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Die Welt · 1913-11-14 · 46 (14.11.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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N . 46 1555--DIEHqKELT welche Mutmaßung liegt hier näher als die Blutlüge? Das war es, worauf es den Anklägern ankam, das wollten sie durch den Geschworenenspruch festgestellt haben und sie haben es tatsächlich erreicht. Manche Zeitungen treiben daher die Naivität etwas zu weit, wenn sie uns glauben machen wollen, daß die Juden und überhaupt die Freunde des Rechts und der Wahrheit in eine Jubelstimmung versetzt worden seien. Zum Jubeln liegt absolut keine Veranlassung vor und der Zeitpunkt ist noch nicht gekommen, über diese Frage zur Tagesordnung überzugehen. Gewiß hätte es noch schlimmer kommen können: die Geschworenen, die gegen Beilis waren, hätten zwei Stimmen mehr, die anderen zwei Stimmen weniger haben können, und der unschuldige Mensch wäre verloren. Gewiß ist es ein Glück, daß nicht die Tatsache der Verurteilung eines Juden wegen des Blutmärchens geschaffen worden ist, und daß das ruchlose Intrigantengesindel in den höheren Kreisen, das dieses niederträchtige Manöver sinnloser Erdichtungen in Szene gesetzt hat, seinen meuchelmörderischen Plan gegen Beilis nicht verwirklichen konnte. Aber nichtsdestoweniger ist ja die Form der Fragestellung und die widersinnige Bejahung der ersten Frage eine schwerwiegende, wenn auch nur mittelbare Bestätigung jenes absurden und ekelhaften Argwohns, der in Rußland jetzt von einer Seite, die den Inbegriff der staatlichen Gerechtigkeit verkörpert, eine offizielle Sanktion erhalten hat. Drohend hängt also noch immer das furchtbare Gericht über der Hälfte unseres Volkes, die in Rußland lebt. Nur kindische Vertrauensseligkeit und Kurzsichtigkeit können sich darüber hinwegtäuschen; nur aus der Enge der Froschperspektive mag der Ausgang des Prozesses, weil Beilis freigesprochen worden ist, als ein vollständiger Sieg erscheinen. Wir würden es als einen vollständigen Sieg bezeichnen, wenn die Geschworenen die unwissenden und verleumderischen „Sachverständigen“ desavouiert, die überzeugenden Gutachten der kompetenten Gelehrten anerkannt, die Blutlüge abgelehnt, die ganze unsinnige Schnüffelei um die Saizew’sche Fabrik ausgelacht und die Intrige dieser Prozeßverhandlung aufgedeckt hätten. Aber wie die Dinge jetzt liegen, wäre es eine Torheit, Siegesfanfaren erschallen zu lassen und die Hände in den Schoß zu legen. Im Gegenteil, jetzt muß erst recht eine intensive Abwehrbewegung auf unserer Seite ein- Die Blutlüge ist keine vereinzelte Erscheinung, sie ist bezeichnend für die ganze Lage der Juden in Rußland. Noch nie war die Lage unserer Brüder so furchtbar traurig wie jetzt. Tausende von Ausnahmebestimmungen umzingeln sie; sie sind von beschränkenden Gesetzen umstellt. Jedes Gesetz ein Käfig. Raubtiere haben keine Ahnung, in wie viele solcher Käfige ein Mensch eingesperrt sein kann. Bei jedem Schritt stößt man auf Verbote. Man hat kaum mehr Gelegenheit, auf gesetzlichem Wege sein Leben zu fristen. Wieviel Paragraphen umkreisen den Lebenswillen! Und wie oft die entgegengesetztesten zugleich. Ein oft erbitterter, verzweifelter Kampf sich feindlich gegenüberstehender Kräfte, des jüdischen Selbsterhaltungstriebs und der judenfeindlichen Verfolgungssucht. Immer aber haben die „Gesetze" zu befehlen, der Jude zu gehorchen. Wahrlich, es ist kein Leben, wert, gelebt zu sein. In Polen war es etwas leichter. Das Verknöcherte, Abstruse, die Auswüchse, Mißbräuche und Verkehrtheiten der russischen Administration waren dort nicht eingedrungen; da kam der berüchtigte Boykott. Wenn nunmehr zu all diesen Fesseln und Schlingen verwaltungsmäßiger Knechtung, zu all den Schikanen und Zurücksetzungen und zu all den Gespenstern des Hasses noch obendrein das Damoklesschwert der Blutlüge über die Juden Rußlands verhängt wird, so wird die Lage ganz unhaltbar. Wenn wir die einzelnen Phasen des Prozesses an uns vorübergehen lassen, dann ergreift uns mehr als alles andere die unerhörte Art, wie über das Judentum verhandelt worden ist. Sinnige Allegorien, von einem Zauber der Tradition umflossen, wenn man sich liebevoll in sie versenkt, wenn man mit ihnen vertraut zu werden sucht, Nachklänge aus alten Mythen, zarte Blüten keuscher Phantasie, Erinnerungen und Bräuche voll Größe, Kraft und Güte wirbelten in einem Chaos durcheinander, büßten ihren natürlichen, intimen Charakter ein und arteten zu einer öden Terminologie aus, die zum Gespött der Gassenjungen geworden ist. Der gelahrte Sikorski, der anstatt ein anatomisches Gutachten abzugeben, über Stock und Stein sprach und unsagbar ulkige Spukgeschichten aus der Rumpelkammer obskurer Schmähschriften hervorholte, der stupide, konfuse Pranaitis, ein Hanswurst ohne Humor, ein Possenreißer von erbärmlicher Unbeholfenheit, der nicht einmal den Fälscher Rohling, den er abgeschrieben hat, richtig versteht, und der aus Turkestan hergeholt worden ist, der Mönch Autonom, ein seniler Analphabet, selbst ein Ghetto-Auswurf mit kannibalischer Gehässigkeit gegen die Juden — das waren die Leute, die das Judentum als eine Religion des Mordes hinstellten. Die bodenlose Unwissenheit und die Borniertheit dieser Bonzen wurden wohl von den wahren Kennern beleuchtet; außer Kokowzew, Troitzki u. a. hatte der treffliche Rabbiner M a s e aus Moskau Gelegenheit, sein vielseitiges Wissen und seine Rhetorik in gebührender Weise zur Geltung zu bringen. Aber die Frage regt sich, ob irgendein Gericht es erlaubt hätte, über eine andere Religion in dieser Weise zu verhandeln. Würde man es gestatten, Dinge, die Millionen Menschen heilig sind, zynisch und herzlos, ohne Scheu und Ehrfurcht kaltlächelnd zu zerpflücken? Das Herz krampfte sich zusammen, wenn man sah, wie diese ehrwürdigen traditionellen Benennungen herumgezerrt wurden. Zaddik, Chassid, Mazzoth, Pessach, Talmud Thora —, ach, wie brutal klangen sie in dem improvisierten rohen und feindlichen Diskutierklub! Jene Leute sind mit ihrer ganzen hahnebüchenen Geistesart, mit ihrer knüppeldicken Plumpheit zum Erfassen feiner, sinniger hebräischer Begriffe befähigt, wie der Elefant zum Menuettanz oder wie ein wildes Pferd zur Wartung eines Rosenbeetes. Was ist ein Chassid? Es blieb ihnen eine Rätselfrage, wie sie es einem jeden bleiben muß, der die Dinge nicht unmittelbar kennt, der sie nicht in ihrer Sprache, der sie nicht aus dem Leben kennt. Die einen protzten mit Worten, die sie kaum verstehen,' die anderen machten mit grandioser Wucht Enthüllungen von der Art: ja, Landau muß ein Zaddik sein, da er in Kiew nicht angemeldet war. Wir mußten zuhören, wie der Talmud durchstöbert wurde, um hochnotpeinlich irgendeine bedenkliche Stelle ausfindig zu machen. Da fiel uns Goethes Wort im „Faust" ein, von jenen, die mit gieriger Hand nach Schätzen graben und froh sind, wenn sie Regenwürmer finden. Man hat auch keine Regenwürmer gefunden, aber eine Jagd war's, beinahe wie die Razzias, die die Kiewer polizeilichen Nachtwächter gegen die „Juden ohne Wohnrecht" veranstalten. Das war nicht nur ein Prozeß gegen den Juden Beilis, es war ein Prozeß gegen das Judentum und diesen müssen w i r jetzt mit doppelter Energie nach der Rehabilitierung Beilis' fortführen. Wir dürfen nicht ruhen und nicht rasten, so lange die Sanktion der Blutlüge nicht widerrufen worden ist. Dazu brauchen wir Einheit, Organisation und Ausdauer. Vor allem brauchen wir den Mut stolzer Juden. Das kleine, demütige Versinken, die innerliche Unterwürfigkeit, das ohnmächtige Sich- Ducken sollen uns fernbleiben; diese vermeintliche Lebensweisheit ist Sklavenpsychologie und Feigheit. Wir haben der Freiheit eines Menschen die Gasse geöffnet,

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