Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 45 1533 die polnischen Parteien zu entsprechenden Erklärungen bewegen sollten. Die drei Herren versprachen dem Folge zu leisten und übertrugen die Verhandlungen mit den Polen dem berüchtigten Herrn Dr. Loewenstein. Dieser entledigte sich seiner Aufgabe so gründlich, daß bis heute von der Kundgebung nichts zu hören ist. Eine sozialdemokratische Kundgebung Im Arbeiterheim der sozialdemokratischen Partei in Czern o w i t z fand eine Massenversammlung in Angelegenheit des Kiewer Ritualmordprozesses statt. Da der riesige Saal alle Teilnehmer nicht fassen konnte, wurde eine zweite Versammlung unter freiem Himmel veranstaltet. Es sprachen Reichratsabgeordneter Grigorovici (Rumäne), die Landtagsabgeordneten B e r p a 1 k a und Z e p h i t a 1 und Dr. P i - st ine r. Die Redner protestierten gegen die Ritualmordbeschuldigung und gegen das Vorgehen der herrschenden Klassen Rußlands, die diesen Aberglauben ausnützen, um den Kampf der Nationen in Rußland um ihre Freiheit in Pogromen gegen die Juden zu ersticken. Der Kampf gegen diesen Aberglauben sei vom sozialdemokratischen Standpunkte ein Kampf um Kultur und politische Freiheit. Eine in diesem Sinne beantragte Resolution wurde einstimmig angenommen. Eine Resolution an das amerikanische Staatsdepartement Dem amerikanischen Staatsdepartement wurde eine Resolution zur Annahme vorgelegt, in der es ersucht wird, die Regierung der amerikanischen Union zu einer Intervention in der Beilis-Affäre aufzufordem. Die Resolution lautet: „Das Staatsdepartement der Vereinigten Staaten wird hierdurch ergebenst ersucht, durch seine Diplomaten und Beamten den russischen Behörden zu bedeuten, daß durch eine Fortführung der Verhandlungen hn Beilis-Prozeß, soweit sie sich auf eine „Ritualmord‘-Anklage stützen, das amerikanische Volk und die Regierung der Vereinigten Staaten sich verletzt fühlen würde und die besagten Behörden energisch auf die Notwendigkeit hinzuweisen, auf ein unparteiisches Verfahren zu dringen und im Interesse der Gerechtigkeit und Menschlichkeit sich aller ehrenhaften Mittel zu bedienen.“ Protestversammlungen in England Die Versammlung im Memorial Hall, die von der English Zionist Federation einberufen wurde und vorigen Dienstag unter dem Vorsitz von Sir Francis Montefiore stattfand, machte auf die englische Oeffentlichkeit einen Eindruck, der alle Erwartungen übertraf. Auch war der Briefeinlauf so groß, daß die Verlesung der wichtigsten Zuschriften dreiviertel Stunden dauerte. Die höchsten Vertreter der Kirche, der Gesellschaft und des offiziellen Lebens in England sandten ihre Zustimmung zum Proteste gegen die Barbarei, die in Rußland verübt wird. Ehe Presse brachte lange Berichte und sympathische Leitartikel über die Protestkundgebung. Protestversammlungen, die in Leeds, Glasgow und anderen Städten der Provinz stattgefunden haben, waren ebenfalls sehr zahlreich, und von christlicher Seite besucht. Am imposantesten war jedoch die große Demonstration, die jüngsten Sonntag im Trafalgar Square in London veranstaltet wurde. Zionistische Organisationen und Arbeitergruppen zogen in endlosem Zuge vom East End durch die Straßen der City, und die blau-weißen Fahnen mit Aufschriften der Entrüstung über die Blutanklage erregten allgemeines Interesse. Die Demonstranten nahmen an der mächtigen Nelson-Säule Stellung, und viele Tausende füllten den großen Platz im Zentrum Londons. Wenn die Versammlung in Memorial Hall den Zweck erreichte, die Elite der englischen Nation auf den Beilisprozeß aufmerksam zu machen, so hat die Trafalgar- Square-Demonstration dasselbe bei den großen Massen der Bevölkerung zustande gebracht. Die Protestaktion der Poale-Zion Wie wir bereits berichtet haben, hat das Verbandsbureau der Poale Zion in einem Zirkular alle Landesparteien zur sofortigen Einberufung großer Protestversammlungen aufgefordert. Das Bureau hat für alle Versammlungen eine Resolution vorgeschlagen, deren Schlußpassus folgenden Wortlaut hat: „Die Versammlung erklärt, daß es unter der Würde des jüdischen Volkes ist, sich gegen die niederträchtige Blutbeschuldigung zu verteidigen, an welche die Beschuldiger selber ja gar nicht glauben. Die einzige richtige Antwort ist die Verdopplung der Energie im Kampfe gegen die stärkste Quelle der Reaktion und der Finsternis in Europa, gegen den Zarismus. Der Kampf gegen den Zarismus ist keine bloß russische Angelegenheit, sondern ein Lebensinteresse der gesamten unterdrückten Menschheit. Die Versammelten verpflichten sich, diesen Kampf weiter zu fördern, im Bewußtsein, daß es Pflicht der freiheitliebenden Elemente aller Völker ist, den Kampf des russischen Proletariats zu ihrem eigenen zu machen.“ Protestversammlung in Zürich Am 21. Oktober veranstalteten die sozialdemokratischen Vereine Zürichs eine große Protestversammlung gegen den Riualmortdprozeß. Zu der Versammlung herrschte ein so gewaltiger Andrang, daß eine Parallelversammlung stattfinden mußte. Es sprachen abwechselnd Rechtsanwalt Dr. Farbstein- Zürich, Pfarrer Reichen - Winterthur, der Lette Tarain und („jiddisch“) Wladimiroff - Zürich. Protestversammlungen in Rumänien Aus Jassy wird uns geschrieben: Am ly. Oktober fand hier auf Anregung einiger Intellektuellen eine Protestversammlung gegen den Beilis-Prozeß statt. Herr Oberrabbiner Dr. Meier Thenen lieh der Entrüstung der vieltausendköpfigen Versammlung über die schändliche Blutlüge trefflichen Ausdruck. Es sprachen ferner die Aerzte Dr. Burstin und Dr. Gelehrter. Der Letztgenannte ist der Führer der hiesigen Sozialdemokraten. Aus Botoschani berichtet man uns: Sonntag, den 19. Oktober fanden hier in beiden großen Synagogen zwei vom Verein „Dorschei Zion“ einberufene, überaus zahlreich besuchte Protestversammlungen gegen den Ritualmordprozeß von Kiew statt. Redner waren: in der neuen Synagoge Herr Rabbiner Z. M, Schmellner und Herr Marku Sachter, in der alten Synagoge Herr Rabbiner L. M. Landau und Herr Abraham Feiler, Vorsitzender der hiesigen zionistischen Ortsgruppe; Pogrompanik in Kiew Im Zusammenhang mit dem Beilis-Prozeß wird in Kiew von „patriotischer“ Seite daran gearbeitet, einen Pogrom in großem Umfange zu veranstalten. Nachdem die ehrenwerten Männer vom „Verbände des russischen Volkes“ und vom „doppelköpfigen Adler“ samt den anderen organisierten Hooligans den Boden durch schriftliche und mündliche Agitation hinreichend vorbereitet haben, erachten sie jetzt den Zeitpunkt für gekommen, an das eigentliche Werk zu gehen. Dieser Tage wurde der Polizei in Kiew gemeldet, daß im Stadtteil P o d o 1 eine geheime Versammlung von „Verbändlern“ und Hausbesitzern stattgefunden hat, in der über die Veranstaltung eines Pogroms beraten wurde. Es fehlte natürlich nicht an