Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 45 1521 wird jeder Kenner der galizischen Verhältnisse zugeben. Man tröstet sich damit, daß man die Führer der Unfähigkeit bezichtigt. Das ist die Erklärung der Denkfaulen. Jede Bewegung hat d i e Führer, die sie verdient. Tatsache ist, daß die innerpolitische Tätigkeit der galizischen Zionisten allzu schnell abgeflaut ist und dabei hat innerhalb der zionistischen Organisation selbst eine herbe Enttäuschung und Erbitterung platzgegriffen, die nicht ohne Folgen für die rein zionistische Tätigkeit war. Und was noch wichtiger ist: die Nationalisierungsarbeit selbst ist dadurch behindert worden, von positiven Resultaten nach außen hin ganz zu schweigen. Und nach innen ist auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Stärkung des galizischen Judentums ebenfalls nichts erreicht worden. Man kritisierte zionistischerseits die wirklich lächerlichen Hilfsaktionen auf philanthropischem Boden, aber bei den schönen Reden blieb es. Das galizische Judentum ist auch heute in der Befriedigung seiner Gegenwartsaufgaben den Assimilanten ausgeliefert, und über die Köpfe der Juden hinweg wird die Reform des Landtagswahlrechtes durchgeführt werden. Und merkwürdig: das einzig positive an der Gegenwartsarbeit der galizischen Zionisten ist die Hebraisierung eines kleinen Teiles der jüdischen Bevölkerung. Aber damit zieht man, wie die Erfahrung lehrt, die Massen nicht heran. Westösterreich und Deutschland. Hier stellt sich das Gegenwartsproblem in viel einfacherer Form dar, als in Osteuropa. Das Judentum dieser Länder befindet sich in einem Uebergangsstadium. Deshalb ist vieles noch unklar. Und in anderer Beziehung sind die Verhältnisse hier viel einfacher, besonders in Deutschland. Da stehen die Juden weder vor national-politischen, noch vor gewaltigen national-wirtschaftlichen Problemen, wie etwa in Rußland und Galizien. Da handelt es sich vor allem um national-kulturelle Probleme und um die Wiedererweckung des nationalen Bewußtseins. Die Gegenwartsarbeit spitzt sich zum heftigen Kampf zwischen dem jüdisch-nationalen und assimilatorischen Gedanken zu. Es handelt sich hier also vor allem um eine erzieherische Aufgabe, um die Schaffung einer jüdischen Schule, was selbstverständlich nicht ohne Kampf auf dem Gebiete der jüdischen Gemeindeorganisation zu erreichen ist. Nur stellt sich der jüdisch-nationale Gedanke in Nationalitätenstaaten wie Rußland und Oesterreich ganz anders dar, als in Nationalstaaten wie Deutschland. Dort handelt es sich um Politik, hier um inneres Bewußtsein. Es entsteht also die elementare Frage: Wie ist der subjektive national-jüdische Gedanke mit der objektiven Assimilation in Einklang zu bringen? Diese Frage zu stellen, ist leichter, als sie zu beantworten. Jedenfalls ist da mit dem Beispiele der sich selbst überwindenden Persönlichkeit nicht viel auszurichten, noch weniger mit dem burschikosen Draufgängertum der Ungestümen. Die Masse ist immer feig und opportunistisch. Damit muß gerechnet werden. Gerade an den Verhältnissen der deutschen Judenheit kann und muß das zionistische Gegenwartsproblem in seiner reinsten Form studiert werden. Denn hier fehlen die zufälligen, temporären Momente. Und man vergesse nicht: im großen und ganzen ist der jetzige Zustand der Juden Deutschlands ein Vorbild desjenigen der osteuropäischen Judenheit nach 30—50—70 Jahren, wenn . . . der Zionismus seine schöpferische Kraft nicht entwickeln wird). Westeuropa. Was nun die übrigen Länder Westeuropas anbetrifft, so ist auch hier vor allem die national-erzieherische Seite des Gegenwartsproblems die allerwichtigste. Und da die dortigen Juden scheinbar Juden nur der Konfession nach sind, so wird sich der Zionismus mit der jüdischen Synagoge in ihrer gegenwärtigen Form auseinandersetzen müssen. Das zionistische Gegenwartsprogramm muß unser Verhältnis zur jüdischen Neuorthodoxie und zum Reformjudentume klar präzisieren, was bis jetzt nicht geschehen ist. Es darf nicht der Irrtum begangen werden, Kompliziertes gewaltsam zu versimpeln, indem man gedankenlos die Neu Orthodoxie mit dem jüdischen Nationalismus und das Reform judentum mit der Assimilation identifiziert. Die Verhältnisse sind in Wirklichkeit viel komplizierter. Es handelt sich hierbei nicht um persönliche Gefühle, sondern um objektive Verhältnisse. Diese müssen analysiert werden, wenn wir nicht unbewußt in Hypokrisie verfallen wollen. Wie wir sehen, hat das zionistische Gegenwartsproblem ein vielfältiges Aussehen, je nach den verschiedenen Ländern. In Wirklichkeit kann aber nur ein einziges zionistisches Gegenwartsprogramm existieren, entsprechend dem einheitlichen zionistischen Zukunfts- (Ein zweiter Artikel folgt.) Der Kiewer Prozeß vor der Duma Am 28. Oktober wurde die Session der Reichsduma nach viermonatiger Unterbrechung wieder aufgenommen, und schon die erste Sitzung befaßte sich mit dem Beilis-Prozeß. Die Fraktion der Kadetten brachte nämlich eine dringende 1 n - terpellation ein betreffend die gesetzwidrigen Repressivmaßnahmen, die in letzter Zeit im Zusammenhänge mit dem Kiewer Prozeß gegen die Presse angewandt wurden. Trotz wiederholter Unterbrechungen und Warnungen durch den Vorsitzenden, der die Behandlung des „schwebenden Verfahrens“ nicht zuließ, verstand es der Redner der Kadetten M i 1 j u k o w, in kurzen, kräftigen Worten das elende Intriguenspiel aufzudecken, das der Kiewer Gerichtsfarce zu Grunde liegt. Er sprach von den seit 1903 sattsam bekannten Pogromorganisationen, deren Vertreter, der zweiundzwanzigjährige G o 1 u b e w, die Protokolle der Untersuchung, neben dem Untersuchungsrichter, mitunterzeichnet, und Samyslowski nach Kiew als Zivilkläger berufen hat, von dem Einfluß, den diese Golubew und Rosmitalsky e tutti quanti auf das um ihr Fortkommen besorgte Beamtentum ausgeübt, von dem rührenden Bündnis zwischen Berufsdieben und Einbrechern mit dem Dumaabgeordneten Samyslowsky usw. Zum Schlüsse forderte Miljukow die Duma auf, unzweideutig zu jenem Beginnen Stellung zu nehmen, das Rußland zur Schmach gereiche. Gegen Miljukow wandte sich der famose Purischkewitsch in der bewährten und beliebten Art. Es fehlten in dieser Rede natürlich weder pathetische Klagen über den jüdischen Kahal, der vor Vergiftung und Bestechung nicht zurückschrecke, noch auch ziemlich durchsichtige Andeutungen, daß die Interpellanten von den Juden bestochen worden seien. PurisChkewitsch und seine Gesinnungsgenossen blieben aber diesmal in der Minderheit, da die Oktobristen für die Interpellation stimmten. Allerdings taten sie es recht „korrekt“, indem sie es nachdrücklich und entschieden ablehnten, sich zum Prozesse selbst zu äußern und indem sitz die Interpellation nur hinsichtlich der Verfolgungen der Presse gelten ließen. Im Zusammenhang mit dem Beilisprozeß wird zurzeit im Süden und Südwesten Rußlands an vielen Orten eine lebhafte Pogromagitation entfaltet. Als Agitationsmaterial wird das Kiewer PogromblättChen „Doppeladler“ und die neueste Broschüre des ehrwürdigen Pater P r a n a i t i s verwandt. In den Gouvernementsstädten wird der jüdischen Bevölkerung wenigstens von offizieller Seite versichert, daß es