Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1558 Nr. 46 DIE3§KELT Kundgebungen der russischen Intelligenz Die allgemeine Versammlung der Rechtsanwälte des Petersburger Kammergerichtsdistrikts faßte eine Resolution, in der sie es als berufliche und bürgerliche Pflicht des Advokatenstandes bezeichnete, gegen die Erschütterung der Grundlagen der Rechtsprechung, gegen die Rußland zur Schmach gereichende Blutlüge und gegen die Propaganda des nationalen und Rassenhasses aufs energischste zu protestieren. Infolge dieser Resolution wurden zahlreiche Petersburger Rechtsanwälte wegen öffentlicher Beleidigung von Staatseinrichtungen und Beamten zu gerichtlicher Verantwortung gezogen. Unter den 110 Angeklagten befanden sich alle Mitglieder der Advokatenkammer. Das Vereinslokal ist geschlossen und bei den Mitgliedern wurden Hausdurchsuchungen vorgenommen. Trotz dieser behördlichen Maßregelung der Rechtsanwälte nahm dieser Tage die Petersburger Psychiatrische Gesellschaft nach Ansprachen mehrerer Professoren eine Resolution an, die das Gutachten des Professors S i k o r s k i als pseudowissenschaftlich und den objektiven Tatsachen sowie den Gesetzesvorschriften widersprechend bezeichnet. Eine Minderheit der Gesellschaft verlangte, ohne das Gutachten Sikorskis zu verteidigen, Aufschub der Veröffentlichung der Resolution. An der Versammlung nahmen die angesehensten Professoren und Aerzte der Hauptstadt, darunter viele im Militär- und Zivildienst stehende, teil Vor kurzem hat auch die angesehene Petersburger Religiös-Philosophische Gesellschaft eine Resolution gefaßt, in der gleichfalls betont wird, daß die Blutlüge für das gesamte russische Volk eine schwere Beleidigung bedeute. DIE SPRACHENFRAGE AM TECHNIKUM Ein Interview mit Dr. Nathan und Dr. Levin Zur Klärung der die jüdische Öffentlichkeit begreiflicherweise lebhaft interessierenden Frage der Unterrichtssprache am Haifaer Technikum dürfte das folgende Interview dienen, das die Ansichten zweier Hauptvertreter der beiden einander gegenüberstehenden Anschauungen authenisch wiedergibt. Herr M. F. Seidmann, Berliner Korrespondent der New Yorker „Jewish Daily News“, legte Herrn Dr. Paul Nathan und Herrn Dr. Schmarjah Lev in die gleichen Fragen vor. Er schreibt: Ich bat Herrn Dr. Nathan, mir gütigst die Motive mitzuteilen, warum er für die Institute in Haifa nicht das Hebräische als alleinige Unterrichtssprache gewählt habe. — Herr Dr. Nathan sagte mir etwa folgendes: „Kann es einen Menschen geben, der meine Tätigkeit und die Tätigkeit meiner Freunde in Palästina verfolgt hat, und der der Ansicht ist, daß wir Feinde des Wiederauflebens der hebräischen Sprache in Palästina sind? Ich will Sie an einige wenige Tatsachen erinnern. Auf Grund meiner Kenntnis Palästinas wie des gesamten Orients kam ich zu der Ueberzeugung, daß die Religion in diesen Gebieten — und zwar nicht nur für die Juden — ein einigendes Band darstellt, das noch weit fester ist, als die Nationalität. Und wenn wir in Europa in gewissen Kreisen des Judentums uns eine Anhänglichkeit an die jüdische Religion, auch unter Ausscheidung der hebräischen Sprache vorstellen können, so ist etwas Aehnliches und Verwandtes für den Orient einfach undenkbar. Jüdische Religiosität losgelöst von der hebräischen Sprache existiert dort nicht. Für meine Tätigkeit im Orient stand daher von Anfang an eins fest: den Bedürfnissen der dortigen Bevölkerung entspricht es, daß ihre religiösen Empfindungen niemals angetastet werden, daß ihre traditionelle Religiosität gestützt und konserviert werden muß, und das ist nur möglich bei gleichzeitiger entsprechender Pflege der hebräischen Sprache. Zu diesem religiösen Gesichtspunkt kamen praktisch pädagogische Erwägungen, und zwar vor allem für die Bevölkerung in Palästina selbst. Dort strömen Juden aus den verschiedensten Ländern zusammen. Wir haben Schulen des Hilfsvereins, in denen sich Kinder von Sephardim, die den spanischen Jargon sprechen, Kinder von Aschkenasim, die den deutschen Jargon sprechen, Jemeniten, Herkömmlinge aus Bagdad und Aleppo, die arabisch sprechen, Marokkaner, die wiederum einen abweichenden arabischen Dialekt sprechen, Perser, die persisch, Grusiner, die grusinisch, und Bulgaren, die bulgarisch sprechen, befinden. Das, was ich Ihnen hier sage, ist nicht theoretische Abstraktion und ist nicht eine Möglichkeit, sondern es ist Wirklichkeit. Die Statistik unserer Kindergärten in Jerusalem beweist, daß wir mit einem solchen wahrhaft babylonischen Sprachengewirr zu rechnen haben. Wenn diese kleinen Kinder aus Nord und Ost und Süd und West zu uns kommen, so müssen wir natürlich für sie allesamt ein gemeinsames Verständigungsmittel schaffen. Es ist klar, daß dieses Verständigungsmittel nur Hebräisch sein kann, und so waren es denn auch pädagogische Gründe, die den Hilfsverein veranlaßt haben, dem Hebräischen im Schulunterricht einen breiten Raum einzuräumen. Für die Schulen auf dem Lande kam schließlich noch ein weiteres Motiv hinzu. Wenn mit großen Kosten für die Gesamtheit des Judentums langsam jüdische Kolonisten angesiedelt werden, und wenn diese Kolonisten selbst alsdann vielfach unter den größten Entbehrungen sich auf ihrer Scholle zu behaupten versuchen, so soll man gewiß nichts unternehmen, um die nächste Generation zu veranlassen, diese schwer erkämpfte Position wieder aufzugeben und etwa auszuwandern. Als ein Anreiz zur Auswanderung aber erscheint es mir, wenn der jungen Generation in den kleinen Kolonien Unterricht in europäischen Sprachen erteilt wird. So ist denn aus den Kolonieschulen des Hilfsvereins jede europäische Sprache, das Deutsche eingeschlossen, verbannt, und es wird nur Hebräisch und Arabisch unterrichtet, weil mit diesen Sprachen der kleine Bauer in Palästina durchaus auskommt, weil ich den jüdischen Bauern in seiner Heimat in Palästina eng verankern wollte, und weil ich alles fernhalten will, was ihn veranlassen könnte, leichtherzig wieder zum Wanderstabe zu greifen. Indem der jüdische Bauer in Palästina die Sprache der Bibel und das Arabisch seiner Umgebung spricht, wird er es nicht unbedacht wagen, in eine abendländische Welt auszuwandem, deren Sprache er nicht versteht. Religiöse, pädagogische, wirtschaftliche Gründe — die Schaffung eines seßhaften Bauernstandes in Palästina und im Orient —, sie sind es, die mich veranlaßt haben, jenes Programm meinen Freunden im Hilfsverein vorzulegen, das maßgebend für die Schulen unserer Vereinigung ist. Ich kann dann noch darauf hinweisen, daß auf meine Veranlassung auch direkt für den weiteren lebendigen Ausbau der hebräischen Sprache gearbeitet worden ist. Ich bin selbst kein Hebraist, aber die Bedeutung des großangelegten hebräischen Wörterbuches von Ben - Jehuba in Jerusalem war mir klar, und nachdem mir von jüdischen Gelehrten der Wert der Ben Jehudaschen Arbeit bestätigt worden war, habe ich nach Kräften für die Fortführung dieses Unternehmens zu wirken gesucht, und auf meine direkte Veranlassung hatte Herr Professor Dr. Martin Philippson hier in Berlin die Güte, an die Spitze jenes Komitees zu treten, das die finanzielle Fürsorge für die Herausgabe der einzelnen Lieferungen des Lexikons von Herrn Ben-Jehuba seinerzeit übernommen hat. Wenn jemand innerhalb der von mir hier gezeichneten Bahnen sich betätigt, so wird man wohl schwerlich behaupten können,