich die Lehrbücher erst im Werden sind und nur allmählich erscheinen, doch schon vollkommen geeignet ist, als Unterrichtssprache für die Mittelschulbildung zu dienen. Wer das Schulwesen in Palästina nicht bloß vom grünen Tische aus oder nur von kurzen Reisen her oberflächlich und flüchtig kennen gelernt hat, weiß, daß der Unterricht in den palästinensischen Schulen auch in den europäischen Sprachen große Schwierigkeiten bereitet. Ein europäisches Lehrbuch der Arithmetik, der Geographie, der Geschichte, der Botanik, ein Lesebuch mit Naturbeschreibungen, das sich für eine preußische Provinz oder für ein russisches Gouvernement eignet, kann vom palästinensischen Kinde als Lehrstoff nicht immer leicht verarbeitet werden. Die unmittelbare Umgebung ist eine so ganz andere, die Natur, das Münz- und Gewichtswesen, kurz alle Verhältnisse, die, scheinbar unwichtig, doch die ganze Grundlage des Unterrichts und damit der europäischen Lehrbücher bilden, sind völlig verändert. Die Fachleute klagen auch immer darüber und verlangen auch für den Unterricht in den europäischen Sprachen neue eigene Lehrbücher für Palästina, die bisher meines Wissens noch von niemandem geschaffen worden sind. Nicht nur in den genannten hebräischen Gymnasien, sondern auch im Lehrerseminar des Hilfsvereines der deutschen Juden in Jerusalem, wurden bereits vor sechs Jahren auch die meisten allgemein-wissenschaftlichen Fächer in hebräischer Sprache unterrichtet. Ich wohnte mehrmals dem hebräischen Unterrichte in Mathematik und Phys i k bei; und wenn nur der Lehrer gut vorbereitet war, bereitete ihm der Unterricht keine Schwierigkeiten. Dagegen habe ich in der letzten Zeit denselben Unterricht in denselben Fächern und an denselben Schulen in deutscher Sprache näher betrachtet und den Eindruck gewonnen, daß es Zaar baalej chajim sei — Tierquälerei. Der Schüler kann ja nicht zwei Muttersprachen haben; und neue Begriffe eignet er sich am leichtesten gerade in seiner Muttersprache an. Da aber die deutsche oder die französische oder sonst eine fremde Sprache dem palästinensischen Schüler n i e zur Muttersprache werden kann, weil das jüdische Haus und die jüdische Umgebung weder deutsch noch französisch noch englisch sind, so ergeben sich daraus die großen Schwierigkeiten des neuen Unterrichtssystems in manchen Schulen, die die umgekehrte Entwicklung vom hebräischen zum fremdsprachigen Unterricht ungestraft durchmachen zu können glauben. Wir müssen verstehen, daß das Wiederaufleben der hebräischen Sprache doch nicht von außen gemacht werden kann; sämtliche Lehrstühle für hebräische Sprache und Literatur an allen europäischen Universitäten und orientalischen Seminaren dienen nur retrospektiver Beleuchtung der Vergangenheit, sie haben gar keine Bedeutung für die Perspektiven der Zukunft. Eine Sprache kann nur mit einem Volksleben erwachen und sich im Einklänge mit ihm weiter entwickeln. Es ist unpädagogisch und unwissenschaftlich, die Sprache anders betrachten zu wollen, denn als etwas Organisches, dem Leben Entspringendes, Lebendiges. Die Diaspora hätte das unerhörte und ungeahnte Aufblühen der hebräischen Sprache als Umgangs- und Muttersprache nie erzeugen können, und wenn sie die Zahl der Millionen, die sie für die künstliche Erhaltung des Hebräischen verwendet, vervielfacht hätte. Nur mit der Entstehung des jüdischen Bauern, des jüdischen Ackers, des jüdischen Weinberges, des Pardes, des jüdischen Arbeiters und einer jungen Generation, die nicht nur in der Vergangenheit hebräisch denkt, sondern in der Gegenwart hebräisch fühlt und auflebt, ist dieser Aufschwung möglich geworden. Wir treiben doch keine kleinliche, engherzige Politik. Wir sind auch Realpolitiker und ehren die Regel: Leben und leben lassen. Wir wollen nicht etwas in seiner Entwicklung verhindern; wir wollen nur, daß man uns, unser Ich, nicht erdrücke und in der Entwicklung störe. Man spricht von einzelnen Lehrfächern: nicht darauf kommt es an. Wir wollen keine Herabsetzung, keine Herabwürdigung. Wer die nachbiblische hebräische Literatur mit ihren verschiedenen Entwicklungsstufen kennt, muß zugeben, daß die jüdische Intelligenz immer und überall bis zu der letzten Epoche der Auflösung bemüht war, die Fahne des Hebraismus hochzuhalten. Auf dem Gebiete der Dichtung und der verschiedenen Wissenschaften, sogar auch auf dem der Mathematik und der Philosophie, hat sie Großartiges geleistet. Sie hat die Möglichkeiten eines künftigen Auflebens und Aufblühens emsig vorbereitet, hat einen unschätzbaren Reichtum für die künf-