Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 45 1526 DIE^ELT fragt ihn ausführlich, ob nicht zu dem Diebstahl vorher die Lokalitäten erforscht und überhaupt größere Vorbereitungen getroffen werden mußten. Zeuge erfaßt die Frage noch nicht ganz und gibt an, daß die Diebe die Ortsverhältnisse gekannt hätten, weil Latyschew in jenem Laden schon einmal einen Diebstahl verübt hätte, und daß sie darum nur an jenem 12. März beschäftigt gewesen wären. Samyslowski : „Wie wird das bei Ihnen gewöhnlich gemacht? Zuerst verüben Sie einen Diebstahl, und wenn Sie mit einer Sache fertig sind, dann gehen Sie gleich an die andere? Zuerst werden Sie die Sachen los und wenn sie sie losgeschlagen und das bare Geld verbummelt haben, dann machen Sie sich gleich an etwas anderes? Ist das so?" Zeuge: „Jawohl." Samyslowski : „Und kommt es nicht vor, daß Sie eine Sache noch nicht beendet haben und sich an eine andere machen?" Zeuge: „Nein.“ Samyslowski : „Das heißt also, wenn Ihnen die Sache gelingt, dann leben Sie lustig und erst, wenn alles verbummelt ist, dann kommt etwas neues heran? Ist's nicht so?" Zeuge : „Jawohl." Verteidiger Karabtschewski fragt den Zeugen, ob nach seinem Eingeständnis ein Gerichtsverfahren eingeleitet worden sei. Zeuge erwidert darauf, ihm scheine, daß es eingestellt worden wäre. Der Verteidiger Grusenberg bittet den Zeugen, zu bestätigen, daß trotz der Selbstbezichtigung des Singajewski ein Gerichtsverfahren nicht eingeleitet worden sei. Der Verteidiger Grusenberg fragt den Zeugen: „Der Diebstahl war aber doch am Abend.’ Was haben Sie denn am Morgen getan?" Singajewski: „Morgens war ich zu Hause." Auf die Frage der Verteidigung, warum nicht nur einer der Teilnehmer mit der geraubten "Beute, die doch in einem Koffer Platz gefunden habe, fortgereist wäre, und weshalb sie alle drei fortgefahren seien, weiß Zeuge nichts zu antworten. Auch auf wiederholte Aufforderung der Verteidigung, zu erklären, was er gemeint habe, als er zu Karajew sagte: „Ich habe nichts zu fürchten, ich habe am 12. nachts, um 1 Uhr an einem Diebstahl teilgenommen,“ vermag er nichts zu sagen. Darauf wendet sich Samyslowski an den Zeugen: „Wie meinen Sie, wenn Sie nun jemand getötet hätten, hätten Sie dann die Leiche noch verstecken müssen?" Singajewski findet keine Antwort. Samyslowski: „Wenn Sie also am 12. morgens getötet hätten, so hätten Sie die Leiche bis 12 Uhr nachts doch nicht verstecken können?" Zeuge: „Natürlich." Samyslowski: „Und Sie waren um 12 Uhr nachts beim Diebstahl und sind am 13. fortgereist?" Zeuge: „Jawohl." Samyslowski: „Folglich hätten Sie die Leiche nicht fortschaffen können?" Zeuge: „Das hätte ich nicht können." Samyslowski: „Sie haben es also als völlig bewiesen erachtet, daß Sie die Leiche nicht verstecken konnten, weil alle fort waren und daß Sie das von dem Verdacht befreie. Haben Sie so gedacht?" Zeuge: „Jawohl." Daß nach dem Diebstahl alle drei Teilnehmer fortgereist wären, erklärt sich nach der Fragestellung Samyslowskis auch sehr einfach. Die Kameraden hätten doch die Beute losschlagen, den Raub teilen müssen, ein einzelner hätte den Ertrag allein verprassen können, einer hätte den andern nicht recht getraut, und so hätten sie den Verkauf gemeinsam ausführen müssen. Ueber Karajew sagt Singajewski, daß er dessen Zugehörigkeit zu den Anarchisten kenne, daß er sich unter den politischen Arrestanten befunden und unter den Kameraden für einen Provokateur gegolten habe. Von Karajew will Zeuge etwas über die Fingersprache gehört haben, die ihm selbst vollständig unbekannt gewesen sei. Singajewski bestreitet es auch, Ausdrücke der Gaunersprache zu kennen. Ein dramatischer Moment ist die hierauf folgende Konfrontation Singajewskis mit Machali n. Singajewski verliert bei dem unvermuteten Anblick Machalins im ersten Augenblick vollständig die Fassung. Es vergeht längere Zeit, ehe er auf die Frage des Vorsitzenden, ob er Machalin kenne, zu antworten vermag, dann sagt er leise und scheu: „Ja, ich kenne ihn." Bald aber gewinnt er die Selbstbeherrschung wieder und leugnet nun alles. Als Machalin ihm fest in die Augen blickt und ihn an das Geständnis erinnert, wie er zugegeben habe, Justschinski ermordet zu haben, sagt er zitternd: „Ich habe niemals etwas gestanden, ich habe nichts vor ihm gesagt.“ Machalin: „Ich bleibe bei meiner Aussage." Nach Singajewski folgt die Vernehmung des Zeugen R u d s i n s k i, der zum Zweck der Zeugnisablegung vor einigen Tagen aus Sibirien, wo er eine Strafe verbüßt, nach Kiew transportiert worden ist. Rudsinski, „der Ministerkopf“, wie Singajewski ihn Karajew gegenüber genannt haben soll, leugnet ebenso wie Singajewski alles, was nur zu leugnen ist. Mürrisch und vorsichtig gibt er Antwort. Er erzählt ausführlich von dem Ladendiebstahl in der Nacht vom 12. zum 13. Mai, der Reise nach Moskau und von der Verhaftung daselbst. Die Tscheberjak kenne er gar nicht, er wäre mit einer anderen Schwester Singajewskis bekannt. Zeuge gibt an, mehrfach wegen Diebstahls bestraft und zuletzt wegen schweren Raubes zu 2 Jahren 9 Monaten Zwangsarbeit verurteilt zu sein. Vor seiner Abreise nach Moskau hätte seine Mutter seinen neuen Anzug aus dem Leihhause geholt, in dem er auch gereist war. Rudsinski verneint im übrigen alle an ihn gerichteten Fragen, welche Taktik auch von Singajewski im Nachverhör beobachtet Nach Singajewski und Rudsinski wird Manselewski, ein weiteres Mitglied der mit der Tscheberjak in Zusammenhang stehenden Verbrechergesellschaft, vernommen. Er gibt an, mehrfach wegen Diebstahls bestraft zu sein. Seine Bekanntschaft mit der Tscheberjak gibt Zeuge zu, behauptet aber, durch Katharina Djakonowa bei ihr eingeführt worden zu sein. Zeuge behauptet, am 9. März 1911, ohne daß er den Grund erfahren hätte, mit seinen Kameraden Lissunow, Michalkewitsch und Mosjak, in einer Badeanstalt arretiert und erst am 13. abends aus der Haft entlassen worden zu sein. Diese Tage habe er im Polizeigewahrsam zugebracht. Alexander Schwatschkow, Friseur von Beruf, erzählt, er sei eines Tages ohne irgendwelchen Grund von Detektiven in Haft genommen worden. Im Staro-Kiewer Polizeirevier, wo auch Rudsinski und Krymowski interniert waren, habe Zeuge den Krymowski deutlich sagen hören: „Und wie stehts mit dem Bastard?“, worauf Rudsinski erwidert habe: „Man hat ihn ,angenäht*“. Als in der Kiewskaja Mysl die Photographien der verdächtigen Verbrecher erschienen waren, habe sie Zeuge rekognosziert. Ferner gibt Zeuge an, daß ihm Rudsinski erzählt habe, wie sie nach Moskau gefahren seien und wie man sie dort verhaftet hatte. Krymowski habe ihm über den geplanten Kirchenraub in der Sofienkathedrale, der unter Justschinski Beteiligung erfolgen sollte, des näheren Bei der Konfrontation zwischen dem Zeugen und Krassowski gibt letzterer an, die Erzählung des Schwatschko von Brasul gehört zu haben. Es folgen nun mehrere Konfrontationen zwecks Feststellung der Rolle Justschinskis am geplanten Kirchenraub. Auf die Frage des Verteidigers Karabtschewski erwidert Brasul, seines Erachtens sei beabsichtigt worden, daß Justschinski sich daran beteilige. Ob er darauf eingegangen sei, vermag er nicht zu sagen. Auf Ersuchen des Vert. Grusenberg verkündet das Gericht die eingeholte Auskunft, wonach der vorher vernommene Friseur Schwatschko im Staro-Kiewer Polizeirevier zur gleichen Zeit (vom 9.—12. Juli 1911) mit Rudsinski und Krymowski interniert war. Grusenberg bittet das Gericht und die Geschworenen, das Datum des 9. Juli im Gedächtnis zu behalten. „Wie wichtig das ist, kann ich laut Gesetz jetzt nicht er- Beim Nachverhör gibt Kommissarius Kiritschenko an, es sei ihm bekannt, daß Singajewski am Tage seiner Abreise, am 13. März, seine Mutter oder Schwester gebeten hat, ihn zum 12. März abzumelden. Der Geistliche Sinkewitsch erklärt, die Zeugin Pimonenko habe ihm im Zeugenraum gesagt, ein unbekannter Jude hätte ihr 1000 Rubel angeboten. Bei der Konfrontation zwischen ihm und der Pimonenko stellt sich heraus, daß ihr der Jude eine Anleih e zu 9 o/o angeboten habe. Die Anklagepartei fühlt sich in komischer Situation. Vert. Karabtschewski benutzt den Moment, um den Geistlichen zu fragen: „Sind Sie Mitglied des Doppeladlers?" „Jawohl." „Meine Fragen sind erledigt,“ erklärt Karabtschewski.