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Die Welt · 1913-11-07 · 45 (7.11.1913) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
– (sequence 16)
Language
German
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DIE 1534 Reden über die von Juden „zu Tode gemarterten Jünglinge“. Die allgemeine Stimmung war sehr „gehoben“. Unerwarteterweise sprach sich aber am Schlüsse ein Redner gegen den Pogrom aus, da die Pogrome nur den „Barfüßern“ und zugewanderten Arbeitern zugute kämen, während die Hausbesitzer, denen häufig bloß demolierte Wohnungen und ruinierte Mieter blieben, ganz leer ausgingen. (!!) Dieser triftige Grund blieb nicht ohne Wirkung, und die Versammlung ging auseinander, ohne - einen positiven Beschluß gefaßt zu haben. Die Pogromagitation wird jedoch unter dem Abschaum der Be- Nr. 45 völkerung mit großem Eifer fortgesetzt. Es scheint allerdings, daß die Behörden, die den Herren „Patrioten“ sonst uneingeschränkte Rede- und Preßfreiheit angedeihen lassen, diesmal entschlossen sind, es zu keinem Pogrom kommen zu lassen. Die Helden vom „doppelköpfigen Adler“ lassen es sich immerhin nicht nehmen, in den von Juden bewohnten Stadtvierteln ab und zu kleine Straßenkrawalle ins Werk zu setzen und jüdische Passanten zu verprügeln; sie müssen sich aber mit dieser „Kleinarbeit“ zufrieden geben, ohne ihre „großzügigen“ Pläne einstweilen verwirklichen zu können. Oll □□□□□□ WELTCHRONIK □□□□□□ Das „schwebende Verfahren“ Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ hat an den Lorbeeren der Zionistenrot uhg nicht genug — er geizt nach höherem Ruhm. Protestversammlungen gegen den Kiewer Ritualmordschwindel einzuberufen, war er zu vornehm — oder er hat es verschlafen, indessen der „Reichsverein der deutschen Juden“ jene sechs großartigen Versammlungen veranstaltete — und so ließ er sich vom Rabbiner Dr. Werner-München am 30. Oktober in Berlin einen Vortrag über „Talmud und Schulchan Aruch“ (!) halten, offenbar nur, um dem Vorsitzenden, Justizrat Dr. M a x i m i 1 i an Horwitz, Gelegenheit zu folgender Kundgebung zu bieten. Am Schluß der Versammlung sagte der Herr Justizrat (nach einem Bericht der Frankfurter Zeitung): „Dem Vorstande des Zentralvereins ist der Vorwurf gemacht worden, daß er keine Protestversammlung gegen den augenblicklich in Kiew geführten Ritualmordprozeß einberufen habe. Wir haben die Einberufung einer Protestversammlung unterlassen, weil Vernünftige und Gebildete auch ohne Protestversammlung wissen, daß der Prozeß in Kiew an die finstersten Zeiten des Mittelalters erinnert und mit den Hexenprozessen eine frappante Aehnlichkeit hat. Diejenigen, die aus Bosheit und Niederträchtigkeit die Juden des Ritualmordes bezichtigen, werden wir nicht belehren. Eine Protestversammlung wäre aber auch schädlich. Ich habe die Ueberzeugung, daß durch Protestversammlungen dem Angeklagten Beilis nur geschadet wird. Wir müssen uns hüten, in ein schwebendes Prozeßverfahren eingreifen zu wollen. Kein Gerichtshof der Welt würde sich durch Protestversammlungen in seinem Urteil irgendwie beeinflussen lassen. Im Gerichtssaale der ganzen Kulturwelt — und Rußland rechnet sich doch noch zur Kulturwelt — haben mit Recht nur die Prozeßbeteiligten das Wort. Eine Protestversammlung, noch dazu im Auslande, die gegen ein schwebendes Prozeßverfahren Einspruch erhebt, kann nur schädlich wirken. (Rufe: Die ganze Welt müßte Protest erheben!) Auch wenn die ganze Welt Protest erheben wollte, so würde das nicht nur nichts nützen, sondern nur schaden. Selbst wenn der Prozeß von einer Kabinettjustiz geführt würde, könnten Protestversammlungen nur schaden. Böswillige und niederträchtige Menschen sind eben nicht zu belehren. Wir vertrauen auf die Unparteilichkeit und Gerechtigkeit der Richter in Kiew und geben uns der sicheren Hoffnung hin, daß das Urteil des Kiewer Gerichtshofes nicht von Aberglaube und Religionshaß diktiert werden, sondern dem Recht und der Gerechtigkeit entsprechen wird!“ Wir haben diese Ausführungen bereits im Leitartikel unserer Nr. 43 vom 23. Oktober energisch zurückgewiesen. Damals hatten sie nämlich in der — „Kreuz-Zeitung“ gestanden, und zwar in einem der antisemitischsten Artikel, die dieses Blatt je gebracht hat. Muß man da noch etwas hinzufügen? Doch wohl höchstens den Ausdruck der Verwunderung und der Beschämung, daß eine jüdische Organisation, die beansprucht, eine Vertretung der deutschen Judenheit zu sein, einen Mann an ihrer Spitze duldet, der von aller Urteilskraft und allem jüdischen Empfinden so verlassen ist, daß er im Gegensatz zur geistigen Elite der ganzen Welt den Kiewer Skandal als ein „Prozeßverfahren“ und dieses Rußland als einen Kulturstaat anerkennen kann. Wollen die deutschen Juden einer solchen Organisation noch länger die Wahrnehmung ihrer Rechte anvertrauen? Die Antwort müßte aber deutlich sein, wenn sie wirken soll, und sie kann nur lauten: Heraus aus dem Zentral- Die Lage der Juden in Saloniki Aus Saloniki wird uns geschrieben: Die griechischen Staatsbeamten und leitenden Behörden machen der hiesigen jüdischen Bevölkerung bei jeder Gelegenheit Komplimente. Diese schmeichelhaften Erklärungen können jedoch den Kenner der Verhältnisse nicht darüber hinwegtäuschen, daß die griechische Bevölkerung den Juden durchaus feindlich gesinnt ist. Diese Haßgefühle des herrschenden griechischen Elements äußern sich in fortwährenden Zeitungsangriffen und böswilligen Anklagen gegen die Juden. Die traurige Wirklichkeit steht in seltsamem Kontrast zu den Versicherungen der griechischen Regierungskreise. Einem jüdischen Journalisten aus Saloniki gegenüber hat Herr R e p o i r I i s, der neuemannte Minister des Innern und Generalgouvemeur von Mazedonien, wieder einmal eine „freundliche“ Erklärung abgegeben. Der neue Minister sagte: „Saloniki ist eine Stadt voll Bewegung und regen Lebens. Unter der jetzigen klugen und weitschauenden Leitung wird Saloniki ein blühenderes und bedeutenderes, vielleicht sogar das wichtigste Zentrums des ganzen Orients werden. Da nun die Juden hier das in kommerzieller Hinsicht am besten organisierte Element bilden, werden sie auch vor allen ananderen Bevölkerungsgruppen au der neuen Gestaltung der Dinge beteiligt sein. Die Juden, denen der Aufschwung Salonikis am Herzen liegt, werden beträchtlich zur Hebung der Stadt beitragen. Ihre Zusammenarbeit mit den übrigen Nationalitäten wird allmählich einheitliche Interessen und feste Bande schaffen, durch welche die verschiedenen Teile der Bevölkerung einander nähergebracht werden müssen. Außerdem wird die jüdische Bevölkerung dank ihrer intellektuellen und moralischen Gaben sich durch ihre Mitwirkung am öffentlichen Leben eine günstige Stellung schaffen und sich allmählich zu einer maßgebenden Position aufschwingen. Unter der griechischen Konstitution, die allen Elementen des Landes Gleichberechtigung gewährt, werden sich die Juden bald ihrer Stärke bewußt werden. Die griechische Regierung weiß auch sehr gut, daß es durchaus in ihrem eigenen Interesse liegt, wenn sie das jüdische Element zur Mitarbeit heranzieht. Speziell im Hinblick auf Saloniki handelt es sich nicht nur darum, die liberalen Grundsätze der griechischen Konstitution anzuwenden, sondern hier ist es das ureigenste Interesse des Staates, der jüdischen Bevölkerung volle Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. Das waren Erklärungen, die ich gern einmal abgeben wollte, und ich bin froh, daß Sie mir durch Ihren Besuch hierzu Gelegenheit gegeben haben. Gegenüber allen diesen schönen Betreuerungen weist man in jüdischen Kreisen Salonikis darauf hin, daß die Juden dieser Stadt unter der griechischen Herrschaft vielfach eine übelwollende Behandlung erfahren, wie sie ihnen zur Zeit des

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