Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1520 dies^kelt N.. 45 Vor allem konstatieren wir auch in dieser Beziehung einen gewaltigen Unterschied Zwischen Ost- und Westjudentum, zwischen den Ländern mit massenhafter und solchen mit geringer jüdischer Bevölkerung. Um ein konkreteres Bild zu liefern, wollen wir die einzelnen Länder besonders betrachten. Rußland. Die russische Judenheit hat vor allem menschliche Daseinsbedingungen zu erkämpfen. An diesem Kampfe sind alle Schichten der russisch-jüdischen Bevölkerung beteiligt. Und als die Wellen dieses Kampfes sehr hoch zu schlagen begonnen hatten — in den Jahren 1905—1907 —, da schien es schlechterdings unmöglich, sich an diesem Kampfe nicht zu beteiligen. Und man beteiligte sich daran, zuerst einfach als Jude — und später versuchte man die Beteiligung zu begründen und zu systematisieren. So entstand das H e 1singforser Programm, das die russischen Zionisten als eine spezifische national-jüdische Partei Rußlands festlegte. Wir müssen gleich bemerken, daß von Anfang an nicht alle russischen Zionisten damit einverstanden waren. Von Anfang an waren Zweifel, ob aus dem Kampf für die Gleichberechtigung etwas Spezifisch-Zionistisches würde hervorgehen können. Jedenfalls konnten die Verteidiger des Helsinforser Gegenwartsprogramms darauf hinweisen, daß in den anderen Ländern die Gleichberechtigung stets mit der Assimilation erkauft wurde, was jetzt — in Rußland — vermieden werden sollte. Und somit wurde ein spezifischzionistisches Programm der national-kulturellen Forderungen der russischen Juden formuliert. Nun stellte sich aber bald heraus, daß die überwiegende Mehrzahl der russischen Juden auf dem Boden der national-kulturellen Autonomie steht. Sogar die Assimilanten mußten sich ein rasch zusammengeflicktes Mäntelchen von nationaljüdischer Färbung anhängen. Denn was in Westeuropa erst bewiesen werden muß — die Existenz einer jüdischen Nationalität —, ist in Rußland selbstverständliche Tatsache. Man streitet darüber, ob sie in der Zukunft existieren kann und soll, aber keinem Assimilanten hier wird es einfallen, von den Juden ein Bekenntnis russischen Nationalbewußtseins zu verlangen. Wohl gibt es hier schon sehr viel Juden, die sich als Russen fühlen, aber diese Tatsache wird nicht auf die breite jüdische Masse übertragen. Hier braucht man kein Zionist zu sein, um jüdischer Nationalist zu sein, ÖL h. um die ontologische und deontologische Existenz einer jüdischen Nationalität anzuerkennen — wenigstens innerhalb der Grenzpfähle Rußlands. In bezug auf die allgemeinen national-politischen und national-kulturellen Forderungen sind die russischen Nationaljuden mit den Zionisten fast identisch. Vielleicht gibt es einen Unterschied im Temperament, aber auch den nicht immer. Der Unterschied zwischen diesen und jenen ist sehr groß, aber nur in Beziehung auf das zionistische Zukunftsideal, aber keineswegs in bezug auf den Palästinismus, als konkrete Kolonisation, als eine unter vielen jüdischen Aufgaben. Nüanzderungen existieren noch in bezug auf die Sprachenfrage, soweit die Zionisten mit dem Jiddisch als realer Tatsache rechnen. Der Kampf entbrennt nur in dem Momente, wo die Zionisten die hebräische Sprache als die einzige Sprache der jüdischen Kultur schon hier in der Diaspora proklamieren. Denn mit Ausnahme der kleinen Gruppe verstockter „ Jiddischisten“ kämpft kein einziger nicht zionistischer Nationaljude gegen die hebräische Sprache. Und das Helsingforser Programm hat bekanntlich Jiddisch' dem Hebräischen gleichgestellt — in der Anwendung auf die Diaspora'. Auch in bezug auf die wirtschaftlichen Fragen konnte nichts Spezifisch-Zionistisches konstruiert werden. Sogar das Emigrationsproblem ist für alle national-jüdischen Elemente ziemlich gleichartig. Es ist wohl Wahr, jdaß der Zionismus auf die russische Judenheit stark nationalisierend gewirkt hat. Aber Dubn o w entfaltete eine sehr intensive Propaganda des jüdischen Autonömismus unabhängig vom Zionismus. Somit gestaltete sich das Gegenwartsproblem für die Zionisten nicht als Ziel, sondern als Mittel. Als Mittel, den Kontakt mit der Masse zu wahren, die zionistische Propaganda durch die Gegenwartsarbeit zu erleichtern. Dazu kommt noch das rein psychologische Moment: man kann nicht indifferenter Beobachter des Lebens bleiben, man ist gezwungen, in den Kampf für elementare Menschenrechte einzutreten, man muß an der Lösung vieler Gegenwartsfragen teilnehmen. Und die Arbeit, die man geleistet hat, will man dann auf die Rechnung der Partei, der Organisation setzen. Der theoretisierende Gedanke hat dann hinterher diese Psychologie in objektive Soziologie zu verwandeln gesucht, und auf diese Weise gelangte er dahin, ein scheinbar harmonisches Gebäude des synthetischen Zionismus aufzurichten, in dem die Gegenwart in die Zukunft gesetzmäßig hinübergleitet. Wie gestaltet sich aber die Praxis? In dieser Beziehung verfügen wir über eine reiche Erfahrung. In Wirklichkeit hat sich keine spezifisch-zionistische Gegenwartsarbeit herausgebildet. Es ist wahr, der Zionismus hat das russische Judentum daran gewöhnt, an eine selbständige jüdische Politik zu denken, sich nicht bloß als Anhängsel der linksstehenden Parteien zu betrachten, das ist aber auch alles. Das einzig Originelle, was der russische Zionismus in die Gegenwartsarbeit hineingetragen hat, ist die Hebraisierung eines kleinen Teiles der Juden — durch die hebräischen Schulen und durch die Förderung der hebräischen Literatur. Sonst aber, auf allen Gebieten der Gegenwartsarbeit, mußten die Zionisten mit allen nationalgesinnten Juden zusammen arbeiten. Mit einem Worte: in der Gegenwartsarbeit spielen die Zionisten die Rolle eines Ferments und nicht eines selbständigen Faktors. Dabei sehen wir von den momentanen äußeren Umständen ab: gegenwärtig ist in Rußland bekanntlich jede organisierte Arbeit auf gesellschaftlichem Gebiete fast unmöglich gemacht. Oesterreich. Hier müssen wir die Gebiete mit konzentrierter jüdischer Bevölkerung gesondert behandeln — Galizien und die Bukowina. Das andere Oesterreich ähnelt dem übrigen Westeuropa. In Galizien und der Bukowina kommt nun ein wichtiger Umstand in Betracht: dort existiert keine nichtzionistische national-jüdische Partei. Somit ist hier Zionismus und Nationalismus identisch. Die jüdische Nationalpartei ist hier notgedrungen auch die zionistische. Mit anderen Worten: die einzigen Träger des nationalen Gedankens sind hier eben die Zionisten. Und somit kompliziert sich hier das Gegenwartsproblem. Wenn die Zionisten sich nicht mit der Gegenwartsarbeit beschäftigen, dann bleibt das Feld frei — für die Assimilanten. Wohl brauchen hier die Juden nicht für ihre formale Gleichberechtigung zu kämpfen, aber andererseits muß die langwierige Arbeit der Nationalisierung der jüdischen Massen geleistet werden. Daß die große Masse ihre eigene Sprache besitzt und noch so ziemlich an der traditionellen jüdischen Religion festhält, ist jauch kein Beweis für ihr bewußtes Handeln im jüdisch-nationalen Sinne. Und zum bewußt nationalen Handeln gehört auch die Entwicklung der Selbsthilfe und der inneren Kohäsionskraft mit Verzicht auf jegliche Philanthropie. Wenn nun die Zionisten diese Arbeit nicht leisten, wer wird sie denn leisten? Und doch belehrt uns die Erfahrung über manches, was die Beantwortung dieser Frage nicht leicht macht. Die galizischen Zionisten haben eine fieberhafte Gegenwartsarbeit entwickelt, und die Resultate sind kläglich. Das