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Die Welt · 1913-11-07 · 45 (7.11.1913) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE WELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRQ. BERLIN, 7. November 1913 TimVaV n"Dnn 'X ppmo '1 ,^12 Nr. 45. UNSER GEGENWARTSPROGRAMM Von Dr. D. Pasmanik, Petersburg Der XI. Kongreß hat sich leider mit dem Problem unserer Gegenwartsarbeit nicht beschäftigen können. Der zwölfte wird es tun müssen, um die normale Entwicklung des Zionismus zu fördern. Und das Problem ist kompliziert genug, um rechtzeitig behandelt zu werden. Denn neben der Frage des für uns geeigneten Systems der Palästinakolonisation ist die Frage unseres Gegenwartsprogramms die aller wichtigste im ganzen Zionismus. I. Solange der Zionismus gewissermaßen eine modernisierte messianische Bewegung war resp. als eine durch die Energie einer genialen Persönlichkeit vollbrachte Tat gedacht war, konnte von einem Gegenwartsprogramm keine Rede sein. Je mehr aber der Zionismus zu einer geschichtlichen Evolution wird, desto brennender, wird die Frage des natürlichen Zusammenhangs zwischen Gegenwart und Zukunft. An der Analyse der Gegenwart sollen die Umrisse der Zukunft sichtbar werden, aus der potenziellen Energie des Heute muß die lebendige Kraft des Morgen hervorquellen. Soll der Zionismus der Tat und dem Denken nach aufhören, eine philanthropische Unternehmung oder eine bloße Rettungsaktion zu sein, soll er ein System der vom schöpferischen Willen des Volkes geschaffenen Geschichtsnotwendigkeiten werden, so ist die UeberbrüCkung der Kluft, die sich zwischen Gegenwart und Zukunft auftut, unumgänglich. Es handelt sich nicht bloß um die Schönheit logisch-formaler Konsequenz — was auch nicht zu unterschätzen ist —, sondern hauptsächlich um die Grundlegung unserer ganzen zionistischen Tätigkeit, um ein System der Praxis. Man spricht jetzt, besonders in Deutschland, von der Notwendigkeit, die Grundsätze der bisherigen Agitation und Propaganda einer Revision zu unterziehen. In Wirklichkeit haben wir noch keine festgelegten, allgemeingültigen Prinzipien unserer Propaganda. Im großen und ganzen herrschte auf diesem Gebiete der freie Wille und der schöpferische Entschluß jeder E i nzelpersönlichkeit, Arbeitsgruppe oder höchstens Landsmannschaft. Die letztere war selten imstande, einheitlich vorzugehen, denn innerhalb jeder einzelnen Landsmannschaft herrschten gewöhnlich ebenfalls die allerverschiedensten Ansichten darüber. Nun ist es ohne weiteres klar, daß die Prinzipien unserer Agitation vor allem von unserem Gegenwartsprogramm abhängig sind. Heute, nach sechzehn Jahren zionistischer Geschichte, können wir ganz getrost sagen: das Palästinaproblem als solches, d. i. als bloße Kolonisationstätigkeit, stößt auf keinerlei Widerstand in den breiten jüdischen Massen. Die Zweifel entstehen erst, sobald wir von unserem Zukunfts ideal sprechen, ganz besonders aber, — sobald wir unsere Gegenwart in dem einen oder anderen Sinne umgestalten wollen. Was die Nichtzionisten abschreckt, ist nicht die Wiedergeburt der jüdischen Nation in Palästina, sondern die jüdischnationale Betätigung jetzt und hier, in der Diaspora. Und somit ist es klar, daß wir selbst ein festgefügtes System unserer Diasporatätigkeit besitzen müssen, ein System, auf Grund dessen wir zu allen Erscheinungen der Gegenwart Stellung nehmen könnten. Und wenn wir daran denken, den Zionismus zu einer wirklichen Volksbewegung zu gestalten, so müssen wir unbedingt mit der Massenpsychologie rechnen. Diese ist aber niemals von der Zukunft bestimmt, sondern fast ausschließlich von der Gegenwart. Die Zukunft muß geschaffen werden, die Gegenwart wird erlebt. Schöpfer aber sind nur die einzelnen. Und somit kommen wir zu dem Schlüsse: das zionistische Denksystem und die zionistische Praxis erfordern gleichmäßig die Ausarbeitung eines Gegenwartsprogramms, das unser Verhältnis zu allen Erscheinungen des täglichen jüdischen Lebens bestimmen soll — sei es in positiver oder negativer Richtung. Nur kein Vacuum, und aiuch kein Zufall, — wie es leider bis jetzt der Fall ist. Vielleicht kommen wir zu dem Schlüsse, daß wir überhaupt kein Gegenwartsprogramm brauchen, d. h., daß wir keine Beziehungen zur Gegenwart als Zionisten haben dürfen. Auch das aber muß im Einklang mit dem zionistischen Denksystem begründet werden. II. Wie gestaltet sich das Problem des Gegenwartsprogramms in der Wirklichkeit? Nicht als Einheit entsprechend der Einheitlichkeit des zionistischen Ideals, sondern als Vielheit im scheinbaren Einklang mit der verschiedenen Lage der Juden in den vielen und verschiedenen Ländern der Diaspora. Da müssen wir uns vor allem klar machen, wie sich dieses Problem in den einzelnen Ländern kristallisiert hat. .

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