Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-11-07 · 45 (7.11.1913) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316617--58176-3376692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1540 Nr. 45 auch die unbemittelsten Kreise, für die es anderwärts an der nötigen Kreditbasis zu fehlen pflegt. Die hebräische Sprache wird zusehends zur allgemeinen Umgangssprache der Juden des Landes, die Presse (auch die Fachpresse) entwickelt sich lebhaft. Zur Besserung der hygienischen Verhältnisse beginnt eine systematische Arbeit. Handel und Wandel des Landes zeigen einen starken und stetigen Aufschwung — zum großen Teile schon durch die Wirksamkeit der neuen jüdischen Einwanderung. Der Einfluß der Juden in Stadt und Land wächst, und dürfte mit dem zunehmenden Uebergang der Juden in den ottomanischen Staatsverband noch sehr viel schneller wachsen. Es wird also ein — gegenüber allem früheren — höchst erfreuliches Bild entrollt, und die Darstellung des Autors läßt keinen Zweifel darüber zu, daß er sein bestes daran zu setzen gewillt ist, um die Lücken und Mängel der bisherigen Arbeit auszufüllen und zu überwinden. „Wir hatten nicht die Gefolgschaft breiter Schichten“ — so zitiert Tschlenow aus einer Rede Achad Haams — „weil wir dem Volke nicht versprachen, was wir ihm nicht halten konnten.“ I _ Ueberlegen wir es recht, so haben wir sehr viel zu bieten. Was wir aber zu bieten haben, das dürfen und müssen wir auch propagieren, und das ist unser bester Weg, tatsächlich die Gefolgschaft breiter Schichten zu gewinnen. DavisTrietsch. Ein Buch vom Judentum Der Verein Jüdischer Hochschüler „Bar Kochba“ in Prag hat ein Sammelbuch herausgegeben mit dem so stolzen wie bescheidenen Titel: „Vom Judentum“.*) Männer der verschiedensten Richtungen, „die sich als Glieder und Träger einer ihrer selbst bewußt gewordenen jüdischen Volksgemeinschaft fühlen“, haben in kleineren oder größeren Aufsätzen ein jüdisches Problem besprochen, das sie bewegte. Bücher, die aus einer solchen Tendenz heraus geworden sind, leiden stets unter einer Gefahr, der auch dieses nicht entgangen ist. Der einzelne Schriftsteller wird sich bemühen, irgendwie seine Gesamtstellung zum Judentum zum Ausdruck zu bringen, und es kann nicht ausbleiben, daß manches im vagen und allgemeinen verschwimmend, blaß, formlos bleibt. Man wird darum auch dieses Buch nicht hintereinander lesen wollen; wer sich aber den einzelnen Aufsätzen hingibt, wird selbst in den allgemeinsten vieles finden, das so adlig, so persönlich, so selbstverständlich, so aus der Tiefe des Erlebens und der Anschauung heraus uns noch selten gesagt wurde. Daß Hohles, Flaches, Unhistorisches, ja Widerhistorisches sich daneben ausbreitet, darf nicht verschwiegen werden. Das Buch ist nicht im strengsten Sinne zionistisch. Ja einer der als persönliches Erlebnis schönsten Aufsätze, der Beitrag Landauers, beruht ganz auf der Stimmung, daß der Jude erst mit der Menschheit zugleich erlöst werden kann, enthält also wirklich für uns, wie sein Titel schon andeutet, — Ketzergedanken. Aber auch für ihn könnte der Zionismus e i n Mittel zu seinem Ziele sein. Gefährlicher ist für uns die Meinung Nathan Birnbaums, gerade deswegen, weil sie ganz von jüdischem Erleben ausgeht. Sie beruht im Grunde auf der seltsamen Gegenüberstellung eines weltlichen und eines geistlichen Judentums — wir stellen natürlich das weltliche dar —, eine Antithese, die ja in den Anfängen des Zionismus ungemein beliebt war und uns in den mannigfaltigsten Variationen, zum Beispiel der des Christen jüdischer Nation, oft genug vorgesetzt wurde. Aber diese Antithese ist durchaus ein ausgeklügeltes Produkt des Rationalismus, den “*) Verlag Kurt Wolff, Leipzig. Preis 3,50 M. Birnbaum theoretisch verwirft. Wer die lebendigen Faktoren unseres Zionismus beachtete, der müßte gemerkt haben, daß das Volkstum, das gerade der offizielle Zionismus der Gegenwart so stark betont, keineswegs eine Negierung des geistigen Judentums bedeuten kann. Doch nicht von diesen Aufsätzen erhält das Buch sein Gepräge. Es ist zum großen Teil von Zionisten geschrieben, und wenn es, als Gesamtbuch, irgendeinen Sinn hat, so ist es der, einer neuen Grundlegung des Zionismus dienen zu wollen. Es gab eine Zeit, da war der theoretische Zionismus naturwissenschaftlich orientiert. Das bißchen Schrifttum, das man — vielleicht — als zionistische Wissenschaft bezeichnen könnte, wurde beherrscht von Schädelmessungen und allerlei anderem Rassenspuk. Es schien die Aufgabe, einer widerwillig folgenden, auf allerlei liebgewordenen Vorstellungen konservativ beharrenden Menge die natürlichen Grundlagen des Judentums zu beweisen. Ob das heute noch wünschenswert wäre, stehe dahin, genug, in diesem Buche ist davon nicht die Rede. Es wird vielmehr von der Voraussetzung getragen, daß aller Positivismus uns unsere Instinkte nicht zu deuten vermag. Und es beruht ganz auf der Vorstellung, daß das Bekenntnis zu einem natürlichen Judentum bereits die Gemüter ergriffen hat, und hält sich völlig frei von Polemik gegen vomationalistische Tendenzen. Ist aber die Tatsache des jüdischen Volkstums gegeben, das heißt, eines Judentums, das nicht nur animalisch bestimmt, sondern voll innerlichen Lebens, eine kulturelle Einheit ist, so wollen wir uns eben dieses Judentums deutlicher bewußt werden. Hat es ein Ziel, das wir ahnen können? Und wie können wir uns diesem oder einem Teilziel nähern? Hat es eine Grundeinheit von Anbeginn an? Welches sind die Kräfte, die sein inneres geschichtliches Werden gestalteten? Das sind die Fragen, die hier erörtert werden. Und es kann kein Zweifel darüber sein, daß in der Fülle verschiedenartigster und sehr verschieden wertiger Beiträge doch eine Art einheitlichen Sinnes sich offenbart, bedeutend genug, um beanspruchen zu dürfen, als solcher, sei es auch im Gegensinn, gewürdigt zu werden. Irgendein Ziel des Judentums scheint vielen Autoren vorzuschweben, findet aber selten einen klaren Ausdruck. Dem einen soll der Zionismus die nationale Resonanz für die Menschheitsreligion der Zukunft bilden helfen, dem andern ist es die Aufgabe des Judentums, mit oder ohne Verwirklichung des Zionismus, aus seinem Geiste heraus die Philosophie der Gegenwart zu erneuern. Es scheint nicht ganz ungefährlich, den Sinn von den Aufgaben einer konkreten Gestaltung des Volkstums abzulenken und gleichsam hinter den Dingen ein Judentum zu ahnen. Denn schließlich, unser Glaube an Palästina beruht doch eben darauf, daß wir uns nach der Fülle, dem Reichtum, dem lebendigen Ineinander eines herzhaften Volkstums sehnen, über dem, an dem, in dem sich der geistige Prozeß des Judentums, so oder so, bestimmt voller und selbstgewisser als im Exil, fortsetzen mag. Der Wille zu einer solchen geistigen Zielsetzung beruht natürlich darauf, daß das konkrete Judentum unsern Ideen nirgends Genüge tut. Es wird in verschiedenen Aufsätzen, bald zart, bald roh, ausgesprochen, daß die Rückkehr zum Judentum keine Rückkehr zum gegenwärtigen Judentum bedeutet. Und es tauchen Forderungen auf, unsere Welt aus Elementen lebendigen Judentums neu zu gestalten, sei es in radikaler Hingabe an die ostjüdische oder die hebräische Kulturwelt, sei es in langsamer, persönlicher Einzelarbeit an Spiel und Fest, an Dichtung und Schmuck. Aber die Einzelbetrachtungen treten weit zurück gegen die Offenbarungen eines dunklen Glaubens an eine, an die Substanz des Judentums. Sie wird, auch dies ist ein wesentlich Neues an dem Buch, in dem orientalischen Charakter des Juden gefunden. So ist es auch zu erklären, daß diejenigen Strömungen im Judentum, die der herkömmlichen Vorstellung von abendländischem Wesen am stärksten widerstreiten, die auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.