Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316618--58188-3376705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 2× ep/1047930
OCR text
Nr. 46 1559 daß er sich der Entwicklung und Ausbreitung der hebräischen Sprache feindlich oder auch nur gleichgültig gegenüberstellt. Ganz im Gegenteil ist mir denn auch vielfach vorgeworfen worden, ich hätte die hebräische Sprache zu sehr in den Vordergrund bei den Lehrplänen der Hilfsvereinsschulen gerückt. Die Berechtigung dieses Vorwurfs erkenne ich auch heute nicht an; ich glaube, meine Auffassung entspricht den Bedürfnissen unserer orientalischen Glaubensgenossen. Freilich, darüber bin ich mir auch klar: Ist die Kenntnis einer europäischen Sprache für einen jüdischen Bauern Palästinas oder Syriens oder Anatoliens nicht von Nutzen, so muß doch ein jüdischer Städtebewohner im Orient, soll er die Möglichkeit haben, sich von der tiefsten sozialen Stufe emporzuarbeiten, eine europäische Sprache mindestens beherrschen, und es ist wohl klar, daß ich als deutscher Jude bei der Ausbreitung des deutschen Handels und des deutschen Einflusses im Orient in den städtischen Schulen des Hilfsvereins für das Deutsche als europäische Sprache eintrete. Diese Motive, die ich Ihnen eben auseinandergesetzt habe, sind es, die die Schulpolitik des Hilfsvereins bestimmt haben, und sie sollten nach meiner Ansicht auch maßgebend sein für die Schulpolitik in Haifa. Es sind, um es noch einmal hervorzuheben, Erwägungen religiöser Natur, Erwägungen pädagogischer Natur, Erwägungen wirtschaftlicher Natur, die allein das Programm bestimmt haben. Dabei habe ich niemals aus dem Auge verloren, daß das Institut in Haifa durch das Zusammenwirken russischer, amerikanischer, deutscher Glaubensgenossen entstand, und wenn in Haifa als moderne Kultursprache deutsch gelehrt wird, so hat das nur seinen Grund darin, daß das Zentrum der Verwaltung in Berlin liegt: würde man das Zentrum nach London oder New York verlegen, so würde man natürlich auch englisch an die Stelle des Deutschen setzen können. Aber es dürfte doch begreiflich sein, daß es ebenso unzweckmäßig wie undurchführbar sein würde, wenn man von mir verlangen wollte, daß ich von Berlin aus ein Institut überwachen soll, bei dem etwa Englisch oder Französisch die Hauptfremdsprache wäre. Und nun lassen Sie mich noch ein Wort darüber sagen, warum es mir unmöglich erscheint, das Hebräische zur alleinigen Unterrichtssprache an der Mittelschule, an der Realschule oder gar am Technikum in Haifa zu machen. Es sind wiederum praktische Erwägungen, die hierfür maßgebend sind, und nicht eine Abneigung gegen das Hebräische, die man mir in Rücksicht auf das, was ich bisher für das Hebräische zu tun versucht habe, schwerlich wird vorwerfen können. Die Institute in Haifa stellen eine Einheit dar mit dem Endziele, tüchtige Techniker, tüchtige Ingenieure heranzubilden. Dieses Endziel kann nach meiner Ueberzeugung in glücklicher Weise nur erreicht werden, wenn wenigstens in den mathematisch-technisch-naturwissenschaftlichen Fächern die Vorbildung der jungen Leute eine durchaus einheitliche ist. Nun geben die Verfechter der hebräischen Unterrichtssprache selbst zu, daß es noch nicht möglich sein würde, alle Disziplinen in hebräischer Sprache zu unterrichten. So würde denn ein Bruch bei der Heranbildung der jungen Leute eintreten. In gewissen Fächern würden die jungen Leute zunächst Hebräisch und alsdann Deutsch unterrichtet werden. Jeder Pädagoge weiß, daß der Wechsel der Unterrichtssprache von den nachteiligsten Folgen für die Schüler ist. Dazu kommt weiteres. Es fehlen zurzeit noch moderne hebräische Unterrichtsbücher trotz aller Anstrengungen, die bisher in dieser Richtung gemacht worden sind. Es fehlen in genügender Anzahl die Lehrer, die technischmathematische Wissenschaften zu unterrichten imstande wären. Eine ganze Reihe von Faktoren kämen also zusammen, um den jungen Leuten, die die Institute in Haifa verlassen sollen, den Kampf ums Dasein zu erschweren; und junge Techniker, die in ihrem Fache bisher sich vor allem der hebräischen Sprache als Ausdrucksmittel bedient haben, können schließlich nur bei hebräisch sprechenden Glaubensgenossen Unterkunft finden. Und wie viele Juden im Orient gibt es, die vor allem mittels der hebräischen Sprache herangebildete junge Leute anstellen könnten. Vielleicht zwei oder drei in Palästina. Auf eine so schmale Basis soll man aber, nach meiner Ansicht, ein so großes Institut wie das von Haifa nicht stellen. Man soll den jungen Leuten vielmehr die Möglichkeit geben, im gesamten Orient tätig zu sein. Ihnen mag ihr Fortkommen als Ingenieure in jeder Beziehung durch ihre Ausbildung erleichtert werden, und das kann man, nach meiner festen Ueberzeugung, ohne daß der jüdische Charakter der jungen Leute eine Einbuße erleidet. In dem Programm für die Schulen in Haifa heißt es: „Im Lehrplan nimmt der hebräische Unterricht gemäß der Entwicklung und der Bedeutung der hebräischen Sprache in Palästina einen breiten Raum ein. Das Hebräische wird so eingehend gelehrt, daß die Schüler imstande sein werden, die hebräische Literatur im Urtexte zu studieren und sich der Sprache als Umgangssprache zu bedienen. Auch für die religiöse Unterweisung wird in ausgiebiger Weise gesorgt werden." Wenn dieses Ziel aber erreicht werden kann, ohne daß die wirtschaftliche Zukunft der jungen Leute beeinträchtigt wird, dann sollte man sich davor hüten, aus abstrakten, prinzipiellen Erwägungen heraus, den für das Technikum aufgestellten Unterrichtsplan zu beanstanden. Wir brauchen freilich Juden, die fest in unserer Vergangenheit wurzeln, aber wir brauchen auch Juden, die den Ansprüchen des modernen wirtschaftlichen Lebens gewachsen sind, und was das Programm für die Anstalten in Haifa will, ist nichts, als beide Ziele zu erreichen, ohne das eine dem andern zu opfern, und für diesen Standpunkt, glaube ich, wird man Verständnis in der jüdischen Welt haben. Selbstverständlich wird auch arabisch und türkisch reichlich gelehrt werden, damit unsere jungen Leute mit der Bevölkerung und der ottomanischen Regierung unmittelbar in Beziehung treten können, und in den höheren Klassen wird auch Englisch und Französisch nicht vernachlässigt werden, so daß unsere Schüler auch bei englischen und französischen Unternehmern sich werden einarbeiten können. Entsprechend den verwickelten Verhältnissen ist die Lösung der Sprachenfrage keine leichte, aber sie ist zu lösen, wenn man sich ohne vorgefaßte Anschauung nur von der Realität der Verhältnisse die Richtlinien diktieren läßt. Da haben Sie meinen Standpunkt." Ich stellte dann noch eine Frage an Herrn Dr. Nathan: „Wird es nicht die politischen Gegensätze in Palästina verschärfen, wenn neben dem Hebräischen, dem Arabischen und Türkischen dem Deutschen an den Schulen des Technikums eine besondere Stellung zugewiesen wird?" Herr Dr. Nathan erwiderte: „Nicht im geringsten. Ich will Ihnen nicht mit Deduktionen antworten, sondern mit Tatsachen. Hat es etwa die Gegensätze im Orient verschärft, daß man an der Evelina Rothschild School in Jerusalem als europäische Sprache englisch lehrt, daß an den Schulen der Alliance Israelite Universelle Französisch und daß an den Schulen des Hilfsvereins Deutsch gelehrt wird? Nicht im geringsten. Im Orient ist es selbstverständlich, daß an Schulen, die über das allerengste lokale Bedürfnis hinausgehen, eine oder mehrere europäische Sprachen unterrichtet werden. Kein Mensch nimmt daran Anstoß: Und die Schulen in Haifa werden um so weniger Anstoß erregen, da hier in einer so ausgiebigen Weise wie bisher in keinem andern Institut auch das Arabische und Türkische und auch das Englische und Französische Berücksichtigung finden werden." Dr. Nathan schloß: „Ich glaube, die Gegensätze werden bei ruhiger Betrachtung geringer, als es den Anschein hat. Die Institute in Haifa sollen tüchtige, brauchbare Ingenieure heranbilden, aber zugleich tüchtige Juden, die auch die hebräische Sprache beherrschen, sowohl als Umgangssprache wie auch als Mittel, um in die religiöse und historische Vergangenheit unseres Volkes eindringen zu können, und für die