Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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dem Grunde des mystischen Erlebnisses erwachsen sind, eine bevorzugte Stellung in dem Buche haben: der Messianismus und der Chassidismus. Gewiß ist eine solche Deutung nicht abzuweisen. Martin B u b e r, dessen Einfluß überhaupt unverkennbar ist. hat früher des öfteren darauf hingewiesen, daß der Jude, der alttestamentlidie, motorisch-akustisch, der Hellene sensuell-optisch gerichtet sei. Wenn wir in ganz anderem Zusammenhang bei Max Müller — oder ist es Renan? — lesen, der Gott der Semiten sei ein Gott der Geschichte, der Gott der Indogermanen ein Gott der Natur, so ist die innere Verwandtschaft mit jener Beobachtung äußerst bemerkenswert. Der Gläubige des Abendlandes beugt die Kniee, wenn das Heiligenbild oder die Monstranz enthüllt wird, der Jude sah darin abergläubischen Bilderdienst, aber die jüdische Menge fiel nach der Ueberlieferung anbetend nieder, wenn der Hohepriester den Gottesnamen, den zauberhaften, geheimnisvollen inbrünstig aussprach. Von andern — mannigfaltigen — Beziehungen her wird nun auch hier das Wesentliche des Orientalen dem Juden zugesprochen, der Jude in seiner Wesenheit dem Orient zugeteilt. Nicht als ob nun die Geister dieser jungen Juden an der Welt des Orients erwacht wären oder das Ostjudentum sie wesentlich beeinflußt hätte, im Gegenteil, wir wollen uns darüber nicht täuschen, eine beginnende europäische Sehnsucht kommt in dieser Wendung zum Orient zum Ausdruck, und zuweilen kann man sich sogar des Eindrucks nicht erwehren, daß eine gegenwärtige Modeströmung, die der Helle griechischen Geistes mit Bewußtsein entraten will, den Weg nach Osten gewiesen habe. Der Jude als Orientale — ich denke hier nicht an den Aufsatz dieses Titels, in dem das Wort Orientale in einer, doch wohl irreführenden Symbolik gebraucht wird — das wäre ja eine wunderbar reinliche, einfache Lösung des Zwiespalts, in dem wir leben. Nicht allzu einfach? Wenn Maßlosigkeit, Erregtheit, innere Gegensätzlichkeit, Eindimensionalität als Wesen gerade der großen Juden aller Zeiten aufgewiesen werden, liegt hier nicht nur ein Symptom der allgemeinen Erscheinung vor, daß unser Begriff von Größe überhaupt sich in den letzten hundert Jahren gewandelt hat, daß wir nicht mehr in Anmut und Schönheit, sondern in der Gewalt der inneren Spannung Größe erblicken? Eine Anschauung, die auch an Stelle Rafaels Michelangelo und Rembrandt, an Stelle Mozarts Beethoven, an Stelle des Sophokles Platon in der allgemeinen Schätzung auf den Thron gehoben hat? So daß in dieser ein wenig brutalen Gegenüberstellung von Morgenland und Abendland nur wieder jenes bedenkliche Mißverständnis hellenischen Wesens sich zeigte, das einst Winckelmann und Lessing irreführte? Weiter, ist der Begriff der Rasse überhaupt ein Kulturbegriff, so daß er eine einheitliche innere Struktur ein für allemal bezeichnen könnte? Ja, wenn hier einmal den Zweifeln Ausdruck gegeben werden soll, läßt sich irgendwie eine solche Einheit des Judentums überhaupt aufweisen? Gehen wir da nicht auffallend an andersartigen jüdischen Erscheinungen vorüber, deren Fehlen eine Verarmung bedeuten würde? Gewiß wird sich jeder Jude subjektiv das Recht nehmen dürfen, nur die Erscheinungen als im tiefsten jüdisch zu empfinden, die in seiner Seele zu eigentümlichem Leben erwachen, und die andern werden, wo ein solches Erlebnis in Worte gestaltet wird, aus ihm auch ein tieferes Verständnis für eine Seite jüdischen Wesens schöpfen, das allein kann die Bedeutung eines solchen Suchens nach dem einheitlichen Judentum sein, das mag mehr wert sein als wissenschaftliche Erkenntnis, mag das letzte sein, wohin selbst die wissenschaftliche Intuition uns führen kann, aber wir wollen uns bewußt bleiben, daß hier jedem Beweisen und Diskutieren ein Ziel gesetzt ist. Darum scheinen mir doch noch wichtiger die Versuche, in denen einzelne Probleme der inneren jüdischen Geschichte behandelt werden. Ich darf wohl von ihnen sprechen, obwohl auch mein eigener Beitrag nach seinem wesentlichen Inhalt in diese Reihe gehört. Von den großen Fragen an, dem Streben, den jüdischen Mythos überhaupt zu erfassen bis herab zur Psychologie des gegenwärtigen Zionismus, halten sich auch diese Aufsätze im Rahmen des Gesamtwerkes, sie wollen ein wesentlicher Beitrag zum Verständnis des Judentums sein, seiner Lehre, seiner großen Männer, seines Volkstums. Es gebührt den Barkochbanern besonderer Dank, diese Aufsätze in einem Sammelbuch ermöglicht zu haben. Sie können im Rahmen dieses Aufsatzes nicht besprochen werden, sie werden und müssen die Einzelforschung anregen und weiterführen. Niemand wird erwarten, mit jedem einzelnen einverstanden sein zu können, ihre Bedeutung, wie die des ganzen Buches, beruht zum großen Teile darauf, ein Problem energisch gestellt zu haben. Es ist kein zionistisches Parteibuch, das so entstanden ist. Zionisten nehmen Stellung nicht sowohl zu ihrer Bewegung, als zu Fragen des Gesamtjudentums. Es liegt in einer solchen Zusammenstellung auch eine Gefahr. Die Gefahr, über der Erkenntnis der Notwendigkeiten des Lebens zu vergessen. Es wird einmal das Wort zitiert, daß der Gegensatz zwischen Nationalisten und Nichtnationalisten oberflächlich und unwesentlich sei, um Schaffende oder Zersetzende, um Urjuden oder Golusjuden handle es sich. Gewiß ist der Tageskampf, die Parteischablone, oft irreführend und schädlich. Aber an dem Worte Nation läge uns doch wahrhaftig sehr viel weniger, wenn wir nicht glaubten, daß das Bekenntnis zu seinem Volkstum auch dem Urjuden sein Werk erleichtere, oft erst ermögliche. „Wem es um die Sache zu tun ist, der muß Partei zu nehmen wissen, sonst verdient er, nirgends zu wirken." Partei nicht nur in den großen Fragen der Weltanschauung, sondern auch in den Kämpfen um die politischnationalen Gebilde, die aus jenen tieferen Fragen heraus entstanden sind und helfen sollen, sie zu lösen. Darum bedeutet es durchaus eine hohe Schätzung des neuen Sammelbuches, wenn wir vor allem hoffen, es werde unserer, der zionistischen Bewegung, die geistig zu verarmen drohte, neues Leben zuführen. Es hat das Zeug dazu. Moses Calvary. Schluß des redaktionellen Teiles Bei der Administration „Die Welt" sind eingegangen: Für das Mikrobiologische Institut: „Vergesset nicht das Mikrobiologische Institut" Siegmund Eppler, Wien.Kr. 2.— — M. 1.68 Paul Diamant, Wien. 2.— — ,, 1.68 Prof. Kellner, Wien.„ 1.— -- „ —.84 Johann Kremenezky, Wien.Kr. 10.— — JL 8.40 Ing. Josef Seidener, Wien.„ —.50 — „ —.42 Heinrich Lederer, Wien.„ —.50 — „ —.42 Leo Weiss, Wien.. „ 1.— „ —.84 Oswald Weiss, Wien.„ 2.— — „ 1.68 Julius Weiss, Wien.,, 1.— — , —.84 Dr. Elkan Weiss, Wien.„ 2.— „ 1.68 Emanuel Lockspeiser, Boryslaw - - „ 1.— — „ —.84 Kais. Rat Emil Broch, Tamow - „ —.50 — „ —.42 Kais. Rat C. Hirsch, Wien.„ 5.— „ 4.20 Heinrich Bard, Lemberg.„ 6.— — „ 5.04